Gibt es für Europa einen Weg aus der Schuldenkrise?

Demonstration in Turin gegen das Sparprogramm der neuen italienischen Regierung. Keystone

Überschuldete Staaten, Rettungsschirme, drakonische Sparmassnahmen: Die Zukunft des europäischen Wirtschaftsraums und der Einheitswährung ist ungewisser denn je. Das grösste Problem sei aber die drohende Rezession, warnt Professor Mauro Baranzini.

Dieser Inhalt wurde am 06. Januar 2012 - 11:00 publiziert
swissinfo.ch

Vor dem Jahreswechsel folgte ein Euro-Gipfeltreffen dem andern, um die Eurozone zu retten. Aber die europäische Gemeinschaft ist gespalten. Der britische Premier David Cameron widersetzte sich im Dezember den Rettungsplänen der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und des französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy.

Was heisst dies für das Wirtschaftsjahr 2012 der EU und der Schweiz. swissinfo.ch hat mit Mauro Baranzini, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität der Italienischen Schweiz (USI), darüber gesprochen und ihn zuerst gefragt, ob ganz Europa in diesem Jahr in eine Rezession zu rutschen droht.

Mauro Baranzini: Besonders jene Länder, die jetzt von drastischen Kürzungen der öffentlichen Ausgaben betroffen sind.

Für 2012 prognostiziert die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) für die gesamte EU ein Wachstum von 0,6% des Bruttoinlandprodukts (BIP). Dieses Wachstum wird namentlich Deutschland zu verdanken sein, für das ein Anstieg des BIP von 2% prognostiziert wird. Für Frankreich, Italien und Grossbritannien wird aber ein leicht negativer Prozentsatz erwartet.

Bereits 2011 haben sich besonders Deutschland und einige kleinere Länder gut geschlagen. Deutschland hat es geschafft, sein Defizit auf 1% des BIP zu halten und verzeichnet in der Leistungsbilanz (Handels- und Dienstleistungsbilanz) einen Überschuss von 5% des BIP. Frankreich hingegen hat ein Defizit von 6,5% des BIP und eine Leistungsbilanz von minus 2,4% des BIP.

swissinfo.ch: Die Schuldenkrise drückt schwer auf die wirtschaftlichen Perspektiven Europas. Wie schätzen Sie die Sparmassnahmen und Budgetkontrollen ein, die im Dezember von 26 EU-Ländern in Brüssel beschlossen wurden?

M.B.: Die Massnahmen, die auf eine mittelfristige Reduktion des Defizits abzielen, sind gut, zumindest auf dem Papier. Sie könnten aber lediglich das Problem der Überschuldung lösen, das derzeit für Griechenland unerträglich ist.

Spanien und Portugal hingegen weisen keine grosse öffentliche Verschuldung auf, und auch für Italien ist diese nicht so gravierend, obwohl sie nun 120% des BIP erreicht. Was vielmehr Angst macht, ist die Rezession, die vor der Tür steht sowie der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit Italiens.

Meiner Meinung nach ist das grösste Problem der mediterranen Länder der Verlust ihrer Wettbewerbsfähigkeit in jenem Moment, als sie den Euro angenommen hatten. Diese Länder schaffen es nicht mehr, zu exportieren wie bisher und häufen, Jahr für Jahr, ein Leistungsbilanzdefizit an.

Italien beispielsweise hatte zu Beginn der 1990er-Jahre noch einen Überschuss von mehr als 4%, heute sind es minus 4%.

swissinfo.ch: Welche Möglichkeiten gibt es, um die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder wieder anzukurbeln?

M.B.: Wenn man die aktuelle Situation betrachtet, könnte die Lösung sein, eine Eurozone für jene Länder zu schaffen, die grosse Probleme mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit bekunden. Dazu gehören müsste vermutlich auch Frankreich.

Deutschland und einige andere Länder wie die Niederlande und Österreich, man könnte sie "tugendhaft" nennen, könnten aus dem Euro austreten und gemeinsam eine neue Zone bilden, sagen wir mit der Mark.

Auf diese Art könnte man das Veto auflösen, das Deutschland der Europäischen Zentralbank auferlegt hat, die Geld drucken wollte, um die Liquiditätsprobleme der mediterranen Länder zu lösen.

