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Sicherheit Nachholbedarf beim erdbebensicheren Bauen

Die Erdbebenüberwachung funktioniert - mit den Bauten steht es nicht zum Besten.

Die Erdbebenüberwachung funktioniert - mit den Bauten steht es nicht zum Besten.

(Keystone)

Von allen möglichen Naturkatastrophen, welche die Schweiz bedrohen, könnte ein Erdbeben den grössten Schaden anrichten. Dennoch ist der Grossteil der Bauten im Land nicht erdbebensicher gebaut.

Das Erdbeben in Norditalien vom 20. Mai hat zahlreiche Gebäude zerstört, historische und neuere. Damit hat es auch die Notwendigkeit des erdbebensicheren Bauens in Erinnerung gerufen.

In der Schweiz entsprechen heute noch rund 90% der Gebäude nicht erdbebensicheren Normen. Das Land muss noch viel verbessern, bevor seine Bauten einem schweren Beben widerstehen können. Die Nachrüstung eines Gebäudes kann ziemlich teuer werden.

"Die einzige Massnahme, die man aktiv ergreifen kann, um Erdbebenschäden zu verringern und Leben zu retten, ist, Bauwerke erdbebenresistent zu machen", erklärt Hugo Bachmann vom Institut für Baustatik und Konstruktion (IBK) der ETH Zürich gegenüber swissinfo.ch.

Bachmann war seit 1969 Professor am IBK. Er ist einer der Pioniere im Erdbebeningenieurwesen in der Schweiz. Obschon in der Bausubstanz des Landes Fortschritte erfolgten, hat die Schweiz noch einen langen Weg vor sich, bevor sie in dem Bereich für schwere Erdbeben gerüstet ist, sagt Bachmann.

Höchstes Schadenpotential

"Wir haben den Prozess eingeleitet, aber die Schweiz ist noch nicht vorbereitet. Bis zu dem Punkt wird es noch viele Jahrzehnte dauern", erklärt Bachmann.

Nach Angaben des Bundesamts für Umwelt wurden etwa 90% der Bauwerke in der Schweiz gebaut, ohne dass die Erdbeben-Baunormen eingehalten wurden. Wie anfällig diese Bauten auf Erdbebenschäden sind, ist nicht bekannt, das Niveau könnte aber recht hoch sein.

Erdbeben gelten in der Schweiz als die Naturkatastrophen mit dem höchsten Schadenspotential. Obschon sie weniger häufig passieren als Überschwemmungen, können sie viel grössere Konsequenzen nach sich ziehen, was das Ausmass der Schäden und Verwüstungen angeht.

Rigorose Erdbeben-Baunormen

Die ersten Erdbeben-Baunormen wurden in der Schweiz 1970 eingeführt. Seither wurden die Anforderungen mit Revisionen 1989 und 2003 verschärft. Nach den heute geltenden Normen hängt das Ausmass, wie erdbebensicher ein Gebäude sein sollte, von einer Reihe von Faktoren ab. Wichtige Kriterien sind die Erdbebenzone, die Art des Baugrunds, die Bedeutung eines Bauwerks sowie Bauweise und Baustoffe.

Die Bedeutung eines Bauwerks (die so genannte Bauwerksklasse) hängt unter anderem von Kriterien wie der durchschnittlichen Belegung, dem Schadenspotential und der Nützlichkeit einer Struktur unmittelbar nach einem Beben ab. So würde etwa eine Feuerwehrwache als bedeutender eingestuft als ein Einfamilienhaus.

Thomas Wenk, Präsident der Schweizer Gesellschaft für Erdbeben-Ingenieurswesen und Baudynamik, war beteiligt an der Entwicklung der Vorgaben für die SIA-Erdbeben-Baunormen. Er erklärt, idealerweise sollten alle Bauten den Erdbeben-Normen entsprechend gebaut werden.

"Für neue Bauwerke ist das nicht teuer – es kostet praktisch nichts. Denn es ist viel einfacher, etwas von Grund auf korrekt zu gestalten," erklärt Wenk gegenüber swissinfo.ch.

Gemischte Regelkonformität

Seit dem Jahr 2000 haben die Bundesbehörden ihr Augenmerk vermehrt auf Erdbebenvorsorge und Schadensprävention gerichtet und eine Reihe von Massnahmen ergriffen, um das Land besser auf ein allfälliges schweres Erdbeben vorzubereiten.

Als Teil des Massnahmenprogramms des Bundes zur Verringerung des Erdbebenrisikos werden alle neuen Bundesbauten entsprechend den Erdbeben-Baunormen gebaut.

