"Diese Leute sind eine Katastrophe"

Redet als schwer Betroffener über Corona: Schriftsteller Jonas Lüscher. Thomas Egli / lunax

Schriftsteller Jonas Lüscher erkrankte schwer an Corona, lag sieben Wochen im Koma. Im Interview erzählt der 43-Jährige von seiner Wut auf Beschöniger und Verschwörer – und sagt, was gute Literatur zum Verständnis der Krise beitragen kann.

Dieser Inhalt wurde am 24. August 2020 - 15:31 publiziert
Linus Schöpfer / SonntagsZeitung

Herr Lüscher, Sie hatten Corona. Wie verlief die Krankheit bei Ihnen?

Ich hatte einen schweren Verlauf. Am 15. März sprang ich kurzfristig bei den Münchner Kommunalwahlen ein, half an der Urne und beim Auszählen. Da habe ich mich wohl infiziert. Erst hatte ich die bekannten Symptome, Husten, hohes Fieber. Nach einem positiven Test wurde ich ins Krankenhaus überwiesen. Dort diagnostizierten die Ärzte eine Lungenentzündung, und mein Zustand verschlechterte sich schnell. Man versetzte mich ins Koma und begann mit der Beatmung. Ich war sieben Wochen im Koma, insgesamt neun Wochen auf der Intensivstation und drei Wochen in der Reha. Die Lungenfunktion ist immer noch etwas eingeschränkt und ich kämpfe mit den üblichen Nebenerscheinungen eines langen Komas, aber ich habe, und das ist ein grosses Glück, keine kognitiven Schäden davongetragen.

Nach dieser Erfahrung: Wie beurteilen Sie die öffentliche Debatte?

Wenn sogar Immunologen heute noch öffentlich sagen, Corona sei für gesunde Menschen unter 45 nicht gefährlich, finde ich das – gelinde gesagt – schon sehr seltsam. Es hätte mich vermutlich auch geärgert, wenn ich nicht infiziert worden wäre. Nun ärgert es mich umso mehr, weil mit dieser Verharmlosung meine Krankengeschichte negiert wird. Ich gehöre ja keiner Risikogruppe an, war gesund, hatte keine Vorerkrankungen, bin noch keine 45. Die Bequemlichkeit der Argumentation ist offensichtlich: Wenn das Virus nur die Alten und bereits Kranken betrifft, kann man die ja einsperren. Aber das ist erstens falsch, wie ja nicht nur mein Corona-Verlauf zeigt, zweitens unmenschlich und funktioniert drittens nicht, wie wir am Beispiel Schweden sehen. Und die ganzen Verschwörungstheoretiker … nun, diese Leute sind schlicht eine Katastrophe.

Weist uns Corona auf ein grösseres Übel hin? Oder ists einfach eine besonders üble Zoonose?

Es wäre zumindest eine verpasste Chance, wenn wir die unbestreitbare Krise nicht nutzen würden, um uns einige grundsätzliche Fragen zu stellen. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, sie vergrössert die bereits existierenden gesellschaftlichen Verwerfungen und zeigt die Probleme in aller Deutlichkeit. Wir müssen uns natürlich fragen, ob eine Wirtschaftsordnung, die so vulnerabel ist, weil sie auf ständiges Wachstum und ungebremsten Konsum angewiesen ist, angesichts einer Pandemie noch als sinnvoll bezeichnet werden kann. Wir müssen uns natürlich fragen, ob unsere Beziehung zu Tieren nicht grundsätzlich überdacht werden muss. Und wir müssen angesichts der gigantischen Hilfspakete darüber sprechen, wer eigentlich die grössten Lasten trägt, wer am verwundbarsten ist und wie wir die Lasten fair verteilen können. Wieder einmal steht die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit im Zentrum.

Aber werden diese Fragen denn überhaupt diskutiert?

