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Personalisierte Medizin Wenn die Gene die Therapie bestimmen

Das Schweizer Unternehmen Roche zitiert Hippokrates, um seine personalisierte Medizin Plattform zu beschreiben: "Es ist wichtiger zu wissen, welche Art von Person eine Krankheit hat, als welche Art von Krankheit eine Person hat."

(Keystone)

Der Ruf der Schweiz als Forschungshochburg macht sie zum Spitzenstandort für Pionierleistungen auch im Bereich von genetisch massgeschneiderten medizinischen Behandlungsmethoden. Wir zeigen, wie die Schweizer Pharmabranche, eine Multimilliarden-Industrie, auf diese Fortschritte setzt.

In Anbetracht der Tatsache, dass alle Menschen verschieden sind, ist nachvollziehbar, dass Krankheiten – und ebenso Medikamente und Therapien – bei jedem Menschen unterschiedlich wirken. Diese Logik steht denn auch hinter der Präzisionsmedizin, die auch als personalisierte oder datengesteuerte Medizin bezeichnet wird.

"Die Vielfalt, mit der Krebs sich bei Menschen zeigt, ist unendlich viel grösser als man früher dachte", erklärt Silke Schneider, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums Personalisierte Medizin UZH/ETH in Zürichexterner Link. "Ich habe jüngst gelernt, dass es wahrscheinlich so viele Krebsarten gibt wie Menschen auf der Welt."

Seit das menschliche Genom 2003 zum ersten Mal sequenziert wurde, liess die Kombination von Genetik und Hochleistungs-Computern die präzise, personalisierte Medizin Realität werden. Indem sie die genetischen Informationen ihrer Patienten und Patientinnen in Diagnose und Therapie einbeziehen, hoffen Ärzte und Ärztinnen, nicht mehr so häufig auf die Versuchs- und Irrtumsmethode setzen zu müssen. Diese prägt bis heute Aspekte der modernen Gesundheitsversorgung, vor allem solche in der Onkologie.

"So etwas wie 'den Lungenkrebs' gibt es nicht. Stattdessen gibt es Tausende Varianten von unterschiedlichen Lungenkrebsen", erklärt Jurgi Camblong, Mitgründer und Geschäftsführer von Sophia Geneticsexterner Link bei Lausanne. Das Start-up-Unternehmen der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) verwaltet ein Netzwerk von mehr als 80 Spitälern in Europa. Sie nutzen eine spezielle Software-Plattform, um genetische Patienten-Daten zu analysieren und diagnostische Berichte für Ärzte zu erstellen.

Pharma + Genetik

Die Schweiz, deren zehn grösste Chemie- und Pharmaunternehmen für eine 144 Milliarden Franken schwere Industrie stehen, kann von Innovationen in der medizinischen Forschung grosse Gewinne erwarten. Vor allem wenn es darum geht, Medikamente besser auf individuelle Patienten auszurichten, ein Bereich, der als Pharmakogenetik bezeichnet wird.

"Viele Pharma-Unternehmen in der Schweiz verfolgen die Nutzung [genetischer Daten] zur Entwicklung von zielgerichteten Medikamenten seit Jahren, es ist ein wichtiger Aspekt für die Branche", erklärt Sara Käch von Interpharmaexterner Link, dem Verband der pharmazeutischen Firmen der Schweiz. "Viele neue Medikamente fussen auf diesem Ansatz."

Und in der Tat haben Roche und Novartis, die beiden weltweit führenden Anbieter von Krebsmedikamenten, die personalisierte Präzisionsmedizin bereits in ihr Geschäftsmodell integriert: Novartis bezeichnet die Präzisionsonkologie externer Linkals ein Schlüsselelement seines Krebsmedikamenten-Portfolios; und in einem Interview externer Linkmit der Westschweizer Tageszeitung Le Temps erklärte Dietmar Berger von Roche jüngst, dass rund 70% der Krebsmedikamente des Unternehmens, die sich zurzeit in fortgeschrittenen Phasen klinischer Versuche befinden, mit einem genetischen Diagnosetest verbunden seien.

