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Schweizer Wohlstand Wirtschaftlich bedeutend, politisch ein Zwerg



Trotz Krise in Europa: Die Schweiz bleibt wirtschaftlich eine Insel.

Trotz Krise in Europa: Die Schweiz bleibt wirtschaftlich eine Insel.

(RDB)

Der Schweiz geht es mitten in einem widrigen Umfeld wirtschaftlich weiterhin gut. Der Ökonom Stéphane Garelli führt diesen Erfolg auf die global ausgerichtete Wirtschaft zurück. Doch es gibt Gefahren und Risiken. Ein Interview.

Rekord bei den Autoverkäufen, ein Überschuss bei den Bundes-Finanzen, weniger als 3% Arbeitslose: Im Vergleich zu anderen westlichen Staaten, die mit schweren wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen haben, steht die Schweiz gut da.

Stéphane Garelli ist Professor am Institute for Management Development (IMD) und an der Universität Lausanne.

swissinfo.ch: Ist die Schweiz wirklich ein Sonderfall? Auch Deutschland und die nordeuropäischen Länder stehen wirtschaftlich gut da.

Stéphane Garelli: Sämtliche Indikatoren sind zurzeit extrem positiv. Es gibt in der Tat nur wenige Länder mit vergleichbar positiven Kennzahlen. Ja, die Schweiz befindet sich in einer ziemlich speziellen Situation.

swissinfo.ch: Wie erklären Sie sich das?

S.G.: Die schweizerische Wirtschaft ist sehr weltoffen und stark globalisiert. Das ist eine unerwartete Konsequenz des Volks-Neins zu einem Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraums EWR im Jahr 1992.

Viele Unternehmen haben in der Folge damit begonnen, sich nach neuen Märkten auszurichten, statt auf Europa fixiert zu bleiben. Die Exportwirtschaft hat sich sehr früh auf die Schwellenländer mit ihren hohen Wachstumsraten konzentriert.

Zudem sind in der Schweiz sehr leistungsfähige kleine und mittlere Unternehmen (KMU) aktiv. In jedem Land, selbst in der Mongolei, finden Sie ein grosses, wettbewerbsfähiges, multinationales Unternehmen. Doch die KMU machen den wirklichen Unterschied aus. Es sind Unternehmen mit zwischen 100 und 1000 Mitarbeitern. Sie verfügen über eine eigene Technologie und sind sehr global aufgestellt.

Das dritte Element ist die aussergewöhnlich breite Diversifikation der Schweizer Wirtschaft. Wir produzieren alles, ausser Autos. Schliesslich hat die Schweiz vor mehr als zehn Jahren die Schuldenbremse eingeführt, von der heute ganz Europa spricht. Das hat es uns erlaubt, die öffentlichen Finanzen unter Kontrolle zu halten.

swissinfo.ch: Man spricht auch viel von dem qualitativ hochstehenden Bildungssystem und der engen Zusammenarbeit zwischen den Universitäten und der Wirtschaft.

S.G.: Diese Faktoren sind umso wichtiger, als dass sie einen Einfluss auf die KMU haben. Im Vergleich zu den grossen Konzernen sind sie viel stärker auf eine Zusammenarbeit mit den Universitäten angewiesen. So haben sie Zugang zu Laboratorien, zur Forschung und zu Kompetenzzentren. Das ist sehr wichtig, denn das stärkt die Position der KMU, die eigens entwickelte Techniken exportieren.

swissinfo.ch: Trotz der Globalisierung bleibt Europa der wichtigste Handels-Partner der Schweiz. Drohen negative Konsequenzen, wenn sich die Situation innerhalb der EU weiter verschlechtert?

S. G.: Die negative Seite des Schweizer Modells ist seine Verletzlichkeit. Es ist verletzlich, weil es Begehrlichkeiten anzieht. Man sieht es mit unseren "Freunden" in Deutschland oder in Frankreich. Sie schauen uns ein wenig schräg an und versuchen, uns ziemlich schwierige Bedingungen aufzubürden, insbesondere dem Finanzplatz.

Die Verletzlichkeit kommt daher, dass die Schweiz wirtschaftlich zwar eine relativ grosse Bedeutung hat, politisch jedoch ein Zwerg ist. Wir sind von Europa und den USA abhängig, obschon wir die Märkte diversifiziert haben.

