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Forensik-Boom CSI oder TV-Serien sorgen für Forensiker-Nachschub

(Keystone)

CSI-Serien boomen am Fernsehen. Als Folge davon wird das Studienfach Forensik überrannt, vor allem von Studentinnen. Aber entsprechende Jobs sind rar, und die Arbeitszeiten äusserst unregelmässig. Was also steckt hinter diesem "Hype"?

Rechtmedizinisches Institut der Universität Bern, Abteilung für Ballistik: Zwei Studenten, die zu einem fünfköpfigen Forscherteam gehören, werten an ihren Computern Daten aus. Der kleine Raum nebenan ist zur Hälfte von einem grossen Plastikbehälter ausgefüllt, der Zellulose enthält. Jüngst haben die Forensiker in der Versuchsbox die Wirkung eines Pfeffersprays gemessen.

Die Abteilung wird von Beat Kneubühl geleitet, einem europaweit anerkannten Wundballistiker. Nach 33 Jahren als Wissenschaftler im ballistischen Labor der Schweizer Armee hatte er zur Forensik gewechselt. Kein Fall gleiche dem anderen, das mache den Beruf sehr abwechslungsreich, sagt der ausgebildete Mathematiker.

CSI steht für Crime Scene Investigation, also die wissenschaftliche Spurensicherung am Tatort eines Verbrechens. "Unsere Arbeit ist aber eher die Interpretation eines Tatorts", so Kneubühl gegenüber swissinfo.ch.

"Wir sehen Hinweise, die uns sofort zu Fragen führen wie: Was ist passiert? Wohin ist Blut gespritzt? So versuchen wir, die Dynamik eines Prozesses zu rekonstruieren."

TV-Welle aus den USA 

2012 nahmen 89 Studierende den Forensik-Lehrgang an der Universität Lausanne in Angriff. Sie rühmt sich, die erste wissenschaftliche Polizeischule und eine der ganz wenigen Hochschulen zu sein, die Grundlagen der Forensik vermitteln.

2005/06 waren es mit 118 Studierenden gar noch mehr gewesen. Zur selben Zeit waren in den USA von den zehn populärsten TV-Shows nicht weniger als sechs CSI-Serien.

Forensik spricht Menschen an, "die daran interessiert sind zu verstehen, wie der menschliche Körper funktioniert und wie nicht", sagt die Sozialwissenschaftlerin Susanne Keuneke von der Heinrich Heine Universität Düsseldorf.

Keuneke untersuchte in Deutschland allfällige Zusammenhänge zwischen TV-Sendungen wie CSI und dem Interesse von Studierenden an der Forensik. Das Ergebnis: Die Serien sprachen vor allem Studierende an, die bereits an der Medizin interessiert waren. Ihre forensischen Fachkenntnisse waren nicht "100% richtig, aber realistisch."

24 der von Keuneke befragten 27 Personen waren Studentinnen. "Bereits frühere Untersuchungen haben ergeben: Zeigen Fernseh-Shows bestimmte Berufsgruppen, sind stets mehr Frauen als Männer an diesen interessiert", sagt Keuneke.

Dieser Trend zeigt sich auch in der Schweiz. Rund zwei Drittel der Studierenden, die zwischen 2004 und 2012 in Lausanne das Forensik-Studium in Angriff nahmen, waren Frauen. In Zürich herrscht dasselbe Bild: Von 12 Assistentenstellen sind nur zwei mit Männer besetzt, sagt Michael Thali, Direktor des Instituts für forensische Medizin an der Universität Zürich.

Was ist Forensik?

Forensik, auch Rechts- oder Gerichtsmedizin genannt, ist sehr breitgefächert.

An der Uni Zürich etwa wird untersucht, ob bei jugendlichen Koma-Trinkern genetische Faktoren im Spiel sind. Auch wurde am Zürcher Institut das Skelett des Bündner Freiheitskämpfers Jörg Jenatsch identifiziert, der von 1596 bis 1639 gelebt hatte.