Allein 2015 steckte Roche 1 Mrd. Dollar in eine Mehrheitsbeteiligung an der Firma Foundation Medicine und kaufte Kapa Biosystems – zwei Firmen mit Sitz in den USA – für seine Plattform Personalisierte Gesundheitsversorgung. Roland Diggelmann, Chief Operating Officer (COO) von Roche Diagnostics erklärte in einer Mitteilung, der Kauf von Kapa Biosystems bekräftige das Engagement von Roche, ein Portfolio zu entwickeln um, "unseren Kunden ein vollständiges Angebot für die genetische Analyse zur Verfügung" stellen zu können.

Im Juni gingen Roche und Novartis eine Partnerschaft mit dem NCI-Match-Programm ein. Es handelt sich um eine bedeutende klinische Studie des Nationalen Krebsinstitut der USA (NCI), an der 2400 US-Spitäler beteiligt sind, bei der es darum geht, individuelle Krebskranke mit den präzisen, zielgerichteten Medikamenten in Verbindung zu bringen, die am besten für die jeweilige individuelle Behandlung geeignet sind.

Schweizer Pharma-Branche

Die chemische und pharmazeutische Industrie der Schweiz erwirtschaftet mit Exporten pro Jahr etwa 79 Milliarden Franken. Der Industriezweig hat in der Schweiz etwa 65'000 Angestellte und 355'000 weltweit.

Roche, Novartis, Merck, Serono, Syngenta, Firmenich und Givaudan sind heute in der Schweiz die grössten ihrer Branche; insgesamt gibt es im Pharma-Sektor fast 1000 Unternehmen.

Der Schweizer Pharma-Sektor ist seit dem Jahr 2000 besonders stark gewachsen, nach der Finanzkrise und den Umstrukturierungen in den 1990er-Jahren. Die Exporte stiegen von etwa 8 Milliarden Franken in den 1990er-Jahren auf 64,1 Milliarden im Jahr 2012.

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Daten bedeuten Macht

Jurgi Camblong, der Geschäftsführer von Sophia Genetics, ist besorgt, dass die Schweiz und Europa hinter den USA herhinkten, wenn es darum gehe, neuen Technologien im Bereich Genomik zum kommerziellen Durchbruch zu verhelfen. Dies mindestens dann, wenn es um Biotech-Start-ups gehe, die Risikokapital brauchten.

"Der Hauptunterschied zwischen den USA und Europa ist, dass man in den USA bereit ist, viel rascher vorwärts zu machen, sie haben mehr Geld und grössere Ambitionen", sagt Camblong.

"Die Technologie in Europa ist oft überlegen, aber die Leute haben die Tendenz, den Fokus zu sehr darauf zu legen, sie erwarten, dass die Technologie perfekt ist, bevor man sie verkauft. Das ist nicht die richtige Vorgehensweise – der Markt wird entscheiden, ob eine Technologie die richtige ist."

Für Camblong liegt der wahre Wert der Präzisionsmedizin nicht nur bei den Medikamenten, sondern bei den genetischen Daten selbst. Der Software-Algorithmus von Sophia Genetics fusst auf maschinellem Lernen, das bedeutet, je mehr Spitäler sich dem Netzwerk anschliessen und Daten beisteuern, umso "erfahrener" werde der Algorithmus, was zu genaueren Diagnosen führen werde.

Genetische Daten und Privatsphäre

Computer-Hacking, Verletzungen der Privatsphäre und die potentielle Diskriminierung von Leuten mit mutmasslichen genetischen Dispositionen sind Risiken, die mit dem Sammeln und Austausch personenbezogener Daten einhergehen.

Je mehr Fortschritte die zielgerichtete, personalisierte Präzisionsmedizin machen wird, umso mehr werden auch Datenschutz und ethische Standards angepasst werden müssen.

