Stagnierende Wirtschaft: Wenig Optionen für Schweiz

Die Schweizer Industrie durchläuft zur Zeit eine schwierige Phase. Keystone

Ökonomen sagen der Schweiz mehrere Monate mit einem verlangsamten Wirtschaftswachstum voraus. Sie habe die meisten der Trümpfe, die sie einst genutzt hatte, um sich vor globalen Turbulenzen abzuschotten, ausgespielt.

Dieser Inhalt wurde am 11. September 2014 - 11:00 publiziert
Matt Allen, swissinfo.ch

Das Bruttoinlandprodukt (BIP) stagnierte im zweiten Quartal 2014, wie aus amtlichen Statistiken hervorgeht. Das Wirtschaftsforschungsinstitut BAKBASEL und die Credit Suisse (CS) passten denn auch ihre Wachstumsprognosen für die Schweizer Wirtschaft für das laufende Jahr von 2% auf 1,4% nach unten an.

Der Einbruch wurde vor allem auf auswärtige Faktoren zurückgeführt – insbesondere auf die Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten sowie auf den andauernden Rückgang in schwächelnden Volkswirtschaften der Eurozone wie Frankreich und Italien, die auch Deutschland, den lebenswichtigen Handelspartner der Schweiz, nach unten gezogen haben.

Zuvor schon hatte swissmem, der Dachverband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie, mitgeteilt, dass der Umsatz in der Branche zwischen Mai bis August abgeflacht sei, weil europäische Kunden ihre Gürtel enger geschnallt hätten.

Auch im Detailhandel sah es nicht rosig aus, der Umsatz fiel im Juli gegenüber Juli 2013 um 0,6%.

Weniger ein Sonderfall

Im Zuge der globalen Finanzkrise von 2008 hatte die Schweiz vermehrt Anerkennung für ihre solide Wirtschafts- und Haushaltsführung erhalten, als es ihr gelungen war, den Kopf über Wasser zu halten, während viele andere westlichen Volkswirtschaften tauchten.

Dieses Mal seien die Bedingungen für die Schweiz jedoch weniger optimal, sagte Felix Brill, Chefökonom bei der Beratungsfirma Wellershof & Partner.

"Es gibt heute weniger Faktoren, welche die Schweiz in Europa zu einem Sonderfall machen", erklärte Brill gegenüber swissinfo.ch. "Die Nettozuwanderung wird wahrscheinlich als Folge der Abstimmung vom Februar [Annahme einer Volksinitiative], die Zahl der EU-Arbeitnehmer einzuschränken, sinken. Und dies wird sich dämpfend auswirken auf die Immobilienpreise und das Baugewerbe."

Zudem glaubt Brill, dass der inländische Konsumboom der letzten zwei Jahre – angetrieben von billigeren Importen, weil der Wert des Frankens gegenüber anderen Währungen gestiegen war – wieder abflauen dürfte, da der Franken gegenüber dem Euro stabil gehalten wurde, und die Detailhändler die Preisanpassungen nach unten schon vollzogen hätten.

Auch Credit Suisse geht davon aus, dass das Konsumwachstum im Inland, eine tragende Säule der relativen wirtschaftlichen Sicherheit der Schweiz in den vergangenen 6 Jahren, sinken wird: Von 2,3% im Jahr 2013 auf 1,2% in diesem Jahr und 1% im kommenden Jahr.

Die Bank erklärte am Dienstag, der jüngste "Superzyklus" der Schweizer Wirtschaft, bestehend aus tiefen Zinsen, steigenden Immobilienpreisen und hoher Zuwanderung, neige sich dem Ende zu. Die langsame Erholung der Exportwirtschaft reiche nicht aus, um den Schwungverlust der Binnenwirtschaft zu kompensieren, warnten die CS-Ökonomen.

Neue Vorgaben für die Banken bei der Vergabe von Hypotheken, welche die Regierung auf Antrag der Schweizerischen Nationalbank (SNB) verfügte, sollen die Auswirkungen der niedrigen Zinsen teilweise aushebeln, die zu einer Anheizung im Immobilienmarkt geführt hatten. Immobilienpreise und Wirtschaftswachstum allgemein könnten durch die Anti-Einwanderungs-Abstimmung langfristig weiter unter Druck kommen, befanden die CS-Ökonomen.

Intervention auf Devisenmarkt?

Die stagnierenden Wirtschaftsbedingungen in Europa, gekoppelt mit dem jüngsten Entscheid der Europäischen Zentralbank (EZB), die Zinsen weiter zu senken, führten in den Medien zu Spekulationen, die SNB werde erneut grosse Mengen an Euro aufkaufen müssen, um den Mindestwechselkurs von 1,2 Franken zu halten.

Gegenüber der NZZ am Sonntag erklärte SBN-Präsidend Thomas Jordan in dem Zusammenhang nur, die Nationalbank habe in den letzten zwei Jahren den Mindestkurs nicht mehr mit Interventionen durchsetzen müssen, sei aber "weiterhin bereit, dies, falls nötig mit dem Kauf von Devisen in unbeschränktem Umfang zu tun".

Jordan warnte zudem vor einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. "Neue geopolitische Risiken sind aufgetreten, und die internationalen Konjunkturdaten – vor allem aus Europa und Südamerika – sind schwächer ausgefallen, als wir erwartet haben", erklärte er in der NZZ am Sonntag weiter. "Das Umfeld für die Schweiz hat sich eindeutig verschlechtert."

Dollar interessanter

Schweizer Ökonomen sind nicht überzeugt, dass die SNB schon bald einmal auf den Devisenmärkten eingreifen werden müsse. "Ich gehe vom Grundszenario aus, dass die SNB nicht intervenieren werden muss", erklärte etwa Alessandro Bee, Ökonom bei J. Safra Sarasin, gegenüber swissinfo.ch. "Anders als vor einigen Jahren können Investoren heute auf den US-Dollar ausweichen, wo die Zinssituation viel interessanter ist als in der Schweiz."

Bee ist auch optimistischer als andere Ökonomen was die allgemeinen Aussichten für die Schweizer Wirtschaft angeht. "Die Situation im Ausland wird zwar schlechter, und als Folge davon könnten die Exporte leiden", sagte er. "Aber die Binnennachfrage, der Wachstumsmotor der letzten Jahre, wird sich erholen, solange die Arbeitslosigkeit tief bleibt."

Und zumindest in diesem Bereich, hat die Schweiz gegenüber anderen Ländern weiterhin einen Trumpf in der Hand. Die Arbeitslosenrate liegt zurzeit bei 3%, und Ökonomen erwarten, dass sie bis Ende Jahr nicht auf mehr als 3,2% ansteigen wird. 

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