Von einem schwächeren Euro ausgehend, könnten diese Länder ihre Exporte erhöhen und damit bessere Wirtschaftsbedingungen antreffen, um wieder aufblühen zu können. Vergessen wir nicht, dass diese Länder bereits bewiesen haben, dass sie über grosse Wachstumsmöglichkeiten verfügen.

swissinfo.ch: Diese Option tönt aber ganz nach einem Scheitern des grossen Euro-Projektes. Ist dies ihrer Meinung nach eine politisch gangbare Lösung?

M.B.: Diese Lösung erscheint schwierig durchzuführen, ist aber vermutlich die beste aller schlechten Lösungen, um die Kohäsion der Europäischen Union zu retten. In nächster Zeit werden die Politiker aber in jedem Fall mit fundamentalen Fragen um die Zukunft Europas konfrontiert werden.

Es wird dabei beispielsweise darum gehen, wie viele Opfer Deutschland und die anderen "tugendhaften" Nationen zu erbringen gewillt sind, um die grosse gegenwärtige Eurozone aufrechtzuerhalten. Man muss wissen, ob der deutsche Steuerzahler bereit ist, 500 Milliarden Euro oder noch mehr auf den Tisch zu legen, um den in Schwierigkeiten geratenen Volkswirtschaften unter die Arme zu greifen.

swissinfo.ch: In welchem Mass haben die Schuldenkrise und die Rezessions-Tendenzen innerhalb der EU Auswirkungen auf die Entwicklung der Schweizer Wirtschaft?

M.B.: Die schweizerische Wirtschaft wird sich vermutlich, wie es die KOF prognostiziert, nächstes Jahr mit einem schwächeren Wachstum zufriedengeben müssen, wird aber nicht in eine Rezession abgleiten.

Die Schweiz hat während der letzten Jahre ihre Exporte in die USA, nach China, Japan und andere Länder in Fernost stark diversifiziert – alles Länder, mit denen sie über eine positive Handelsbilanz verfügt.

swissinfo.ch: Warum kommt die Schweiz besser über die Runden als viele andere Länder?

M.B.: Einerseits wegen ihrer Fähigkeit zur Diversifizierung. Andererseits weil es der kleinen Schweiz gelingt, schneller als andere Länder auf plötzlich auftretende Schwierigkeiten zu reagieren.

Und letzten Endes, weil die öffentlichen Finanzen solid sind und dem Staat ermöglichen, eine niedrige Besteuerung aufrechtzuerhalten. Erinnern wir uns daran, dass zum Beispiel die Mehrwertsteuer in der Schweiz 8% beträgt, gegenüber 20 bis 24% in den Nachbarländern.

swissinfo.ch: Reicht die von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) im letzten September festgesetzte Euro-Wechselkurs-Untergrenze von 1,20 Franken auch in Zukunft zur Stützung der Schweizer Exporte?

M.B.: Ich glaube, ja. Trotz der Schwächung des Euro haben die Schweizer Exporte in den ersten zehn Monaten dieses Jahres mengenmässig um 10% zugenommen, frankenmässig allerdings nur um 2%. Aber auch diese Zahl ist nicht schlecht, wenn man das aktuelle Umfeld in Betracht zieht.

Es gibt Sektoren, in denen es weiterhin eher gut läuft: Uhrenindustrie, Präzisionsmaschinenbau, Pharma, Chemie, Banken und Versicherungen. Die Euro-Wechselkurs-Untergrenze von 1,20 Franken scheint mir derzeit der einzig richtige schweizerische Kompromiss.

Konjunkturprognosen für die Schweiz

Prozentuales Wachstum bzw. Verminderung des Bruttoinlandproduktes (BIP) im Vergleich zu Jahr 2010:

Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco): +1,8 im 2011/+0,5 im 2012

Schweizerische Nationalbank (SNB): +1,5-2,0/+0,5

Credit Suisse (CS): +1,9/+0,5

UBS: +1,7/+0,4

KOF ETH Zürich:+1,8/+0,2

BAK Basel: +1,8/+0,4

Créa Lausanne: +0,7/-0,4

Economiesuisse: +2,0/+0,5

Internationaler Währungsfonds (IWF): +2,1/+1,4

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Mauro Baranzini

Geboren am 31. August 1944 in Bellinzona.

1972: Doktorat in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Freiburg.

1976-1987: Wirtschaftsdozent an der Oxford Universität.

1987-1997: Ordinarius für politische Ökonomie an der Universität von Verona.

Seit 1997: Dekan und Wirtschaftsprofessor an der Universität der Italienischen Schweiz in Lugano.

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