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Unsichere Zukunft Wüsten-Solarprojekt Desertec am Scheideweg



Desertec plant, in Wüstenregionen eine Kette von solarthermischen Anlagen zu bauen.

Desertec plant, in Wüstenregionen eine Kette von solarthermischen Anlagen zu bauen.

(Keystone)

Das Seilziehen um ein ambitiöses, multinationales Projekt geht weiter. Nachdem sich kommerzielle und nicht-gewinnorientierte Sponsoren getrennt haben, steht Desertec vor einer ungewissen Zukunft. Geplant ist, das grosse Potenzial an Sonnenenergie in den Wüsten Nordafrikas und des Nahen Ostens zu nutzen.

Die Idee tönt grossartig: In sechs Stunden fällt in den Wüstenregionen der Welt durch die Sonnenstrahlung mehr Energie an, als die gesamte Menschheit in einem ganzen Jahr verbraucht. Dies hat einer der Partner des Projekts, der schwedisch-schweizerische Konzern ABB, ausgerechnet.

Die 500-Milliarden-Initiative Desertec soll in etwa 40 Jahren den Traum wahr machen, Sonnenenergie aus den Wüstenregionen nutzen zu können – als weltweit grösstes Energieprojekt. Geplant war, bis 2050 etwa 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs zu decken.

Doch seit der Gründung 2009 haben einige Ereignisse das Projekt in Bedrängnis gebracht: Die Krise in südlichen Ländern der Europäischen Union (EU), der Arabische Frühling, und zuletzt der Machtkampf innerhalb des Projekts, der im Juli zum Eklat und der Trennung von Stiftung und kommerziellen Partnern geführt hat.

Desertec: Scheidung

Anfang Juli 2013 trennte sich die nicht-gewinnorientierte Desertec Foundation von den 19 Geschäftspartnern der Desertec Industrial Initiative (Dii). Der Stiftung passten die kommerziellen Ziele der involvierten Firmen nicht.

Tage darauf wurde Dii-Co-Chefin Aglaia Wieland in die Wüste geschickt. Paul von Sonn übernahm die alleinige Führung des Konsortiums. Wieland hatte sich für den Export von erneuerbarer Energie nach Europa eingesetzt.

Wochen zuvor war von Sonn auf der Website EurActiv.com zitiert worden: "Vor vier Jahren ging es bei Desertec darum, Energie aus Nordafrika zu bringen. Wir haben diese eindimensionale Sichtweise aufgegeben", sagte er.

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"Aussenpolitik"

Für Rolf Wüstenhagen, Leiter des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Universität St. Gallen, haben soziale und politische Umwälzungen den Fahrplan von Desertec beeinflusst: "Desertec begann als ambitiöse, visionäre Idee, Europas Energienachfrage mit Strom aus sonnenreichen Wüsten zu stillen", sagt er.

"Der Arabische Frühling führte zu Anpassungen der Politik. Es wurde erkannt, dass Desertec von Europa als Instrument der Aussenpolitik eingesetzt werden könnte, um die Region zu stabilisieren, da die Ölreserven langsam auslaufen."

Sie könnten trotz der Trennung immer noch zusammenarbeiten. Das betonen sowohl die nicht-gewinnorientierte Desertec Foundation, die starken Rückhalt in der deutschen Regierung geniesst, wie auch die Desertec Industrial Initiative (Dii), die aus multinationalen Konzernen besteht. Die grossen Umrisse des Projekts könnten trotz unterschiedlicher Ziele gemeinsam angegangen werden, heisst es.

Dies sei eine gute Nachricht, schätzt Wüstenhagen. Kommerzielle, politische und Nichtregierungs-Kreise würden einander brauchen, damit das Projekt auf die Füsse komme.

Unterschiedliche Interessen

"Rein kommerzielle Gründe reichen zwar nicht, damit es fliegen kann; doch es braucht ein gutes Geschäftsmodell", erklärt er. "Die Vision der Desertec Foundation erstreckt sich bis 2050. Börsenkotierte Unternehmen jedoch planen nicht derart weit voraus."