Bisher werden bei Sophia Genetics unter den Spitälern keine rohen personenbezogenen Daten ausgetauscht, sondern nur Informationen darüber, wie die Daten zu Entscheidungen über Behandlungsmethoden führen.

Bei der Institutionellen Biobank in Lausanne werden die Daten mit einer speziell vom CHUV und der EPFL entwickelten Software verschlüsselt. Patienten, die der Biobank eine DNA-Probe überlassen, unterschreiben eine Vereinbarung, die es Forschenden erlaubt, diese genetischen Daten für ihre künftigen Projekte zu nutzen. Dies unter der Bedingung, dass das Forschungsprojekt die Privatsphäre des Patienten schützt und von einem lokalen Ethik-Komitee bewilligt worden ist.

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"Aufgrund unserer Informationen können Sie einen Entscheid fällen und die Mutation etwa als krankheitserregend einstufen. Beim nächsten Mal, wenn Sie oder ein anderer praktizierender Arzt diese Mutation bei einem Patienten finden, wird Ihnen die Software sagen, wie sie in früheren Fällen eingestuft wurde. Sie verlieren auf diese Art das Wissen und die Anstrengungen früherer Arbeit nicht. Zudem profitiert jeder andere Nutzer des Netzwerks ebenfalls von der Information."

(Bio)bank-Ressourcen

Der Mediziner Vincent Mooser, Leiter der Laboratorien am Universitätsspital Lausanne (CHUV), war ein Jahrzehnt in der Pharma-Industrie tätig, bevor er die Stelle als Direktor der Institutionellen Biobank Lausanne antrat, der grössten Biobank der Schweiz.

Die Lausanner Biobank sei "einmalig", sagt Mooser, sie kombiniere die Erhebung von genetischen Daten – die mit Einverständnis der Spender erfolgt – mit Schutz und klinischer Forschung und führe alles auf einer einzigen, integrierten Plattform zusammen.

"Unsere Plattform für klinische Unterstützung bietet, aus meiner Sicht, eine Möglichkeit, die Entdeckung und Entwicklung neuer Medikamente zu beschleunigen", sagt er. Die Biobank plane auch, mit Pharma-Firmen Partnerschaften einzugehen, um die Entwicklung von Medikamenten zu beschleunigen.

Seit 2013 sammelt die Biobank in Lausanne DNA-Proben von CHUV-Patienten. Bisher zeigten sich 74% der Patienten, die gefragt wurden, ob sie mit der Abgabe einer Blutprobe und der Speicherung ihrer Erbsubstanz in der Biobank einverstanden wären, dazu bereit – das entspricht DNA-Proben von fast 21'000 Patientinnen und Patienten.

"Wenn die Pharma-Industrie neue Medikamente entwickelt, die nur bei einem sehr kleinen Personenkreis Wirkung zeigen könnten, zum Beispiel Medikamente für eine ganz bestimmte Form der Parkinson-Krankheit, können wir unsere Datenbank konsultieren und Leute finden, die gewisse Kriterien erfüllen, und sie dann fragen, ob sie an einem klinischen Versuch teilnehmen möchten", erklärt Mooser weiter.

Er habe ziemlich viel Verständnis für die Bedürfnisse der Pharma-Branche, aber auch für die Chancen, die sich aus akademischer Perspektive ergeben könnten. "Wir brauchen neue Therapeutika, und aufgrund meiner Erfahrungen auf beiden Seiten, sehe ich aus akademischer Perspektive die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit mit der Pharma-Branche", sagt Mooser. "Ich bin überzeugt, dass wir in der Schweiz die Chancen zu gegenseitig vorteilhaften Partnerschaften mit der Pharma-Industrie haben, und im Bereich Präzisionsmedizin Wirkung erzeugen zu können."
 


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch, mit Input von Heddema Communications, Zürich

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