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Ölpest: Auch Transocean auf der Anklagebank



Dieses Schild rät von einem Bad an der Küste von Pensacola ab.

Dieses Schild rät von einem Bad an der Küste von Pensacola ab.

(swissinfo.ch)

BP hat das Bohrloch erfolgreich abgedichtet. Nun wird Transocean einen Bericht über die Ursachen der Explosion ihrer Ölplattform veröffentlichen. Am Golf von Mexiko wird das US-Schweizerische Unternehmen für die Katastrophe mitverantwortlich gemacht.

David McCoy, der tiefgebräunte Surfer, badet jeden Tag an einem Strand in Pensacola. Er lässt sich von den Warnungen nicht beeindrucken, die vom Schwimmen im Meer abraten, wegen der Wasserverschmutzung, die nach der Explosion der an BP vermieteten Transocean-Tiefseeförder-Plattform "Deep Water Horizon" entstanden ist.

"Die Wasserqualität stört mich nicht, ich sehe nichts Verdächtiges", sagt der Texaner, der sich auf einem nahegelegenen Marine-Stützpunkt in Ausbildung befindet.

"Ich bade auf keinen Fall, und meine Kinder lasse ich auch nicht ins Wasser", sagt dagegen Amanda Traudt, Kellnerin in einem der besten Restaurants der Gegend, das einen unverbaubaren Blick aufs Meer bietet. Wegen des Öl-Desasters war dieses in diesem Sommer allerdings wenig besucht.

Offshore-Bohrungen stärker reglementieren

"Meine jüngste Tochter kam zur Zeit der Ölpest zur Welt", sagt Amanda Traudt und blickt auf ihr fünf Monate altes Baby. "Man hat hier weniger Öl an der Oberfläche gesehen als anderswo. Aber das, was man nicht sieht, wird uns die grössten Probleme bereiten", fügt sie hinzu.

Das Abdichten des Bohrlochs hat die Ängste vor neuen Schäden stark gemindert. Es löst jedoch nicht die ökologische und ökonomische Katastrophe, die den Golf und seine Küsten weiterhin bedrohen. Auch wenn sich hauptsächlich BP im Fadenkreuz der Amerikaner befindet, ist Transocean noch lange nicht aus der Schusslinie.

Amanda Traudt und David McCoy sind sich einig, dass Transocean für die Katastrophe mitverantwortlich ist, und Offshore-Bohrungen besser reguliert werden müssten.

"Die Entscheidungen von BP sind für die Katastrophe verantwortlich. Aber Transocean wird auch einen Teil der Verantwortung übernehmen und ihren Teil zur Erholung unserer Region beitragen müssen", sagt auch Aaron Viles, Leiter des "Gulf Restoration Networks", eines Zusammenschlusses von Küstenökologen-Verbänden.

Transocean: "No comment"

Transocean, der auf Tiefseebohrungen spezialisierte internationale Konzern mit Sitz im Kanton Zug, wollte swissinfo keine Fragen beantworten. "Wir machen keine Interviews, die aufgezeichnet werden", sagte Transocean-Sprecher Guy Cantwell.

Pensacola, einige hundert Kilometer von der explodierten Bohrplattform entfernt, lebt hauptsächlich vom Tourismus. Aber die Strände, Hotels und Restaurants sind verwaist.

"Es spielt keine Rolle, welcher Strand vom Öl verschmutzt wurde und welcher nicht. Die Ölpest und die Angst vor einer Ölpest haben unsere Wirtschaft dezimiert", sagt Matthew Villmer, ein Rechtsanwalt, der rund dreissig Opfer vertritt.

"Zu meinen Kunden gehören ein Laden, der Surfausrüstungen anbietet, zwei Fischer, ein Fischgrosshändler, Eigentümer von Ferienwohnungen an der Küste, deren Wert in den Keller gefallen sind, aber auch Floristen, die Blumen für Paare anbieten, die an unseren Stränden heiraten. Sie sehen, das Unglück hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Wirtschaft", sagt Villmer.

