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Kalter Winter, warmes Jahr - auf Klima-Spurensuche



"Frühling" am 16. Januar in Genf: Kurzzeit-Phänomen in langer Kälteperiode.

"Frühling" am 16. Januar in Genf: Kurzzeit-Phänomen in langer Kälteperiode.

(Keystone)

Der Winter startete im November mit Eiseskälte und Bergen von Schnee, 2010 war aber erneut eines der wärmsten Jahre seit Beginn der Messungen. Laien staunen ob solcher Pendelausschläge. Nicht aber Klimatologe Heinz Wanner.

Jetzt ist es amtlich: Der vergangene meteorologische Jahrgang – die Dauer von Dezember 2009 bis November 2010 - war der wärmste seit Messbeginn. Die globale Temperatur lag laut der UNO-Weltorganisation für Meteorologie (WMO) 0,5 Grad über dem langjährigen Mittel. Damit bestätigt sich die Tendenz der globalen Klimaerwärmung, wie sie Klimaforscher wie der Berner Heinz Wanner beobachten.

"Die letzten Jahre gehörten zu den wärmsten seit Beginn der Messungen 1860. Ursache ist der anthropogene, menschengemachte Treibhauseffekt, der zu einer Zunahme der Temperaturen im globalen Mittel führt", sagt der frisch emeritierte Professor.

Im November aber klirrte es, die Temperaturen in Europa nördlich der Alpen lagen satte vier Grad unter dem langjährigen Monatsmittel.

Weltumspannendes Klimasystem

Was Laien als klimatologischer Querschläger erscheinen mag, erklärt der ehemalige Präsident des Oeschger-Zentrums, dem renommierten Klimaforschungs-Institut der Universität Bern, in grossräumigen Zusammenhängen auf der Nordhalbkugel.

Ob ein Winter kalt oder warm wird, darüber entscheidet die so genannte Nordatlantische Oszillation (NAO), ein Luftdruckgefälle über dem Atlantik.

Sitzt bei Island ein Tief und herrscht das "Azorenhoch", ein besonders hoher Luftdruck bei den Azoren, der Inselgruppe vor Portugal, sprechen Klimatologen von einer positiven Phase der Oszillation. Diese Konstellation erzeugt kräftige Westwinde, in Mitteleuropa sorgt die herangewehte Meeresluft für milde und nasse Winter.

Im umgekehrten Fall der negativen Phase der Oszillation verwandeln anhaltende Winde aus Norden und Osten das winterliche Europa nördlich der Alpen in eine Gefriertruhe. Und plötzlich wecken milde Temperaturen Frühlingsgefühle – wie zu Jahresbeginn.

Mit Memory-Funktion

Die NAO als "Wintermacherin" schwankt aber nicht nur kurzzeitig, sondern weist auch so etwas wie ein Langzeit-Gedächtnis auf.

Diese dekadische Schwankung kann, wie Wanner an seiner eigenen Biografie illustriert, die Winter über eine ganze Menschengeneration prägen. "Als 1945 Geborener weiss ich, dass wir 1950 bis 1975 eine Phase mit sehr kalten Wintern hatten, mit 1956 und 1963 als Höhepunkte."

Zwischen 1975 bis 1998 sei eine Phase sehr warmer Winter gefolgt. "In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre hatte ich angedeutet, dass es wahrscheinlich wieder mehrere kältere Winter geben wird, wenn sich das Klimasystem nicht verändert", sagt Wanner.

Lange "Kälte"-Phase

Die NAO ist nicht nur ein saisonales Phänomen. Laut der US-Klimabehörde war der Dezember 2010 bereits der 15. Monat in Folge, in dem die Nordatlantische Oszillation im negativen Bereich verharrte.

Das Luftdruckgefälle zwischen Island und den Azoren wird durch ein komplexes Zusammenspiel zahlreicher Faktoren zu Land, zu Wasser und in der Luft beeinflusst.

Ausschlaggebend sind laut dem Klimaforscher die Oberflächentemperatur und Strömung von Nordatlantik, tropischem Atlantik und Pazifik inklusive des El-Nino-Phänomens.