Die Landesregierung rüstet auch aktiv existierende Bauwerke nach, für die sie zuständig ist. "Die Landesregierung ist weit voraus. Sie überprüft systematisch ihre Bauwerke, einschliesslich Autobahnen und Brücken", sagt Wenk.

Allerdings machen private Gebäude nach Angaben des Bundesamts für Umwelt rund 95% der Bausubstanz des Landes aus. Die Verbesserung der Erdbebensicherheit sei nicht nur Sache des Bundes, erklärt Wenk.

"Jeder Kanton hat sein eigenes Bau- und Planungsrecht. Neben den Kantonen liegt die rechtliche Zuständigkeit für das Bauwesen zum Teil auch bei den Gemeinden. Wir sind der Ansicht, dass die Durchsetzung der Erdbeben-Baunormen in gewissen Kantonen ungenügend ist", sagt Wenk.

Zurzeit schreiben nur fünf Kantone – Aargau, Basel Stadt, Jura, Nidwalden und das Wallis – vor, dass vor der Erteilung einer Baugenehmigung überprüft wird, ob die Baupläne die Erdbeben-Normen einhalten. Daher gibt es auch keine Statistiken, wie viele Neubauten in der Schweiz gemäss den Erdbeben-Baunormen erstellt werden. Viele Fachleute schätzen, dass ein erheblicher Anteil diesen Normen nicht genügt.

Kosten der Nachrüstung

Am teuersten bei der Erhöhung der Erdbebensicherheit der Bauwerke in der Schweiz ist das Nachrüsten bestehender Bauten. Nach Angaben des Bundesamts für Umwelt (BAFU) kann das Nachrüsten ziemlich teuer werden, bis zu 20% des Gebäudewertes – im Durchschnitt sind es zwischen 5 und 10%.

Aufgrund einer Risikoanalyse im Kanton Basel Stadt wurde das Hauptgebäude der Berufsfeuerwehr nachgerüstet. Das Gebäude war 1942 aus Stahlbeton erstellt worden, die Analyse kam zum Schluss, dass die Säulen im Erdgeschoss nicht einmal einem relativ schwachen Beben Stand halten würden.

Die Nachrüstung wurde in diesem Fall als notwendig erachtet, da das Gebäude in einem Hochrisiko-Gebiet steht und weil es sich im Fall eines Bebens um ein für die Notfallversorgung wesentliches Bauwerk handelt.

Für Fachwissen und die beste Strategie, das Gebäude erdbebensicherer zu machen, wandte sich Basel an Bachmann. Er empfahl, es "weicher" zu machen, damit das Gebäude flexibler auf seismische Aktivitäten reagieren kann. Die oberen Geschosse wurden mit einem horizontalen Schnitt vom Kellergeschoss abgetrennt und auf Erdbebenlager gestellt.

Die Nachrüstung des Gebäudes, das nun einem Erdbeben der Stärke 6,5 bis 7 auf der Richter-Skala widerstehen sollen könnte, wurde 2008 fertiggestellt. Die Kosten beliefen sich auf 3 Mio. Franken. Das rund 23% des Gebäudewerts.

Versicherung

In der Schweiz ist das Erdbebenrisiko im Rahmen der obligatorischen Gebäude-Versicherung für Feuer- und Elementarschäden nicht versichert.

1978 schlossen sich 18 kantonale Gebäude-Versicherungen zu einem Pool zusammen, der im Fall eines Bebens freiwillig Leistungen erbringt.

Dem Pool stehen pro Jahr rund 2 Mrd. Franken für die Deckung von Schäden zur Verfügung – deutlich weniger, als die geschätzte Schadenssumme im Fall eines schweren Bebens.

Nach Angaben des Bundesamts für Bevölkerungsschutz würden sich die Schäden eines Beben der Stärke 6,5 bis 7 auf der Richter-Skala auf 50 bis 100 Mrd. Franken belaufen.

Die Gebäudeversicherung des Kantons Zürich hat ihren eigenen Fonds für Erdbebenschäden. Die Deckung beträgt eine Milliarde Franken.

Um die bisherige Lücke zu stopfen befürworten verschiedene Bundesbehörden eine obligatorische Erdbebenversicherung. Ähnlich sieht es das Parlament. Es verabschiedete im März 2012 eine Motion, mit der die Regierung aufgefordert wurde, dafür zu sorgen, dass in Zukunft eine obligatorische Erdbebenversicherung mit einheitlichen Prämien angeboten wird.

Infobox Ende

swissinfo.ch


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