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Jugendarbeitslosigkeit Eine Generation ohne Zukunft?

Die Jugend bezahlt die Zeche: In Spanien – hier eine Warteschlange vor einem Arbeitsamt in Madrid – sind über 50% der unter 25-Jährigen arbeitslos.

Die Jugend bezahlt die Zeche: In Spanien – hier eine Warteschlange vor einem Arbeitsamt in Madrid – sind über 50% der unter 25-Jährigen arbeitslos.

(Keystone)

Ein grosses Problem Europas sind Jugendliche ohne Arbeit: Über 20% der unter 25-Jährigen sind betroffen, in Spanien und Griechenland gar über die Hälfte. Die Schweiz hat mit knapp über 3% die tiefste Quote, aber noch nicht alle Probleme gelöst.

"Grundsätzlich haben wir im Moment eine gute Konjunkturlage in der Schweiz, die Beschäftigung ist deutlich gestiegen, vor und unmittelbar nach der Finanzkrise. Und wenn die Beschäftigung steigt, profitieren in der Regel die Jugendlichen", sagt Serge Gaillard gegenüber swissinfo.ch.

Nach Ansicht des Leiters der Direktion Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) ist das aber lediglich das kurzfristige Element.

"Längerfristig gehört sicher das duale Ausbildungssystem, also die parallele Ausbildung in Betrieb und Berufsschule, zu unseren Stärken. Zwei Drittel der Jugendlichen in der Schweiz beginnen bereits mit 16 oder 17 Jahren mit der Erwerbstätigkeit und kombinieren praktische Erfahrung und schulische Ausbildung. Dieses System hat sich sehr bewährt. Länder mit einem dualen Ausbildungssystem haben in der Regel tiefere Jugendarbeitslosenquoten."

Zu hohe Akademikerquoten

Für den Soziologen und wissenschaftlichen Leiter der Eidgenössischen Jugendbefragungen (ch-x) Karl Haltiner ist es auch wichtig, "dass in der Schweiz die Prestigedifferenz zwischen Berufslehre und Mittelschulausbildung, anders als in den südeuropäischen Staaten, nicht besonders gross ist. Obwohl auch hierzulande die Akademikerquote ansteigt, sind wir noch weit weg von italienischen Verhältnissen mit einem fast 30%-igen Akademikeranteil", so Haltiner.

Ein grosser Teil dieser Uniabsolventen müsse nachher auf einen Arbeitsmarkt, der so viele Akademiker gar nicht absorbieren könne. Diese müssten auf einem prekären Arbeitsmarkt niedriger qualifizierte Arbeit suchen, "um wenigstens irgendwie unterzukommen".

Flexiblerer Kündigungsschutz

Haltiner kritisiert den extrem ausgebauten Kündigungsschutz in den EU-Staaten mit den höchsten Jugendarbeitslosenzahlen. "Dieser produziert einen so genannten 'Insider-Outsider-Markt': Wer eine Stelle hat, wird von den Gewerkschaften geschützt und kann als 'Insider' kaum entlassen werden, während die 'Outsider' – meist junge Einsteiger – keine Stelle finden und zum Teil schamlos als Praktikanten ausgenützt werden."

Der Soziologe weist auf das Beispiel Italien hin, wo das Arbeitsgesetz in Betrieben mit über 15 Angestellten Kündigungen auch bei schlechter Wirtschaftslage verunmögliche. "Unternehmen sind deshalb kaum bereit, Neueinstellungen vorzunehmen, weil sie sich bei schlechter Konjunktur nicht mehr von diesen trennen können."

Die italienische Regierung von Premierminister Mario Monti versucht derzeit, im Rahmen eines Reformprogramms den starren Kündigungsschutz zu flexibilisieren. Von Seiten der Gewerkschaften gibt es jedoch erheblichen Widerstand dagegen.

In Spanien sei die Ausgangslage ähnlich wie in Italien. "Die Situation wird durch den extremen Sparkurs der Regierungen und der Wachstumsschwäche im Süden Europas zusätzlich angeheizt."

Deutschland habe sich erst vor ein paar Jahren zu einem flexibleren Kündigungsschutz durchgerungen, "was zur dortigen Hochkonjunkturlage mit tiefen Arbeitslosen- bzw. Jugendarbeitslosenquoten beiträgt", sagt Haltiner.

Was tun – in der Schweiz und Europa?

Um die derzeit geringe Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz (3,2% im März 2012) zu stabilisieren oder noch mehr zu senken, sind für Serge Gaillard vom Seco zwei Dinge entscheidend.

"Zum ersten eine ausgeglichene makroökonomische Situation, eine nicht stagnierende Wirtschaft und Beschäftigung. Der zweite Faktor ist das Ausbildungssystem. Wir müssen erreichen, dass möglichst alle Jugendlichen entweder eine Maturität oder eine Berufslehre abschliessen. Denn Jugendliche, die keine Ausbildung absolvieren, sind häufig arbeitslos oder werden sogar Sozialhilfeempfänger", so Gaillard. "Wir müssen also für genügend Ausbildungsplätze sorgen."

