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Wettbewerbsvorteil Irland zieht vermehrt ausländische Firmen an

(Keystone)

Ein globales Operationszentrum von Yahoo in Dublin bereitet sich auf 200 neue Arbeitskräfte vor – einige aus dem europäischen Hauptquartier in der Schweiz, das dort bald wegzieht. Ein klares Zeichen, dass Irland für multinationale Konzerne als Standort attraktiver wird als die Schweiz.

Die strahlend weisse und gläserne Fassade der "Silicon Docks" in Irland, die sich den Gewässern der Bucht von Dublin spiegelt, scheint wie ein Leuchtfeuer von Wohlstand und Fortschritt. Zu den multinationalen Konzernen, die ihren Sitz am Unternehmensstandort EastPark haben, gehört der Internetriese Yahoo mit seinen Hauptquartieren für Europa, den Nahen Osten und Afrika (EMEA).

Irland steht in harter Konkurrenz mit der Schweiz, wenn es darum geht, grosse Geschäftsoperationen globaler Unternehmen – und deren Steuereinnahmen – anzuziehen. Trotz seiner schweren Wirtschaftskrise gibt es Hinweise darauf, dass die Waage zugunsten von Irland kippen könnte.

Ein Grossteil des Stadtzentrums von Dublin strahlt eine Atmosphäre von Vitalität und offener Geisteshaltung aus, ausländische Firmen loben dies, wenn sie über Standortentscheidungen sprechen. Die Einkaufszentren, Restaurants und Bars dem Fluss Liffey entlang sind voll, unterlegt mit einem lebhaften Sprachengewirr.

Schmach Rettungspaket

Über das wirtschaftliche Malaise, das wie eine dunkle Wolke über dem Land hängt, wird nicht viel gesprochen. Nicht einmal die Schmach des EU-Rettungspakets oder die Arbeitslosenquote von mehr als 13% scheinen die irische Hauptstadt zu belasten, obschon die Zeitungen ein anderes Bild malen, wenn es um andere Regionen des Landes geht.

Dublin ist in schwierigen Zeiten ein Magnet – sowohl für die inländische Bevölkerung aus ländlichen Gebieten, die Arbeit sucht, als auch für eine wachsende Zahl multinationaler Konzerne, angeführt von den jüngsten Dotcom-Sensationen aus den USA wie Twitter, Paypal, Dropbox oder Airbnb.

Ausländische Firmen anziehen

Verschiedene Länder stehen mit der Schweiz bei der Anwerbung zur Ansiedelung von Hauptquartieren und anderen Backoffice-Einheiten multinationaler Konzerne in Konkurrenz.

Irland, Grossbritannien, die Niederlande, Luxemburg, Belgien, Singapur und verschiedene osteuropäische Staaten wie Polen möchten alle ein Stück dieses Kuchens ergattern.

Die internationale Steuerberatungsfirma Ernst & Young führt eine jährliche Rangliste der attraktivsten Rechtshoheiten, auf der Irland im vergangenen Jahr die Schweiz übersprungen hat.

2012 fiel die Anzahl ausländischer Firmen, die in die Schweiz kamen oder dort bereits existierende Operationen bedeutend ausbauten (61) um 38%. Ernst & Young zufolge rutschte die Schweiz damit auf der Liste um drei Plätze nach unten auf den 14. Rang.

Im gleichen Zeitraum rückte Irland auf den 9. Platz vor, nachdem die ausländischen Direktinvestitionen um insgesamt 16% auf 123 einzelne Fälle gewachsen waren.

Irlands Industrieförderungs-Agentur erklärt, sie sei auf Kurs, ihre "Horizon 2020"-Ziele zu erreichen: Angepeilt werden 640 Investitionen sowie die Schaffung von 62'000 Stellen in der Fünfjahresperiode 2010-2014.

Die Agentur erklärt, sie habe es bereits geschafft, mehr als 1000 ausländische Firmen nach Irland zu bringen (mehr als die Hälfte davon aus den USA), was im Land zur Schaffung von 152'000 Arbeitsplätzen geführt habe.

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Der Fall Yahoo

Im August, fünf Monate nach der Ankündigung des Ausbau seines Standorts in Dublin, kündigte der mit Problemen kämpfende Konzern Yahoo an, dass die Schweizer Niederlassung in Rolle im Kanton Waadt aufgegeben werde. Der Entscheid fiel nur fünf Jahre, nachdem das europäische Hauptquartier aus London in die Schweiz verlegt worden war. Mit dem unterdessen gebrochenen Versprechen von bis zu 350 möglichen Arbeitsplätzen und einem neuen Forschungszentrum für 30 Millionen Franken.

Yahoo weist den Verdacht zurück, der Wegzug aus Rolle habe damit zu tun, dass die Schweiz zu Verhandlungen mit der EU über Änderungen ihres "diskriminierenden" Unternehmens-Steuersystems gezwungen ist.

"Wir entschieden uns, unser Geschäft zu straffen, um Zusammenarbeit und Innovation zu fördern", erklärte die Yahoo-Sprecherin Judith Serl gegenüber swissinfo.ch. "Es ging dabei nicht um Steuerfragen."

Einer der Nachbarn von Yahoo in der EastPark-Anlage in Dublin ist das EMEA-Hauptquartier von Indeed.com, einer Internetstellensuche-Firma. Auch David Rudick, Vizepräsident für aufstrebende Märkte, erwähnte die sagenhaften irischen Steuervorteile nicht.

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Gute Infrastruktur

Stattdessen sprach er über die lokale Infrastruktur – Transportverbindungen, Hochgeschwindigkeits-Breitbandzugang und verfügbare Büroflächen – sowie vor allem Personal.

