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Neue Sprachhorizonte "Chinesisch ist gar nicht so schwierig"



Um sich im chinesischen Alltag durchzuschlagen, reichen die Kenntnisse von rund 100 Schriftzeichen.

Um sich im chinesischen Alltag durchzuschlagen, reichen die Kenntnisse von rund 100 Schriftzeichen.

(swissinfo.ch)

An einigen Schweizer Gymnasien ist Chinesisch freiwilliges Wahlfach. Am Gymnasium Denis-de-Rougemont in Neuenburg soll die chinesische Sprache nun offizielles Wahlfach werden. Damit wäre Chinesisch erstmals in der Schweiz Teil des Lehrplans.

"Sehen Sie, dieses Zeichen wird von einer Linie in der Mitte durchkreuzt. Das bedeutet 'halbiert'. Deshalb ist es gar nicht so schwierig, chinesische Schriftzeichen zu lernen. Es gibt eine gewisse Logik", sagt die16-jährige Marjane lachend.

Es ist später Nachmittag. Die Mehrheit der 750 Schülerinnen und Schüler am Gymasium Denis-de- Rougemont ist bereits zu Hause, die Gänge sind praktisch verwaist. Doch in einem Klassenzimmer sitzen 15 Schülerinnen und Schüler der ersten Gymnasialklasse und büffeln Chinesisch. Ihre Lehrerin heisst Shih-Yi Huang Terrier.

Angst vor Chinesisch

Auf den Pulten der Schüler liegen Blätter mit chinesischen Schriftzeichen und Transkriptionen ins lateinische Alphabet. Aussprache und Übersetzung werden geübt. "Wŏ jiào yuè nĭ jĭ juì?"heisst zum Beispiel: "Ich heisse Xiao Yue und wie heisst du?" klärt Marjane auf. Für Gymnasiasten, die erst seit acht Monaten und nur eineinhalb Stunden pro Woche Chinesisch lernen, sind die Resultate beeindruckend.

Justine hat erst einige Wochen nach ihren Klassenkameraden mit dem Chinesisch-Unterricht begonnen. Anfänglich war sie wenig überzeugt. Sie dachte, Chinesisch sei zu schwierig für sie. "Es ist aber gar nicht so schwierig, wie man denkt; die Grammatik ist sogar ziemlich einfach", hält die Schülerin fest.

Shih-Yi Huang Terrier kennt die Vorbehalte gegenüber ihrer Sprache. "Auf Französisch gibt es sogar eine Redewendung für unverständliches Gerede: 'Das ist wie Chinesisch'. Viele denken, dass man mindestens 1000 Zeichen lernen muss. Dabei reichen am Anfang rund hundert. Zudem gibt es keine Konjugationen und Deklinationen."

Faszination einer Sprache

Wie für ihre Klassenkammeraden und wohl die Mehrheit der Europäer, die Chinesisch lernen, ist auch für Maya die Schrift die grösste Schwierigkeit.  "Am Anfang muss man vor allem lernen, die schriftliche und die mündliche Sprache vollkommen zu trennen. Das sind zwei ganz verschiedene Sachen. Nach sechs Monaten kann man dann die beiden Dinge vermengen", sagt Shih-Yi Huang Terrier.

Aber warum belegen diese Schüler freiwillig einen Kurs in Chinesisch? Denken sie allenfalls schon an einen Job in Fernost? "Nein, ich lerne Chinesisch aus persönlichem Interesse. Diese Sprache erlaubt dir, anders denken zu lernen", sagt Marjane überzeugt. 

Auch für Alasdair spielen berufliche Überlegungen im Moment keine Rolle: "Ich interessiere mich vor allem für das Alphabet und die Kultur. Das finde ich faszinierend."

Pierrick ist der einzige Schüler, der schon in China war. Er träumt von einer diplomatischen Karriere. "Ich bin begeistert von der chinesischen Kultur und von diesem riesigen Land, das eine grosse Zukunft vor sich hat."

Klare Vorstellungen hat auch Maya. "Wenn ich diesen Kurs beendet habe, möchte ich Privatstunden nehmen. Und mit 18 will ich für ein Jahr nach China."

Das Neuenburger Projekt

Das Pilotprojekt am Gymnasium Denis-de-Rougemont in Neuenburg sieht einen zweijährigen Kurs mit zwei bis drei Unterrichtsstunden pro Woche vor. Die Schüler sollten in dieser Zeit das Niveau III des HSK-Zertifikats (Hanyu Shuiping Kaoshi) erreichen, das die Chinesisch-Kenntnisse als Fremdsprache beurteilt.

Dieses Niveau sollte es erlauben, im alltäglichen Leben zu kommunizieren.