Die EU ist unser wichtigster Handelspartner, und auch mit den USA sind wir durch unsere Wirtschaftsaktivitäten seit langem eng verbunden. Zurzeit sind die Beziehungen mit der EU und den USA angespannt.

swissinfo.ch: Der starke Franken ist ein weiteres Problem.

S. G. : Die grosse Frage ist, wie lange die Nationalbank den Wechselkurs von einem Franken zwanzig pro Euro wird aufrechterhalten können. Da habe ich gewisse Zweifel. Mit Blick auf die Geschwindigkeit, mit der die Nationalbank Euro-Reserven anhäuft, muss man sagen, dass das nicht ewig so weitergehen kann.

Auf der anderen Seite haben die Europäer ein objektives Interesse, den Euro-Kurs tief zu halten. Die einzige Möglichkeit, aus der Politik des Sparens herauszukommen, ist der erfolgreiche Export in Länder mit grossen Wachstumsraten. Das gelingt besser mit einem schwachen Euro.

swissinfo.ch: Gewisse Wirtschaftskreise haben sich in vergangenen Jahren regelmässig für einen Beitritt der Schweiz zur EU ausgesprochen. Ist es unter den aktuellen Bedingungen nicht besser, nicht beizutreten?

S. G. : Zurzeit ist es ein Vorteil, nicht Mitglied zu sein. Die Schweiz leidet nicht unter der Langsamkeit der europäischen Entscheidungen. Was mich erstaunt ist, wie lange es dauert, um in Europa zu mehr oder weniger selbstverständlichen Entscheiden auf der wirtschaftlichen Ebene zu kommen. Man weiss etwa seit zwei Jahren, was ungefähr nötig wäre, um Griechenland zu retten.

swissinfo.ch: Gibt es bereits Anzeichen, dass sich die wirtschaftliche Lage der Schweiz verschlechtern könnte?

S. G. : Ja. Gewisse Betriebe, namentlich im Bereich der Maschinenindustrie, haben bereits eine Verschlechterung ihrer Situation festgestellt. Die Exportindustrie beginnt unter der Konkurrenz zu leiden, die vom schwachen Euro und auch vom schwachen Dollar profitiert.

Dazu kommt, dass Europa eine Rezession droht. Das ist keine gute Nachricht, wenn es sich um den wichtigsten Handelspartner handelt. Und das Wirtschaftswachstum in den USA ist so schwach, dass man kaum von einem Aufschwung sprechen kann.

Handelsbeziehungen

Die Schweiz hat mit der Europäischen Union (EU) enge Beziehungen auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Diese Beziehungen sind mit einer ganzen Anzahl bilateraler Abkommen geregelt, die in den letzten Jahren zwischen der Schweiz und der EU (und der früheren Europäischen Gemeinschaft EG) abgeschlossen wurden.

In einem ersten Stadium unterzeichnete die Schweiz zusammen mit Österreich, Schweden, Portugal und Island ein Freihandelsabkommen mit der EU. Das Abkommen schuf eine Freihandelszone für Industrieprodukte zwischen den zwei Seiten. Dieses Abkommen ist einer der Hauptpfeiler der Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und der EU.

Die EU und ihre 27 Mitgliedstaaten sind bei weitem die wichtigsten Handelspartner der Schweiz: Rund 60% der Schweizer Exporte gehen in die EU, gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. 10% werden in die USA exportiert, 3,6% nach Japan, 3,1% nach China und 1,2% in die Türkei.

Rund 80% aller Schweizer Importe stammen aus der EU. Die Schweiz ist der drittgrösste Markt für Produkte aus der EU und hinter den USA und China ihr drittwichtigste Handelspartner, noch vor Russland, Japan oder Indien.

Gemäss dem Wirtschaftsdachverband economiesuisse überqueren jeden Tag Güter im Wert von rund 1 Mrd. Franken die Grenze zwischen der Schweiz und der EU.

Um ihre Abhängigkeit von Europa zu verkleinern, hat die Schweiz auch bilaterale Abkommen mit asiatischen Ländern wie Indien und Japan abgeschlossen.

Infobox Ende


(Übertragen aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch


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