Ferner spielten die Meereisverteilung sowie Einflüsse aus der Stratosphäre eine Rolle, und auch die Schneedecke auf dem eurasischen Kontinent.

Yakhirte gegen "Wätterschmöcker"?

Heisst das, dass beispielsweise ein tibetischer Yakhirte genauere Prognosen zu kommenden Wintern liefern könnte als die urschweizerischen "Muotathaler Wätterschmöcker"?

Das sei zwar etwas weit hergeholt, sagt Wanner. "Aber Elmar Reiter, bei dem ich an der Colorado State Universitiy in Forth Collins forschte, hatte schon damals aufgezeigt, dass bei einer grossflächigen Schneebedeckung und starker Reflektierung des Sonnenlichts Eurasien anhaltend auskühlt. Das führt zur Entstehung eines Hochdruckgebiets über dem Kontinent, an dessen Rand Kaltluftmassen nach Westeuropa gesteuert werden." Diese so genannte Neigungshaltung führe zur Fortdauer der negativen Nordatlantischen Oszillation.

Im Zuge der gegenwärtigen längeren Phase mit kalten Wintern ist laut Heinz Wanner durchaus auch wieder eine "Seegfrörni" denkbar. Wegen des Treibhauseffekts rechnet er aber damit, dass die dazu erforderlichen längeren Perioden mit grosser Kälte weniger häufig auftreten werden.

"Zukunft bleibt spannend"

Für kalte Perioden würde aber wiederum die Solaraktivität sprechen. Diese ist einem natürlichen Zyklus unterworfen, gemäss dem das Wärmekraftwerk Sonne seine Leistung in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren etwas herunterfahren wird.

"Über diesen Wechselwirkungen haben wir die dekadische Schwingung der Nordatlantischen Oszillation. Genau das macht die Zukunft spannend", sagt Wanner.

Seine Einschätzung, dass Europa im Zuge der negativen Phase noch mehrere sehr kalte Winter bevorstünden, teilten auch Wanners Kollegen im UNO-Weltklimarat. In ihrem Bericht von 2007 gingen die Autoren erst für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts von einer positiven Phase der Oszillation aus, die Europa feuchtmilde Winter bringen würde.

Tourismus-Dialog

Vor allem solche Langzeit-Einschätzungen sind es, die Wanner bei Tourismusforschern und -fachleuten zu einem gefragten Gesprächspartner machen.

"Im Bereich der Tourismusforschung von Professor Hans-Rudolf Müller von der Universität Bern haben wir diese dekadische Variabilität und Projektionen in die Zukunft diskutiert", berichtet Wanner.

"Kurzfristig und kommerziell haben sich die Tourismusfachleute aber auf die Klimavariabilität eingestellt und setzen Schneekanonen ein, gemäss der Devise 'wenn es nicht schneit, schneien wir halt selber'".

Die Kanonen können ihren Kunstschnee aber nur bei tieferen Temperaturen auswerfen. Destinationen in tieferen Lagen, wo es nicht so kalt wird, bleibt wohl nicht viel anderes übrig, als auf Alternativen zum Skifahren und Snowboarden zu setzen, beispielsweise auf Wellness.

Heinz Wanner

Der 66-jährige Geograph und Klimatologe war Ko-Direktor des Forschungsprogramms Luftverunreinigung und Meteorologie in der Schweiz (Pollumet).

1988 wurde er Professor für Physische Geografie, Klimatologie und Meteorologie an der Universität Bern.

Von 2001 bis 2008 war er Leiter des Nationalen Forschungs-Schwerpunkts Klima (NCCR) sowie Direktor des International Past Global Changes Programme (Pages).

Für den UNO-Weltklimarat IPCC war Wanner als Gutachter tätig.

2006 wurde der Berner mit dem Welt-Geografie-Preis Vautrin Lud ausgezeichnet, dem inoffiziellen Nobelpreis seiner Zunft.

Seit 2009 ist er Ehrendoktor der Humboldt Universität Berlin.

Ende 2010 wurde er emeritiert, bleibt dem Oeschger-Zentrum aber als Forscher erhalten.

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