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Ralf Hilbich, deutscher Grenzgänger in Basel "Ich fühlte mich in der Schweiz nie als Ausländer"

Zwei Männer in der Uhrenmanufaktur

Ralf Hilbich (rechts) arbeitet seit 17 Jahren beim basellandschaftlichen Uhrenhersteller Oris.

(swissinfo.ch)

Seit 25 Jahren ist er Grenzgänger. Der 51-jährige Ralf Hilbich fühlt sich an seinem Arbeitsort in der Region Basel bestens integriert. Der Süddeutsche ist dort bei einer renommierten Uhrenmarke mitverantwortlich für die Entwicklung.

Ein fester Blick, ein gewinnendes Lächeln, graumelierte, mit Gel gebändigte Locken, ein enges schwarzes Poloshirt und Bluejeans, die eine sorgfältig gepflegte Muskulatur unterstreichen: Ralf Hilbich wirkt mit seinen 51 Jahren sportlich und scheint sich wohl in seiner Haut zu fühlen.

"Sobald das Wetter es erlaubt, während etwa 70 bis 80 Tagen pro Jahr, schwinge ich mich auf mein Rennrad, um in die Schweiz zur Arbeit zu fahren", erzählt er in seiner schnellen Ausdrucksweise und mit jenem starken schwäbischen Akzent, der viele Bewohner Baden-Württembergs charakterisiert.

Grafik Grenzgänger
(swissinfo.ch)

Hilbich ist einer der 61'000 Deutschen, die jeden Tag über die Grenze zur Arbeit in verschiedenen Regionen der Schweiz kommen. Seit 17 Jahren arbeitet er für die Uhrenmarke Orisexterner Link im Kanton Basel-Landschaft, wo er gegenwärtig mitverantwortlich für die Uhrenentwicklung dieser Traditionsmarke ist.

Unabhängige Traditionsmarke

Orisexterner Link wurde 1904 von Paul Cattin und Georges Christian gegründet und ist heute Teil der Schweizer Uhrmachertradition. Die Firma ist eines der wenigen Schweizer Uhrenhäuser, die nur mechanische Uhren im mittleren Preissegment herstellen (zwischen 1500 und 3000 Franken).

Das Unternehmen ist in Hölstein im Kanton Basel-Landschaft beheimatet und beschäftigt fast 150 Mitarbeitende, wovon 70 im Basler Werk arbeiten. Der Jahresumsatz wird auf fast 60 Millionen Franken geschätzt.

Oris ist in Europa, Amerika und Asien mit über 100 Modellen präsent. Seit 2003 ist die Marke offizieller Uhrenpartner des britischen Formel-1-Rennstalls Williams.

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Der Süddeutsche war schon immer ein Grenzgänger. Er wurde in eine deutsche Uhrmacher-Familie hineingeboren: Seine Eltern führten eine Uhrenverkaufs- und Reparaturwerkstatt. Lange Zeit zögerte Hilbich, ob er der Familientradition treu bleiben oder seinen eigenen beruflichen Weg gehen sollte.

Schliesslich kommt er zu einem "guteidgenössischen" Kompromiss: Nach einem Jahr an der Gewerbeschule im deutschen Furtwangenexterner Link im Herzen des Schwarzwalds biegt er ab in Richtung einer Berufslehre als Optiker.

Spannende und vielfältige Arbeit

Nach dieser Ausbildung findet er seinen ersten Job auf der anderen Seite der Grenze. "Am Dienstagabend erhielt ich mein Diplom, und am Mittwoch begann ich bei einem renommierten Optiker in der Stadt Basel", erinnert er sich.

Bereits damals – Mitte der 1990er-Jahre – war die Schweiz ein Eldorado für viele französische und deutsche Grenzgänger, die im Grenzgebiet um Basel lebten. "Man konnte mit 20 bis 25% mehr Lohn rechnen, wenn man auf der anderen Seite der Grenze arbeitete. Viele meiner Freunde haben das auch so gemacht", sagt er.

Einige Jahre später zieht es Hilbich wieder zurück in die Uhrmacherei. Bei Oris findet er eine Stelle, die genau seinen Erwartungen entspricht. "Es erfüllt mich mit grossem Stolz, bei der Entwicklung der Kollektion eines Uhrenhauses mit einem solchen Ruf mitarbeiten zu dürfen. Ich kenne in Deutschland im Umkreis von 100 Kilometern um mein Domizil keine andere Firma, die eine solch spannende und vielfältige Arbeit anbietet."

Unter den rund 70 Angestellten der Firma in Hölsteinexterner Link sind neun deutsche und französische Grenzgänger. Laut Hilbich läuft die Zusammenarbeit ohne irgendwelche Schwierigkeiten. Von den Spannungen, die von Zeit zu Zeit die Stimmung auf den Arbeitsmärkten in Genf und im Tessin vergiften, ist hier nichts zu spüren.

"Natürlich nimmt man sich unter Kollegen ab und zu auf den Arm, besonders während der Fussball-Weltmeisterschaft, aber darüber hinaus geht man nicht. Man gab mir niemals zu spüren, dass ich ein Ausländer oder Grenzgänger bin."