Für Europa gelte die gleiche Rezeptur: "Makroökonomisches Gleichgewicht. Diese Länder haben häufig das doppelte Problem, dass sie nicht wettbewerbsfähig und hoch verschuldet sind. Es ist sehr schwierig, beide Probleme gleichzeitig zu lösen, wenn man in einem fixen Währungsraum eingebunden ist und nicht abwerten kann. Das Zweite ist, Ausbildungsgänge zu entwickeln, bei denen die Jugendlichen möglichst früh Fuss fassen in der Erwerbstätigkeit."

Bessere Integration und Kommunikation

"Bei jungen Menschen, die in der Schweiz eine Lehre, eine Ausbildung abgeschlossen haben, fehlt die grundsätzliche Berufserfahrung. Die Wirtschaft verlangt aber eine solche, da kommen die Jungen in der Regel zu kurz", sagt Claudia Menchini gegenüber swissinfo.ch. Sie ist Leiterin des Berner Stellennetzes der Stiftung Diaconis, das Erwerbslose möglichst rasch wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren versucht.

Neben dem Fachwissen sei es heute auf dem Arbeitsmarkt wichtig, dass man sich für den Betrieb engagiere und auch Kritik annehmen könne, sagt Menchini. "Das ist bei jungen Erwachsenen oft schwierig, besonders wenn sie aus einem ausländischen, bildungsfernen Elternhaus aus einer anderen Kultur kommen und zu Hause nicht die benötigte Unterstützung haben."

Hier setzt Soziologe Karl Haltiner an. "In der Schweiz braucht es eine bessere Integration von Ausländerkindern in Sachen Ausbildung sowie eine bessere Information für deren Eltern über die Ausbildungsmöglichkeiten."

No future oder motiviert?

Claudia Menchini vom Berner Stellennetz erlebt bei Schulabgängern, die eine Lehrstelle suchen, häufig Resignation. "Vor allem wenn ihre Kolleginnen und Kollegen schon eine Lehrstelle haben, sie aber nicht. Es ist ein Riesenschritt von der Schule in die Arbeitswelt."

Bei jenen, die nicht allen Anforderungen des Arbeitsmarktes genügten, bei denen sich dieser Kreislauf immer wiederhole – arbeiten, arbeitslos, RAV, arbeiten, arbeitslos –, komme schon Hoffnungslosigkeit, eine No-future-Stimmung auf.

Hoffnungsvoller tönt es bei Karl Haltiner. Als Leiter der Eidgenössischen Jugendbefragungen stellt er bei den seit über 40 Jahren gemachten Erhebungen fest, "dass die jungen Erwachsenen Arbeit und Beruf neben Familie und Freunden stabil hoch einschätzen. Sie sind überwiegend motiviert und leistungsorientiert, wobei das Wissen um gute Berufsaussichten das Seine dazu beiträgt".

Jugendarbeitslosigkeit

Die Schweiz hat mit 3,2% (März 2012) europaweit die geringste Jugendarbeitslosigkeit. In Europa liegt sie bei über 20% (Euro-Raum 21,6%, EU 27-Raum 22,4%).

In Spanien und Griechenland beträgt sie über 50% (50,5% bzw. 50,4%). In Bulgarien, Irland, Italien, Litauen, Portugal und Slowakei sind über 30% der unter 25-Jährigen arbeitslos.

Nur gerade in Deutschland, Österreich und den Niederlanden liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei weniger als 10%.

Weltweit beträgt sie 12,7%, Tendenz steigend.

(Quelle: Internationale Arbeitsorganisation ILO, 9.4.12).

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Weltweit steigende Arbeitslosigkeit

Die Zahl der Arbeitslosen wird nach Einschätzung der Internationalen Arbeitsorganisation ILO noch in diesem Jahr auf weltweit 204 Millionen Menschen steigen. Für 2013 rechnet die UNO-Organisation sogar mit einem Anstieg auf 209 Millionen Arbeitslose.

"Es scheint wahrscheinlich, dass sich die wirtschaftliche Situation in diesem Jahr weiter verschlechtert und es erst 2013 einen Aufschwung gibt", sagte ILO-Vizegeneraldirektor Guy Ryder gegenüber der deutschen Zeitung Die Welt.

Unter diesen Voraussetzungen werde die weltweite Zahl der Menschen ohne Arbeit von derzeit 200 Millionen weiter steigen. Die Welt habe sich noch nicht von der globalen Finanzkrise erholt, es gebe noch immer 27 Millionen mehr Arbeitslose als vor der Krise. Würden auch diejenigen dazu gezählt, die in den Statistiken nicht auftauchten, sei die Zahl der Arbeitslosen seit 2008 um 56 Millionen gestiegen.

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swissinfo.ch


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