"Die einzigartigen und hochqualifizierten Arbeitskräfte in Dublin haben uns ein rasches Wachstum erleichtert", erklärte Rudick gegenüber swissinfo.ch. "Wir waren in der Lage, sowohl lokal wie auch aus dem Rest Europas aussergewöhnliche Angestellte anzuziehen."

Unternehmenssteuer-Streit

Kritiker des irischen Unternehmenssteuer-Systems erklären, dieses ermögliche ausländischen Firmen, Schlupflöcher auszunutzen: Damit könnten sie ihre 12,5%-Steuerrechnung auf viel niedrigere Summen senken – oder müssten in extremen Fällen in Irland gar keine Steuern bezahlen.

Unter Zugriff auf Techniken, die als "Doppelter Irisch" oder "Holländisches Sandwich" bekannt sind, können multinationale Konzerne Profite aus Irland in andere Rechtssysteme mit niedrigeren Steueransätzen verschieben, bevor das Einkommen dann wieder nach Irland zurück geschafft wird.

Das wird möglich, wenn Konzerne in Irland zwei getrennte Einheiten betreiben, wobei eine davon im typischen Fall eine Holdingstruktur ist.

Profite aus der ersten Einheit können zu einer niederländischen Einheit transferiert werden, und von dort an eine Struktur in einer Steueroase wie den Bermudas – und zwar aufgrund spezieller Steuerabkommen.

Das Einkommen wird danach wieder zurückgeführt in das Holding-Unternehmen, ohne dass dafür in Irland Steuern anfallen.

Irlands Finanzminister Michael Noonan hat jüngst beteuert, dass er so genannte Steuer-"staatenlose" ausländische Firmen vertreiben wolle: Das heisst, Unternehmen, die in keiner Rechtsordnung der Welt zu Steuerzwecken registriert sind.

Kritiker verweisen darauf, das würde solche Unternehmen nicht davon abhalten, ihr Steuerdomizil in irgend einer Gerichtsbarkeit zu etablieren, wo die Unternehmenssteuer sehr niedrig sei oder gar bei Null liege.

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Landessprache Englisch

Auf die Frage, was Irland ausländischen Firmen anbiete, das die Schweiz nicht tue, zählte Barry O’Leary, der Direktor der irischen Industrieförderungs-Agentur (IDA), die sich um die Ansiedelung von ausländischen Unternehmen in Irland kümmert, eine Reihe spezieller Attraktionen auf.

Dazu gehören Irlands tiefe historische Wurzeln mit den USA, Englisch als Landessprache, die EU-Mitgliedschaft (vor allem attraktiv für Firmen, die diesen Markt anpeilen) sowie die viel tieferen Kosten für Löhne und Büroflächen, die zu einem guten Teil auf den Wirtschaftsabschwung zurückzuführen sind.

"Die Schweiz war immer ein teures Land, das fantastisch gut wusste, wie es seine Schweizer Qualitätsmarke nutzen konnte", erklärte O’Leary gegenüber swissinfo.ch. "Aber wenn ein Unternehmen heute plant, 300 neue Arbeitsplätze in Europa anzusiedeln, kann die Schweiz bei der Kostenfrage nicht konkurrieren."

Was das dornige und entscheidende Thema Steuern angeht, beharrt O'Leary darauf, ein bedeutender Vorteil sei, dass Irlands Steuersystem "weniger kompliziert" sei.

"Irland steht nicht unter Druck [von der EU] wegen diskriminierenden Massnahmen, da diese allen zugänglich sind", erklärte O'Leary. "Das ist ein Grund, weshalb wir in Zukunft noch etwas mehr Geschäfte [aus der Schweiz] gewinnen könnten, als wir es im Moment tun."

Steuertricks

Als Irland im Jahr 2010 sein EU-Rettungspaket erhielt, gelang es dem Land, Forderungen Deutschlands und anderer Staaten abzuwehren, seine Unternehmenssteuern von 12,5% zu erhöhen.

Ausländische Unternehmen in Irland zieren sich allerdings, über ihre Steuervorteile zu sprechen. Dies wegen der potentiell rufschädigenden Kritik, den gewisse Firmen einstecken mussten, weil sie ihre Profite in der Welt herumschieben, um Steuern zu vermeiden. Untersuchungen des britischen Parlaments und des US-Senats haben Unternehmen öffentlich scharf kritisiert für diese "unmoralischen" (wenn auch legalen) Buchhaltungstricks (siehe Kasten).

James Stewart, Professor für Betriebswirtschaft am Trinity College in Dublin, hofft, dass solch unerwünschte Werbung einen Wandel forcieren könnte.

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Aspekte einer Steueroase

"Wir weisen Aspekte einer Steueroase auf, zusammen mit anderen Staaten wie der Schweiz", sagte Stewart gegenüber swissinfo.ch. "Wenn man Steueranreize betont, zieht man nicht standortgebundene Firmen an, die nur hier sind, weil wir gute Buchhalter und Steuerberater haben. Auf lange Sicht ist das keine tragfähige Industriepolitik."

Wenn andere Staaten die Schlupflöcher in ihren Steuersystemen stopften, die derzeit eine Flucht der Profite nach Irland ermöglichen, würden viele ausländische Firmen Dublin und andere irische Standorte verlassen, argumentiert Stewart.

Dies würde aber nur einen Teil des Problems für die Schweiz lösen. Wenn die Schweizer nicht in der Lage seien, ihre eigenen aktuellen Probleme zu lösen, könnten andere Länder wie Grossbritannien, Luxemburg, die Niederlande und Singapur ihre Wettbewerbsvorteile ausspielen.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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