Kunden entschädigen

Wie seine Berufskollegen, die Hunderte von Beschwerdeführern vertreten, setzt sich der Anwalt dafür ein, dass seine Klienten aus dem von BP geäuffneten 20-Milliarden-Doller-Sonderfonds entschädigt werden.

Aber dieser Fond "behandelt die indirekten Opfer der Ölpest schlecht, da er ihnen maximal 12'000 Dollar bietet, unabhängig von der tatsächlichen Höhe des Schadens", sagt der Jurist aus Pensacola.

Als Ergebnis ziehen die Opfer ihre Beschwerden vor Gericht, ohne abzuwarten, ob eventuell ein Scheck vom Spezialfonds kommt. Sie warten auch nicht die Ergebnisse der unzähligen Untersuchungen über die Ölpest ab.

Anfang September veröffentlichte BP die Resultate einer eigenen internen Untersuchung, welche die Schuld im Wesentlichen auf Transocean schiebt.

Auch Transocean wird in Kürze ihren eigenen Bericht veröffentlichen. Bereits im Mai machte der Transocean-CEO den britischen Ölkonzern BP für die Katastrophe verantwortlich, denn Transocean hätte die Plattform lediglich vermietet.

Kein Vertrauen in die Untersuchungen

Da bis jetzt noch keine unabhängige Untersuchung zur Verantwortlichkeit vorliegt, auch nicht vom Kongress, werden die Klagen sowohl gegen BP wie Transocean eingereicht.

"Weil wir nicht wissen, was geschehen wird, verklagen wir jeweils beide Unternehmen, damit wir sicher sein können, eine Entschädigung zu erhalten", sagt Matthew Villmer.

Villmer sagt weiter, dass "in den Wochen, bevor sich die Explosion ereignete, einige notwendige Reparaturen auf der Transocean Plattform 'Deepwater Horizon' nicht ausgeführt wurden. Es muss nun festgestellt werden, wer - BP oder Transocean – entschieden hatte, diese herauszuschieben."

Aber der Ärger an den betroffenen Küsten ist so gross, dass inzwischen auch die Untersuchungen der Bundesbörden mit Argwohn betrachtet werden.

"Wir trauen keiner dieser Untersuchungen, denn wir sind enttäuscht über die Reaktionen auf die Ölpest, sowohl jener der Regierung als auch von BP. Wir werden auch bei den Berichten der präsidialen Kommission und des Justizministeriums genau hinschauen", sagt Aaron Viles vom "Gulf Restoration Network".

Transocean

Die Transocean Ltd. ist der weltweit grösste auf Tiefseebohrungen spezialisierte Konzern.

Das 1973 in den USA gegründete Unternehmen hat seinen Hauptsitz seit 2008 im schweizerischen Zug.

Transocean hat auch ein Büro in Genf.

Gemäss eigener Website verfügt der Konzern über 138 mobile Bohrplattformen und beschäftigt weltweit 20'000 Angestellte, davon deren 40 in der Schweiz. CEO ist seit März 2010 der Amerikaner Steven Newman.

Transocean erstellt Bohrlöcher für Öl und Gas auf der ganzen Welt: im Golf von Mexiko und Ost-Kanada, in Brasilien, im britischen und norwegischen Sektor der Nordsee, in Westafrika, Asien, inklusive Australien und Indien, im Nahen Osten, inklusive Saudiarabien, und im Mittelmeer.

2009 verzeichnete der Konzern einen Umsatz von 11,6 Milliarden Dollar (12,35 Mrd. Fr.) und einen Nettogewinn von 3,2 Mrd. Dollar.

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Klagen gegen Transocean

Gegen Transocean und BP sind bisher an verschiedenen Orten in den USA rund 250 Klagen eingereicht worden. Sie werden bei einem Bundesrichter in New Orleans gesammelt.

Das US-Justizministerium führt seine Untersuchung weiter und will Transocean und BP ebenfalls einklagen.

Transocean verlangt von einem US-Gericht die Limitierung ihrer Verantwortung auf 27 Mio. Dollar.

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(Übertragung aus dem Französischen: Etienne Strebel), swissinfo.ch


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