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Forschung "Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung"

Ein Mann hält einen Totenkopf eines menschenähnlichen Wesens in den Händen und lächelt in die Kamera

Peter Schmid ist Anthropologe an der Universität Zürich und erforscht menschliche Vorfahren.

(zvg)

In den letzten Jahren ist jede Annahme darüber, wer der Mensch eigentlich ist und woher er stammt, in Frage gestellt worden. Neue Ausgrabungen zeigen, dass die Entwicklung zum Homo sapiens um einiges mysteriöser ist als wir dachten.

In den Wäldern Ostafrikas wurde der Affe zum Mensch. Dort trennten sich vor sechs bis sieben Millionen Jahren die Stammeslinien von Schimpanse und Mensch, und die ersten aufrechtgehenden Frühmenschen, so genannte Hominiden, entstanden. Das ist die gängige Lehrmeinung. Gemäss dieser breiteten sich diese Vorfahren zwar innerhalb Afrikas weiter aus, verliessen aber den Kontinent für viele Millionen von Jahren nicht. Doch stimmt das so wirklich?

Im Mai dieses Jahres berichtete ein deutsches Forscherteam, sie hätten einen neuen Urmenschen identifiziert. Dieser soll vor über sieben Millionen Jahren auf dem Balkan gelebt haben. Die Wissenschaftler folgerten aus dem Befund, dass die Abspaltung zwischen Mensch und Schimpanse wohl nicht in Afrika, sondern im Mittelmeerraum stattfand.

Ein Wissenschaftler-Team aus Schweden doppelte im September nach: Sie datierten eine menschenhafte Fussspur, die auf Kreta entdeckt worden war, auf knapp 6 Millionen Jahre. Die Fährte stamme wohl von einem aufrecht gehenden Hominiden, sagten die Wissenschaftler von der Universität von Uppsala.

Es sind nur zwei aus einer ganzen Reihe von wichtigen Funden in den letzten 15 bis 20 Jahren. Durch sie hat sich unser Bild von der Frühgeschichte der menschlichen Spezies grundlegend verändert.

Ein Team beugt sich über Knochenreste und dokumentiert den Fund

Peter Schmid sucht im Feld nach Überresten von menschlichen Vorfahren.

(zvg)

"Wir blicken durch kleine Fenster"

"Einige Wissenschaftler glauben, die menschliche Evolution sei weitgehend erforscht", sagt Peter Schmid, ein Anthropologe von der Universität Zürich. Schmid ist einer der Forscher, die im Feld nach Überresten von menschlichen Vorfahren suchen. Obwohl er den beiden jüngsten Funden in Europa mit Skepsis begegnet, so stimmt er zu, dass sich im Feld der Paläoanthropologie in den vergangenen Jahren Revolutionäres getan hat. "Man muss sich bewusst sein, dass wir bislang nur durch sehr kleine Fenster in unsere Vergangenheit blicken können", sagt er. "Es ist ziemlich einfältig zu glauben, die wenigen Knochen, die gefunden worden sind, könnten ein endgültiges Bild der frühen Menschheitsgeschichte ergeben."

Vieles, das als gesetzt gegolten hat, wird heute von Schmid und anderen Anthropologen debattiert oder ist bereits verworfen worden. Etwa die Vorstellung, dass die aufrechte Gehweise des Menschen mit dem Auszug aus den Urwäldern angenommen wurde. Eine 2009 publizierte Analyse eines frühen Urmenschen, wissenschaftlich Ardipithecus ramidus genannt, kam zum Schluss, dass dieser Zweibeiner vor über vier Millionen Jahren in Wäldern lebte. Einige Hominiden begannen somit, aufrecht zu gehen, bevor sie die Wälder verliessen.

Wo beginnt der Mensch?

Schmid hatte seinen Anteil an grossen Entdeckungen. Im Jahr 2010 beschrieb er mit Kollegen eine neue Art: Australopithecus sediba. Das Besondere an diesem Skelett: Es hatte viele affenähnliche, aber auch einige moderne, der Gattung Homoexterner Link zuzuordnende Merkmale. Dies war neu, denn jahrzehntelang war die Meinung vorherrschend, dass sich affenähnliche Arten in Jahrmillionen Jahren allmählich in menschenähnliche entwickelten. Die Vorstellung eines Stammbaums mit einem Ursprung und einem Fortschritt hin zu immer menschenhafteren Eigenschaften wie grosse Gehirne oder Hände für den Werkzeuggebrauch ist jedoch falsch. "Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung. Alle anderen Lebewesen sind nicht irgendwann in der Evolution stehen geblieben, sondern haben sich ebenfalls verändert", sagt Schmid. Oft werde von Forschern versucht, jeden neuen Fund in ein vorgefasstes Schema einzupassen. "Das kann aber nicht gelingen."

Ein Modell eines Totenkopfes, der einer Mischung aus Mensch und Affe ähnelt

Schädelrekonstruktion des Vormenschen Australopithecus sediba. Dieser vor 1,98 Millionen Jahren in Südafrika lebende Vormensch könnte möglicherweise der Vorfahre aller Menschen der Gattung Homo gewesen sein.

(Keystone)

Planet der Affen

Verschiedene Menschenarten lebten einst zeitgleich. Einige hatten grosse, andere kleine Hirne, die einen stellten Werkzeuge her und bauten Unterkünfte, während andere in einem eher einfachen Stadium verblieben. Und das ist noch gar nicht so lange her.

Interessant ist hierbei der Homo naledi, der letztes Jahr der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Dieser doch sehr affenhafte Hominide existierte bis vor wenigen 100 000 Jahren und somit zeitgleich zum Homo sapiens, dem modernen Menschen, in Südafrika.