ABB, ein Mitglied des Dii-Konsortiums, besteht darauf, dass die "visionäre, langfristige" Desertec-Initiative immer noch auf Kurs sei. Dies trotz "kurzfristiger politischer Volatilität" des Arabischen Frühlings oder der kürzlichen Trennung von der Stiftung.

Energie aus der Wüste

Über das grüne Energiepotenzial der Wüstenregionen wird viel geforscht, und es zieht viele Investoren an.

Neben dem Projekt Desertec sind Schweizer Unternehmen auch in anderen Öko-Projekten in Wüstenregionen engagiert.

Dazu gehört das Projekt "Solar Islands" im Emirat Ras Al Khaimah, das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gehört. Geplant ist, Solarenergie auf grossen, schwimmenden "Inseln" aus Solarspiegeln zu sammeln, die Wasserrohre aufheizen, mit denen Dampf und Elektrizität gewonnen werden kann.

Im futuristischen Projekt "Masdar" in Abu Dhabi, einer grünen Öko-Stadt in der Wüste, sollen dereinst 50'000 Menschen leben. Die ebenfalls von Schweizer Unternehmen unterstützte Musterstadt soll Energie aus zahlreichen erneuerbaren Quellen nutzen.

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"Wir bedauern den Rückzug der Desertec Foundation, doch unserer Meinung nach schwächt das die Initiative nicht", sagt Jochen Kreusel, Leiter des ABB-Programms "Smart Grids". "Unsere Haltung gegenüber dem Projekt hat sich nicht verändert. Wir sind sehr zufrieden mit den Resultaten, die bisher erreicht wurden", so Kreusel.

"Wir sind überzeugt, dass ein integrierter Markt EU-MENA [Naher Osten und Nordafrika] für erneuerbare Energien das zentrale Element ist, damit Europa seine Energieziele für 2050 erreichen kann und die gesamte Region eine nachhaltige Elektrizitätsversorgung erhält."

Die Umwelt-Organisation Greenpeace hat die Initiative immer unterstützt. Auch sie glaubt, das Projekt könne die gegenwärtigen Probleme überleben, ist sich aber weniger sicher, wie die europäischen Stromnetzwerke angeschlossen werden sollen.

"Das Paradestück des Projekts, nämlich Europa industriell mit Strom aus Nordafrika zu versorgen, hat einen Rückschlag erlitten", sagt Andree Böhling, Experte für erneuerbare Energien bei Greenpeace Deutschland.

Ein Problem sieht Böhling in Unstimmigkeiten zwischen den kommerziellen Sponsoren des Projekts. "Eine Gruppe will die Möglichkeiten der sauberen Energien in der Region mit den echten Interessen der lokalen Bevölkerung im Blickwinkel erforschen und analysieren", so Böhling.

"Eine andere Gruppe scheint Umweltbedenken als Feigenblatt zu nutzen, während eine dritte Gruppe möglichst rasch möglichst viele kommerzielle Projekte auf den Markt bringen will."

Keine "Zauber-Technologie"

Im Juni hat das Industrie-Konsortium Dii den ersten konkreten Startplan präsentiert. "Getting Started" sagt voraus, dass erneuerbare Energien bis 2050 in Nordafrika, dem Nahen Osten und Europa 55 Prozent der Energieproduktion ausmachen werden.

Das erste Ziel des Projekts ist die Ausformulierung der technischen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, die nötig sind, um die Wüsten der Region in Energieproduktions-Zentren umzuwandeln. Die technische Kompetenz von ABB – der Transport von Strom über lange Distanzen mit geringen Verlusten – ist ein zentraler Punkt dieses Plans.

"Die Ziele sind erreichbar, es braucht keine neuen Zauber-Technologien, um die technischen Probleme in den Griff zu bekommen", sagt Professor Wüstenhagen.


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch


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