Erstaunlicherweise nicht. Es ist doch eigentlich offensichtlich, dass in dieser ausserordentlich dramatischen Lage die Hoffmanns und Oeris, die Brenninkmeijers und Blochers, die eine oder andere Milliarde abgeben müssten. Aber dieser Diskurs wird nicht geführt. Alle scheinen zu hoffen, dass wir bald wieder in die Zeit vor Corona zurückkehren können. Sicher, es kann sein, dass wir in drei, vier Jahren gelassen zurückschauen aufs Jahr 2020 und uns die Corona-Zeit dann nur noch als ferner Schrecken in Erinnerung ist. So, wie sich heute viele kaum noch an die Finanzkrise von 2008 erinnern. Aber es ist auch gut möglich, dass wir nie mehr in die alte Normalität zurückkehren werden. Dass wir uns arrangieren müssen.

Umverteilung erscheint Ihnen als dringendes Anliegen der Corona-Krise. Naheliegend ist das nicht.

Doch, durchaus. Die Corona-Krise hat die Ungleichheit unserer Gesellschaft in aller Deutlichkeit gezeigt. Wer am Zürichberg eine schöne Villa hat, mit Garten und Swimmingpool, der kann die Corona-Krise problemlos als Chance zur Entschleunigung begreifen. Etwas Yoga üben, das Französisch auffrischen ... Die Alleinerziehende mit den zwei pubertierenden Söhnen in einer kleinen Mietwohnung erlebt die Krise ganz anders. Ihr Leben prekarisierte sich wegen Corona noch weiter. Ja, wir müssen das Geld endlich besser verteilen.

Warum gibt es dafür kein Bewusstsein?

Weil wir das neoliberale Denken der letzten dreissig Jahre verinnerlicht haben. Uns fehlt schlicht die Fantasie, uns eine bessere Welt auszudenken. So können wir uns offenbar immer noch nicht vorstellen, dass eine Pflegerin mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen verdient hat als bisher. Und das, obwohl sich die Bedeutung dieser Pflegerin, ihre Systemrelevanz in den letzten Monaten ganz klar gezeigt hat.

"Uns fehlt schlicht die Fantasie, uns eine bessere Welt auszudenken."

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Sie sind Sozialdemokrat. Ihre private, aber auch die gesellschaftliche Corona-Krise hat Ihre Überzeugung gestärkt.

Ja. Diese Krise ist doch der Beweis, dass wir einen handlungsfähigen Staat brauchen. Schauen wir nur in die USA, die in der Krise gerade komplett versagen: ein schwacher Sozialstaat, ein miserables Gesundheitssystem, eine marode Infrastruktur, dazu inkompetente Personen in Schlüsselpositionen.

Nicht nur Trump, sondern auch Bolsonaro und Johnson machen eine schlechte Figur. Kommt mit Corona die Ära des populistischen Dilettanten an ihr Ende?

Natürlich ist diese Krise entlarvend. Trump und seinesgleichen beherrschen offensichtlich nicht mal das Einmaleins der Verwaltung, haben null Ahnung vom Krisenmanagement. Es fragt sich allerdings, ob das ihre Wähler überhaupt noch interessiert. Ob die Realität ihrer fanatischen Anhängerschaft noch etwas anhaben kann. Bei Trump müsste eigentlich nur eines dieser irren Interviews reichen, um jeden von seiner Unwählbarkeit zu überzeugen. Dass ein Jair Bolsonaro nun tatsächlich mit einem milden Corona-Verlauf davonkommt, ist leider ein aufklärerischer GAU. Das scheint nun seine «Ist ja nur ein Schnupfen»-Erzählung zu legitimieren.

Anders Boris Johnson, der ziemlich zu leiden hatte.

Ich habe gelesen, dass ihn die Corona-Erkrankung verändert habe, nachdenklicher gemacht habe. Das ist einerseits natürlich erfreulich. Anderseits kann es doch nicht sein, dass ein Politiker erst dann für ein Problem sensibilisiert wird, wenn er persönlich damit konfrontiert wird. Einer solchen Person scheint es an Empathie zu mangeln. Wenn ein Premierminister Corona gehabt haben muss, damit er das Problem erkennt – dann disqualifiziert ihn das für sein Amt.