Zudem sollte es der Kurs erlauben, unterschiedliche Regionen und Kulturen Chinas kennenzulernen, und nicht nur die kontinental chinesische Kultur.

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Vierjähriger Versuch

Tatsächlich dauert der freiwillige Kurs, der erstmals im Schuljahr 2010/2011 angeboten wurde, nur ein Jahr. Doch das könnte sich bald ändern. Denn die Schulleitung will ein vierjähriges Pilotprojekt lancieren, wonach chinesische Sprache und Kultur als neues Wahlfach über zwei Schuljahre angeboten wird.

Der entsprechende Antrag wurde bei der Schweizerischen Maturitätskommission (SMK) eingereicht und wird von der Neuenburger Kantonsregierung unterstützt. Das Angebot soll für das zweite und dritte Gymnasialjahr gelten (in Neuenburg dauert das Gymnasium nur drei Jahre).

Falls der Antrag gutgeheissen wird, wäre dies eine Neuerung für die Schweiz. Denn Neuenburg würde ab 2014/15 der erste Kanton, in dem Chinesisch auf gleicher Stufe angeboten würde wie Chemie, Biologie oder Philosophie. Diese Wahlfächer sind vorgesehen, damit die Schüler einen eigenen Lernschwerpunkt festlegen können.

Den Horizont erweitern

"Unser Wunsch ist es, den Unterrichtsstoff in Richtung Asien auszuweiten. Momentan sind wir sehr auf Europa konzentriert und vergessen den Rest der Welt", sagt Schuldirektor Philippe Robert. Schülerumfragen hätten ergeben, dass Interesse an diesem neuen Fach bestehe.

Die Schweizerische Maturitätskommission, welche dafür sorgt, dass die Angebote der Gymnasien den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, will bis Ende Juni über den Antrag aus Neuenburg entscheiden. Zwei weitere Gymnasien, eines in Basel und eines in Wettingen, interessieren sich für das Pilotprojekt in Neuenburg.

"Es gibt noch einige Widerstände. Es wird eine Inflation bei der Anzahl der Wahlfächer befürchtet, die zulasten traditioneller Fächer wie Latein oder Griechisch gehen", sagt Philippe Robert. "Doch ich bin der Auffassung, dass die Schule proaktiv sein und die Schüler für Kulturen sensibilisieren sollte, mit denen sie eines Tages mit Sicherheit in Kontakt kommen." Zumal sich wegen der Uhrenindustrie gerade im Jurabogen die wirtschaftlichen Beziehung zu China weiter intensivieren würden, glaubt der Schulleiter.

Robert unterstreicht zudem, dass es nicht nur darum gehe, eine neue Sprache anzubieten. "Es wäre ein Wahlfach für chinesische Sprache und Kultur. Das lässt Spielraum für interdisziplinären Unterricht, denn es lassen sich viele Verbindungen zu philosophischen und künstlerischen Fragen herstellen."

Chinesisch als Maturfach

Shih-Yi Huang Terrier fände einen solchen Qualitätssprung wichtig. Der Wochenunterricht würde von eineinhalb auf drei Stunden verdoppelt. Das wäre sicherlich gut für die Motivation, auch weil es ein offizielles Wahlfach wäre. "Jetzt kommen die Schüler freiwillig, was gut ist, aber angesichts ihrer anderen Aufgaben halten sie den Aufwand in Grenzen."

Wenn Chinesisch in Neuenburg zum offiziellen Wahlfach würde, könnten die Schüler dieses Fach sogar als Maturitätsfach wählen. Diesen Aspekt wäre gemäss Lehrerin und Schülern keineswegs unerheblich. "Zu Hause lernen wir wenig für dieses Fach. Ein Abschlussexamen würde dies sicherlich ändern und einen Wettbewerb mit den anderen Schülern erlauben", sagt die Lehrerin.

Die Schweizer Maturität

Das System der Schweizer Maturität sieht vor, dass mindestens 10 Grundlagenfächer unterrichtet werden, darunter die eigene Muttersprache und zwei Fremdsprachen (darunter mindestens eine weitere Landessprache sowie Englisch, Latein oder Griechisch).

In der zweiten Gymnasialklasse (in manchen Kantonen in der ersten) kann ein Schüler ein Wahlfach belegen, das seinen eigenen Interessen entspricht. Dabei kann es sich um eine altphilologische Sprache wie Latein, eine moderne Sprache wie Russisch, oder Biologie, Chemie, oder Rechts-Wissenschaften handeln.

Im vorletzten Jahr können die Schüler noch ein Ergänzungsfach belegen, um die Kompetenzen in einem bestimmten Bereich zu erweitern. Der Kurs für chinesische Sprache und Kultur am Neuenburger Gymnasium würde in diese Kategorie fallen.

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(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch


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