Noch spektakulärer war die Enthüllung des Homo floresiensis im Jahr 2009: Der so genannte "Hobbit", der auf einer Insel in Indonesien lebte, hatte das kleine Gehirn und den kleinen Körper eines Australopithecus, doch lebte er bis vor wenigen zehntausend Jahren, als die Menschen bereits Ackerbau betrieben.

Zum Vergleich: Ein menschliches Skelett (links), eine Rekonstruktion des Skeletts eines Australopithecus sediba (Mitte) und ein Schimpansenskelett (rechts). 

(Keystone)

Uralte DNA ist kein Problem mehr

Die verschiedenen Menschenarten konkurrierten sich und vermischten sich auch untereinander – was ebenfalls eine neue Erkenntnis ist. Dass Neandertaler und Menschen Sex hatten und gemeinsame Nachkommen produzierten, ist dank DNA-Untersuchungen aus dem Jahr 2010 erwiesen: Die meisten Menschen weltweit tragen Neandertaler-Gene in sich.

Möglich machten diesen Befund die rasanten Fortschritte in der Genetik. Seither ist es möglich, DNA aus Jahrtausende alten Knochen zu extrahieren, zu entschlüsseln und mit der DNA von verwandten Arten zu vergleichen.

Laurent Excoffier von der Universität Bern hat sich auf die Untersuchung solcher alten Proben, genannt Ancient DNA, spezialisiert. "Die aktuellen Techniken können DNA aus rund 100 000 Jahre alten Knochen extrahieren" erklärt der Genetiker. "Bei aussergewöhnlich gut erhaltenen Proben liegen sogar mehrere 100 000 Jahre drin."

Diese Technik erlaubte es unter anderem im Jahr 2010, eine weitere neue Menschenart festzustellen: Die Denisovaner. Der komplette genetische Fingerabdruck – das so genannte Genom – wurde bloss anhand eines Fingerknochens sowie ein paar Zähnen entschlüsselt. Der Vergleich mit DNA von modernen Menschen zeigte, dass sich auch diese Spezies, die bis vor rund 40 000 Jahren lebte, mit dem Homo sapiens fortpflanzte.

"Die Evolution des Menschen wird heute als viel dynamischer betrachtet als noch vor einigen Jahren. Es gab viel mehr Interaktion zwischen Homo sapiens, dem Neandertaler und anderen Arten als wir bisher glaubten", sagt Excoffier. "Und es ist auch möglich, dass weitere, womöglich noch unbekannte Menschenarten zu unserem Genom beigetragen haben."

Lucy

Modell von "Lucy", ein Vorfahre des Menschen der Gattung Australopithecus afarensis.

(Keystone / AP Photo / Pat Sullivan)

Viele Fragen offen

Doch vieles sei noch unklar, die Evolutionsgeschichte nach wie vor rätselhaft, sagt Excoffier. "Viele Fragen sind noch unbeantwortet: Wo genau liegt nun der Ursprung der Hominiden? Fand die Evolution auf relativ kleinem Raum oder breitflächig statt? Wie lange dauerte es, bis der Mensch wirklich modern wurde und was sind die Gene, welche uns von den anderen Arten unterscheiden? Gibt es weitere, unbekannte Arten, mit denen sich der Homo sapiens vermischte? Und wie und warum starben sie alle aus?"

Excoffier hofft, dass diese Fragen durch weitere Fortschritte in den Analysemethoden geklärt werden können. "Es gibt fantastische Fortschritte. Die Sequenzierungsmethoden werden immer empfindlicher. Zum Beispiel brauchen wir heute nicht einmal mehr Knochen oder Werkzeuge, um an DNA zu gelangen. Diese kann neu auch aus Sedimenten extrahiert werden."

Auch Peter Schmid setzt auf modernste Hilfsmittel, aber nicht nur. "Die technologischen Neuerungen, etwa die bildgebenden Verfahren, die 3D-Drucke und die neuen Datierungsmöglichkeiten, bieten neue Analysewerkzeuge, die neue Türen öffnen. Das wichtigste aber ist die wissenschaftliche Diskussion. Nur sie bringt uns weiter."

Schweizer Urmenschen

Der Neandertaler und auch der Homo erectus waren in der Schweiz. So viel ist klar. Ob auch andere Verwandte des Homo sapiens, womöglich der Denisova-Mensch, einst das Alpenland bevölkerten, ist unbekannt. DNA-Analysen von Knochen deuten zumindest auf die Anwesenheit von Denisovanern in Spanien hin. Im Alpenraum haben Gletscher der Eiszeiten viele mögliche Funde zerstört. Nur in seltenen Fällen sind Menschenreste und Steinwerkzeuge in vor dem Eis geschützten Höhlen gefunden worden. In der Schweiz sind bis heute etwa 20 Fundstellen mit Spuren des Neandertalers bekannt. Die Lagerplätze liegen beidseits des Juraabhangs, in der Rheinebene, in der Säntisregion und im Berner Oberland. Ein bekanntes Fundgebiet ist das Wildkirchli im Alpstein, das unterhalb der Ebenalp im Kanton Appenzell Innerrhoden liegt. 1904 entdeckte der St. Galler Naturwissenschaftler Emil Bächler dort eine Vielzahl von bearbeiteten Steine, Werkzeugen und Knochen, welche in die Zeit von 50 000 bis 30 000 vor heute datiert wurden. Die ältesten gefundenen Urmenschen-Reste in der Schweiz sind rund 130 000 Jahre alt. Da die Gletscher immer mehr schmelzen und dadurch neue Zugänge zu Höhlen oder Vertiefungen freigelegt werden, rechnen aber Forscher damit, dass auch im Schweizer Erdreich noch spektakuläre Überreste aus unserer Vergangenheit gefunden werden können.

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