Spezialisten des Lausanner Universitätsspitals gehörten im Sommer 2012 zu einem Team, das die sterblichen Überreste von Palästinenserpräsident Yasser Arafat auf mögliche radioaktive Vergiftung untersuchten.

Das Institut für forensische Physik und Ballistik der Uni Bern waren in die Untersuchungen über die Erschiessung einer britischen Familie nahe Genf im letzten September involviert.

Forensiker waren jüngst auch gefragt, als es um den Nachweis von Pferdefleisch in tiefgefrorener Lasagne und weiteren Produkten ging.

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Kreativität gefragt

Forensiker betonen, dass für ihren Beruf eine Vielfalt an Voraussetzungen erforderlich sei, die über die Geschlechterdiskussion hinausgehe. "Es braucht sehr viel Fantasie und Kreativität", sagt Beat Kneubühl. Thali spricht von einem "inneren Feuer", das für die Forensik brennen müsse. "Es ist dasselbe wie bei Schauen oder Lesen eines Krimis: Man muss an der Lösung interessiert sein. Wer das nicht mitbringt, ist in der Forensik am falschen Platz."

Mit geregelten Arbeitszeiten hat der Beruf nur sehr wenig zu tun. Bei Thali beginnt der Arbeitstag um 7 Uhr mit dem Scannen einer Leiche, Virtopsy genannt. Dies ist ein nicht-invasives Untersuchungsverfahren, das Thali selbst entwickelt hat. Danach erfolgen die Auswertung des Scans, Autopsie und die Verfassung der Gutachten für Untersuchungsbehörden und Gerichte.

Die Art der untersuchten Fälle sind sehr vielfältig. Neben Mord werden auch profanere Angelegenheiten wie Blutanalysen von alkoholisierten Autofahrern erstellt. "Man weiss nie, was als Nächstes kommt. Das macht den Beruf so spannend", sagt Thali.

Forensische TV-Serien in der Schweiz (März 2013)

Body of Proof

Bones

Cold Case

Criminal Intent

Criminal Minds

CSI: Crime Scene Investigation

CSI Miami

CSI New York

Hautnah – Die Methode Hill

Law&Order

Medical Detectives

Navy CIS

Quincy

Silent Witness

Waking the Dead

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Überschaubares Stellenangebot

Im Vergleich mit den anderen 35 Ländern der OECD weist die Schweiz eine niedrigere Verbrechensrate auf. Deshalb sind auch weniger Forensiker gefragt.

Von 36 Absolventen, die 2008 in Lausanne das Forensik-Studium abschlossen, hatten ein Jahr später 28 eine Stelle; aber nur 19 auf dem Gebiet der Forensik. Die fünf Mitglieder von Kneubühls Berner Forschergruppe arbeiten nur je 50%. An der Uni Zürich ist die Forensik-Abteilung in den letzten 20 Jahren zwar von 60 auf 150 Mitarbeitende gewachsen. Für sie gibt es dennoch kaum Chancen, die Karriereleiter hochzusteigen. "Wer eine akademische Karriere anstrebt, für den oder die hat es in der Schweiz nicht viele Stellen", sagt Thali.

Trotzdem ist das Interesse am Fach gross. Die Universität Lausanne wird laut eigenen Angaben regelrecht mit Anfragen zum Forensik-Lehrgang bombardiert, und zwar nicht nur von Studierenden, sondern auch von Medien.

Sendungen wie CSI hätten viel dazu beigetragen, dass die Forensik ins öffentliche Bewusstsein der Schweiz gerückt sei. "Sie haben sicherlich keinen schlechten PR-Effekt", ist Thali überzeugt. Aktuell flimmern mindestens 15 solcher Serien über die Schweizer Bildschirme.

"Vor zehn Jahren waren die meisten Menschen schockiert, wenn man sagte, man sei Forensiker. Heute dagegen sind viele interessiert", berichtet der Zürcher Rechtsmediziner.


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch


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