Sie erklären in Ihrem jüngsten Buch, dass unsere Gesellschaft das Erzählen unterschätze. Sie setze zu sehr auf quantitative Methoden, vergöttere Statistiken ... Corona widerlegt Sie: Wir müssen besser rechnen können, um die Fallzahlen, die Wahrscheinlichkeiten verstehen zu können.

Vordergründig scheint das so zu sein. Ja, in der Corona-Krise brauchen wir wissenschaftliche Präzision, und die Epidemiologie ist tatsächlich zum grossen Teil ein statistisches Fach. Es bleibt die Frage: Was machen wir mit den ganzen Zahlen? Wir müssen notgedrungen ein Narrativ daraus entwickeln. Denn Zahlen allein sagen nichts aus. Wir brauchen also Erzählungen, die auf diesen Zahlen basieren – Erzählungen mit Erklärungsqualität und Welthaltigkeit. Der Berliner Virologe Christian Drosten ist ein gutes Beispiel für einen kompetenten Wissenschaftserzähler. Seine Podcasts sind ja nichts anderes als Zahlen, die Drosten in verständliche, dabei vorsichtig und nuanciert vorgetragene Erzählungen verwandelt. Deutschland kann sich glücklich schätzen, einen solchen Wissenschaftler zu haben. Auf der anderen Seite steht die dümmste aller Corona-Erzählungen, die plumpe Verleugnung unter Heranziehung von Verschwörungstheorien.

"Natürlich ist diese Krise entlarvend. Trump und seinesgleichen beherrschen offensichtlich nicht mal das Einmaleins der Verwaltung."

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Auf dem Kamm der ersten Welle war auch die apokalyptische Corona-Erzählung beliebt. Lukas Bärfuss etwa prophezeite, der Schweiz werde es schlechter ergehen als Italien.

Es ist immer leicht, sich über «Panikmache» zu mokieren. Christian Drosten sagte den schönen Satz: «There is no glory in prevention.» Und so ist es dann doch auch: Weil einige Alarm schlagen, werden Massnahmen ergriffen, die dann dazu führen, dass es eben nicht so schlimm wird wie angedroht – und dann stehen sie da wie die Alarmisten. Hätten sie aber nicht gewarnt und man hätte keine Massnahmen ergriffen und es wäre schlimmer geworden, würden sie vermutlich von denselben Kritikern der Tatenlosigkeit bezichtigt. Und es brauchte ja wenig: Stellen wir uns nur vor, die Basler Fasnacht hätte stattgefunden. Dann hätte sich die Pandemie bei uns tatsächlich ähnlich schlimm wie in Norditalien entwickeln können.

Sie sind überzeugt, dass uns Literatur ein besseres Verständnis der Welt ermöglichen kann. Kommt bald der grosse Corona-Roman, der uns die Augen öffnet?

Wenn die Presse bald einmal den grossen Corona-Roman ausruft, darf man getrost skeptisch sein. Denn solche gewaltigen Ansprüche überfordern Bücher in den meisten Fällen. Ein Thema wie Corona umfassend zu behandeln, das kann ein Roman nicht leisten. Es wird vielmehr ein Netz an künstlerischen Erzählungen sein – dazu gehören auch Filme oder Songs –, das allmählich entsteht und uns ein facettenreicheres, tieferes Verständnis von Corona ermöglichen wird. Dabei müssen Begriffe wie «Corona» oder «Viren» gar nicht ausdrücklich thematisiert werden. Sondern es geht darum, wie die Pandemie die grossen Menschheitsthemen wie «Liebe» oder «Familie» prägt. Eben so, wie die guten Geschichten zur Finanzkrise 2008 – denken wir etwa an die Texte von Rainald Goetz oder John Lanchester – diese Krise implizit behandelten.

