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Banken-Aufsicht Know-how wichtiger als Unabhängigkeit?

Im März 2009 sagte Mark Branson als Finanzchef des Global Wealth Management der UBS vor dem US-Senat aus, wie die Grossbank US-Kunden geholfen haben könnte, mit Geheimkonten Steuern zu vermeiden.

Im März 2009 sagte Mark Branson als Finanzchef des Global Wealth Management der UBS vor dem US-Senat aus, wie die Grossbank US-Kunden geholfen haben könnte, mit Geheimkonten Steuern zu vermeiden.

(Keystone)

Die Interimslösung mit dem ehemaligen Manager der Grossbank UBS, Mark Branson, an der Spitze der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht Finma führt zu Diskussionen über die Frage, wie relevant Branchenerfahrung für Mitarbeiter bei Überwachungsbehörden sein soll.

Er ist ein Branchen-Insider – Mark Branson, der stellvertretende Direktor, der nach dem überraschenden Rücktritt von CEO Patrick Raaflaub die Leitung der Bankenaufsicht Finma möglicherweise permanent übernehmen könnte. Doch seine Nomination als Nachfolger Raaflaubs könnte zu Kritik führen. Nicht nur, weil er britischer Staatsbürger ist, sondern gerade auch wegen seiner langjährigen Erfahrungen im Bankenwesen.

Branson war bei der Schweizer Grossbank UBS von 2006 bis 2008 Chef der Abteilung in Japan. In dieser Zeit hatte die UBS versucht, den Referenzzinssatz Libor (London interbank offered rate) zu manipulieren, um ihre Handelsgewinne zu steigern.

Die grösste Schweizer Bank wurde später von den Bankenaufsichten der USA, Grossbritanniens und der Schweiz aufgefordert, eine Busse im Umfang von 1,5 Milliarden US-Dollar (1,4 Mrd. Fr.) wegen der Manipulation der weltweiten Zinssätze zu begleichen.

Solche Verstrickungen werden in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit immer mehr mit Argusaugen beobachtet. So erklärte Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher und Ex-Nationalrat der Sozialdemokratischen Partei, gegenüber Schweizer Radio SRF, "es wäre ein grosses Risiko für den Ruf der Finma, wenn Branson an Bord bleiben würde".

Und Simone Westerfeld vom Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen der Universität St. Gallen sagte im Schweizer Fernsehen SRF: "Ich sähe einen Akademiker mit starken beruflichen Beziehungen in die Finanzindustrie, der dadurch bereits seine Unabhängigkeit bewiesen hätte. Der CEO sollte fähig sein, ungemütliche Untersuchungen unbefangen anzugehen."

Experten für Unternehmensführung und -kontrolle hingegen erklären, die Schweizer Regulatoren sollten Spezialisten nicht wegen ihrer Verbindungen abschreiben. Know-how, Erfahrung und Führungsqualitäten seien wichtiger als Unabhängigkeit, glauben sie.

"Jemand, der wirklich unabhängig ist, bringt sicher auch zu wenig Erfahrung mit", sagt Katja Rost, Professorin für wirtschaftliche und politische Soziologie an der Universität Zürich. "Es ist extrem wichtig, dass Manager eine vertiefte Kenntnis des Geschäfts haben, das sie überwachen, und über ein Netzwerk in der Branche verfügen."

Gouvernanz

Verantwortungsvolle Unternehmensführung und -kontrolle (corporate governance) beschreibt, wie Konzerne und Organisationen geleitet und kontrolliert werden.

Es geht darum, Rechte und Pflichten der verschiedenen Teilnehmer festzulegen, darunter die Mitglieder der Geschäftsleitung, Manager, Aktionäre, Kreditoren, Revisoren und Inspektoren.

Zudem werden deren Rollen und Verantwortlichkeiten festgehalten, wie auch Integrität und ethisches Verhalten, Auskunftspflicht und Transparenz verlangt.

Das Interesse an guter Geschäftsführung hat in modernen Konzernen zwischen 2001 und 2002 zugenommen, als eine Anzahl von hochkarätigen Unternehmen zusammengebrochen waren, die meisten wegen Bilanzbetrügereien.

In staatlichen oder halbstaatlichen Unternehmen wurden solche Leitlinien (public corporate governance) besonders dann nötig, als die Märkte liberalisiert und ehemalige Staatsmonopole privatisiert wurden.