Weniger Ferien und Freitage

Mit seinem starken Akzent ist es für Hilbich schwierig, seine deutsche Herkunft zu verbergen. Im täglichen Umgang mit Sprachen konnte er seinen Integrationsgrad messen: "Normalerweise wird an den Sitzungen Hochdeutsch gesprochen, wenn andere Ausländer dabei sind. Wenn ich aber der einzige Grenzgänger im Raum bin, findet die Diskussion auf Baseldeutsch statt."

Ralf Hilbich vor dem Oris-Hauptsitz in Hölstein, einem kleinen Dorf im Halbkanton Basel-Landschaft.

(swissinfo.ch)

Hilbich hat das Gefühl, dass die Medien die Mentalitätsunterschiede zwischen den beiden Grenzregionen manchmal zu sehr betonen. "Ob wir jetzt aus Deutschland, Frankreich, Österreich oder der Schweiz kommen, wir sind alle Europäer. Auf der Arbeit oder im Urlaub existieren die Grenzen nicht."

In dieser perfekt scheinenden Schweizer Arbeitswelt fällt es Ralf Hilbich schwer, negative Punkte zu finden. Natürlich ist die Anwesenheit der Kommunikationsverantwortlichen der Firma nicht gerade förderlich, seine Zunge zu lösen. "Ehrlich gesagt, sehe ich keine grossen Unterschiede, ausser dass man in der Schweiz etwas weniger Ferien und Freitage hat", sagt er.

240 Franken Bankspesen

Dazu kommen aber einige administrative Ärgernisse, die namentlich mit dem Steuerstreit zu tun haben, den sich die Schweiz und Deutschland seit Jahren liefern. "Für mein Schweizer Bankkonto wird mir eine Jahresgebühr von 240 Franken berechnet. Ich habe aber nichts zu verbergen. Ich bin ein ehrlicher Mensch, und die deutschen Steuerbehörden können meine Bankdaten jederzeit einsehen", sagt Hilbich.

Zum Thema Arbeitslosigkeit von Grenzgängern, deren Kosten künftig von dem Land getragen werden sollen, in dem sie arbeiteten, und nicht mehr von ihren Herkunftsländern, sagt Hilbich, dass ihn dies nie gekümmert habe. "Persönlich mache ich mir keine Sorgen. Für Leute, die ehrlich und korrekt arbeiten, gibt es immer Arbeit."

Er versteht allerdings, dass die Europäische Union die Spielregeln ändern will, schlägt aber einen Zwischenweg vor. "Meiner Meinung nach ist die Dauer der Beiträge an die Arbeitslosenversicherung fundamental. Ein Deutscher, der zwanzig Jahre lang in der Schweiz gearbeitet hat, sollte anders behandelt werden als einer, der nur einige Monate hier war", sagt er.

Radfahren und Langlaufen

Bei vielen Grenzgängern in der Schweiz ist der Arbeitsweg ein grosser Negativpunkt. Auch hier schätzt sich Hilbich glücklich. Für die 30 Kilometer, die seinen Wohnort Grenzach-Wyhlenexterner Link an Deutschlands Südgrenze vom kleinen Dorf Hölstein trennen, braucht er nicht mehr als eine halbe Stunde – wenn der Verkehr flüssig ist.

Falls aber in der Region Basel Stau herrscht, kann die Fahrt bis zu eineinviertel Stunden dauern. Das entspricht dann etwa jener Zeit, die der passionierte Rennradler für die Fahrt auf zwei Rädern nach Hölstein braucht.

Kartenausschnitt Region Basel

Kartenausschnitt Region Basel

Von Grenzach-Wyhlen (Deutschland) nach Hölstein (Schweiz), verfolgen Sie Ralf Hilbichs täglichen Arbeitsweg.

Im Lauf der Jahre ist die Schweiz für Ralf Hilbich zu mehr als nur seinem Arbeitsland geworden. Er verbringt auch einen Teil seiner Freizeit hier. "Ich gehe gerne bei Coop oder Migros einkaufen, weil die Schweizer Produkte von ausgezeichneter Qualität sind."

Auch seinen Hobbys geht der deutsche Grenzgänger gerne auf der Südseite des Rheins nach. So fährt er oft auf dem Rennrad in der Jura-Region herum, geht aber auch zum Langlaufen in die Walliser Alpen. "Und in all den Jahren bei Oris konnte ich auch einige solide Freundschaften mit Schweizer Kollegen aufbauen."

Wer sind Grenzgänger in der Schweiz?

swissinfo.ch trifft Leute, die tagtäglich die Grenze überqueren, um in verschiedenen Teilen der Schweiz zu arbeiten. Innert 15 Jahren hat sich die Zahl der Grenzgänger von 160'000 auf über 320'000 verdoppelt. Wir widmen ihnen eine Reihe von Porträtsexterner Link, um ihre Motivation, die Herausforderungen und ihre Beziehung zur Schweiz besser verstehen zu können.

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Kontaktieren Sie den Autor dieses Artikels auf Twitter: @samueljabergexterner Link


(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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