"Sicher wird mein Schreiben nach Corona in gewisser Weise ein anderes sein."

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Sie verarbeiteten in Ihren Büchern «Frühling der Barbaren» und «Kraft» ebenfalls die Finanzkrise respektive den kriselnden Neoliberalismus. Ist Corona für Sie ein interessanter literarischer Stoff?

Aus gesellschaftlicher Perspektive ja. Über meine eigene Erkrankung werde ich nicht schreiben – oder zumindest nichts, was ich publizieren werde. Aber sicher wird mein Schreiben nach Corona in gewisser Weise ein anderes sein – das gilt aber vermutlich für jede ernsthafte Autorin und jeden ernsthaften Autor.

Corona hat Konsequenzen für den Kunstbetrieb: Konzerte, aber auch grosse Lesungen sind kaum mehr möglich, viele Unternehmen stehen vor dem Konkurs. Kommt jetzt die Verwüstung der Kulturlandschaft?

Es ist jedenfalls ein sehr kritischer Moment. Denn vieles, was jetzt verschwindet, dürfte nicht mehr zurückkommen. Gerade kleine, subventionierte Betriebe werden es schwer haben. Und viele Bereiche der kulturellen Produktion basieren auf Selbstausbeutung – in der freien Theaterszene, im Jazz, im Tanz, aber auch in der Literatur. Es ist für viele ein Leben von der Hand in den Mund. Die meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller können von den Buchverkäufen nicht leben. Sie sind auf die Lesungen angewiesen, die nun ausfallen. Besonders schlimm traf es jene, deren Bücher mitten im Lockdown publiziert wurden. Da hat man fünf Jahre an einem Roman gearbeitet, und dann verschwindet das Buch einfach im Nichts.

Ist Corona auch eine Chance für Neuanfänge? Techno-DJ Westbam etwa meint sinngemäss, wenn nun alte Seilschaften im Kulturbetrieb gekappt würden, sei das nicht nur schlecht.

Das tönt für mich sehr nach Silicon Valley, nach «disruptive talk». Natürlich besteht die Gefahr, dass in festgefahrenen Strukturen immer dieselben zum Zug kommen. Aber meistens sind diese vermeintlichen Seilschaften sehr schöne und sinnvolle Netzwerke, die über die Jahre entstanden sind und mit viel Arbeit und Hingabe gepflegt wurden. Wenn diese Netzwerke jetzt kaputtgehen, wird es viel Zeit brauchen, um sie aufs Neue zu knüpfen.

Und was ist mit der viel beschworenen Renaissance des Buchs?

Naja, viele dürften einfach mehr gestreamt haben. (lacht) Die Buchläden waren ja auch geschlossen im Lockdown, konnten entsprechend wenig profitieren. Dass vielleicht der eine oder die andere mal wieder ein Buch aus dem Regal genommen hat – mag sein. Aber wer vor dem Lockdown nicht gelesen hat, wird kaum im Lockdown damit begonnen haben.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Herbst und den Winter hinein?

Mit grosser Sorge. Wenn wir nochmals in den Lockdown müssen, werden wir einen deutlich höheren Preis dafür zu zahlen haben. Selbstverständlich wirtschaftlich, aber auch sozial: Alleinstehende, die vereinsamen, Familien in zu kleinen Wohnungen, zerkrachte, gewalttätige Partnerschaften, Arbeitslosigkeit ...

Und Sie persönlich?

Ich hatte Glück im Unglück, bin mit einem, ich sage mal, sehr blauen Auge davongekommen. Die Ärzte gehen davon aus, dass ich für eine Weile immun gegen das Virus bin. Ich lebe ein in vielerlei Hinsicht privilegiertes Leben. In einer geräumigen Wohnung. In einer guten Beziehung. Habe ein kleines finanzielles Polster. Mir geht es vergleichsweise gut.

Dieser Artikel erschien zuerst in der SonntagsZeitung und wurde hier mit freundlicher Genehmigung hier reproduziert. 

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