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Erfahrung

Bransons Kenntnisse und Erfahrungen könnten für ihn von Vorteil sein, weil der Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA gegenwärtig in eine entscheidende Phase kommt. Branson kann dabei ebenfalls auf seine Erfahrungen zählen, die er innerhalb der Finma seit 2010 machen konnte.

Rost ergänzt, in einem kleinen Land wie der Schweiz brauche es viel Zeit, um Leute zu rekrutieren und auszubilden, die über die richtigen Qualifikationen, internationale Erfahrung und ein Netzwerk verfügten. Zudem bezahlen private Firmen in der Finanzindustrie ein Vielfaches – nicht nur ein paar Prozente – mehr, als dies die Bankenaufsicht kann.

Die Veränderungen in den gesellschaftlichen Werten spielten eine grosse Rolle in den Diskussionen, sagt Rost. "Die Eliten haben ihren Glanz verloren. Heute werden sie viel häufiger als noch vor einigen Jahrzehnten angegriffen, ausgefragt und angeklagt, sich selber zu bereichern."

Verantwortungsvolles Management (Gouvernanz) ist nicht allein in der Finma ein Thema, sondern auch in anderen Branchen. So wurde in der Energie-Industrie das Eidgenössische Nuklearsicherheits-Inspektorat ENSI kritisiert, es beschäftige Experten mit Interessenbindungen. Und im Pharma-Sektor verlangt das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic von seinen Spezialisten, alle Verbindungen zu Unternehmen zu kappen.

Überraschenderweise könne das Prinzip der Gouvernanz praktisch auf jedes System angewendet werden, sagt Rost – sogar auf Klöster. "Während Jahren haben sich Klöster und Äbte bereichert. Und mit den jüngsten Skandalen wegen sexuellen Missbrauchs durch die Kirche mussten sie grosse Krisen managen, weshalb sie jetzt neue Mechanismen und Kontrollinstrumente brauchen", so Rost, die dazu auch in einer Benediktiner-Abtei geforscht hat.

Breitgefächerte Fähigkeiten

Direktoren von Aufsichtsbehörden müssen Berufserfahrung mitbringen und die Mechanismen verstehen, über Führungserfahrung verfügen und politisch auf dem Laufenden sein, sagen Experten. Vorstandsmitglieder – die kritischen Gegenstimmen, die den CEO ergänzen – müssen über mehr Erfahrung und Seniorität verfügen und sehr gut kommunizieren können, weil sie Politikern und Medien mehr ausgesetzt sind.

Egal in welcher Branche, die Voraussetzungen sind überall gleich. Doch es ist auch klar, dass der Job des Bankenaufsehers gegenwärtig eine der am schwierigsten zu besetzenden Positionen ist.

"Die Wirtschafts- und Finanzkrisen wie auch die Verfehlungen der Finanzindustrie haben die Anforderungen an Führungskräfte der Finma erhöht", sagt Reto Steiner, Professor am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern.

Daher ist sehr umstritten, ob ein Banken-Experte an die Spitze der Finma gesetzt werden soll. "Für Banker ist es wirklich sehr schwer, denn sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt Rost. "Das ist schade, weil einige sehr gute Qualifikationen hätten. Branson etwa verfügt wirklich über ein Traumprofil."

Freunde

Die Forderung nach Objektivität macht die Suche kompliziert. Heute reicht es nicht mehr, die Bande zur Industrie zu kappen, seine Aktien zu verkaufen, aus Verwaltungsräten oder Aufsichtskommissionen auszutreten oder keine Bekannten anzustellen. Gefragt sei unangreifbare immaterielle Unabhängigkeit, sagt Steiner. Kandidaten könnten einfach zu viele Freunde in der Branche haben oder zu nah am Business sein.

Was in der ganzen Frage der Unabhängigkeit verloren gehen könne, seien die Kompetenzen und Leistungen der Personen, warnt Rost. Für die Soziologin sind die Unabhängigkeits-Anforderungen aus dem Ruder gelaufen. "Wir können keinen Hansdampf in allen Gassen haben."

Und Steiner warnt, die Gefahr bestehe, dass Länder wegen einzelner Ereignisse, Skandale und Krisen funktionierende Systeme umstossen könnten.

Irgendwann werden die Vorstandsmitglieder der Finma einen neuen CEO wählen müssen, eine Person, die nicht bei allen beliebt sein wird – egal, wen sie bestimmen werden. Daher wird das ein harter Job. "Doch Aufseher müssen respektiert und nicht geliebt werden", sagt Steiner.

swissinfo.ch


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