Wissenschaft fürs und vors Volk!

Faszinierend: Einmal in eine Körperzelle reinsehen. Universität Basel

Raus aus dem Elfenbeinturm! Die Universität Basel machte anlässlich ihres 550. Geburtstags mit einem Wissensmarkt einen grossen Schritt in die Öffentlichkeit. Sie nimmt sich aber auch Zeit für einen Blick zurück.

Dieser Inhalt wurde am 27. April 2010 - 08:00 publiziert

Wenn Bundesrat Moritz Leuenberger aus der Geschichte der ältesten Universität der Schweiz zitiert, kommt keine Langeweile auf: "Die Bürger von Basel entschieden sich vor über einem halben Jahrtausend freiwillig für den wagemutigen Weg ans Licht", sagte er kürzlich anlässlich des Auftakts der Jubiläumsfeiern in Liestal.

"In einer Epoche, als finstere Dämonen und schwarze Magie das Denken der Menschen prägten, wurde so ein Boden geschaffen, auf dem rationale Erkenntnisse Wurzeln schlagen konnten", beschrieb er die Zeit der Gründung und schlug gleich einen Bogen in die Gegenwart.

Die älteste Universität der Schweiz stellt ihr Jubiläumsjahr unter das Motto "Wissen bewegt uns". Der Anlass war jedoch nicht nur von den intellektuellen Würdeträgern geprägt. An einem "Markt des Wissens" erteilten die Basler Forschenden mit Wissen zum Anfassen jüngeren und älteren Wissbegierigen einen Einblick in ihre Fachgebiete.

Einem Pillendreher über die Schultern geschaut

Es gibt einen Käfer, der Pillendreher genannt wird. Früher, als es die Pharmaindustrie noch nicht gab, drehte, respektive formte jeder Apotheker seine Pillen selbst.

Die Apotheker, beziehungsweise ihre Gehilfen, waren dazumal auch professionelle Süssholzraspler. Die Stängel, die heute noch als Ersatzzigarette gekaut werden, wurden gerieben und das daraus entstandene Pulver, die Lakritze, war oft ein wichtiger Bestandteil der selbstgedrehten Pillen.

Viele Interessierte drängten sich denn am Stand des Pharmazie-Museums Basel um einen Pillendreher bei seiner Arbeit zu beobachten. Und die entstandenen Kügelchen, für einmal ohne spezielle medizinische Indikationen, wurden gerne probiert.

Chemie in der Küche

Die Molekularchemie spielt in der Küche eine immer wichtigere Rolle. Dies ist nicht erst seit dem spanischen Drei-Sterne-Koch, Ferran Adrià bekannt, der in seinem - zum weltbesten Restaurant gekürten - "El Bulli" bei Barcelona Molekularkost bietet. Seine Menüs gelten als Kunst.

Molekularküche ist jedoch keine Hexerei, wie die Basler Chemiker zu beweisen suchten. Und so boten sie besondere Häppchen an: Roastbeef mit Olivenöl.

Das schmeckt wie Roastbeef mit Olivenöl – aber nicht immer: Wird das Öl erst in flüssigen Stickstoff geschüttet, ändert sich nicht nur dessen Aussehen - es verklumpt zu winzigen Kügelchen - sondern auch der Geschmack.

"Es schmeckt nicht mehr nach Öl, aber der Olivengeschmack kommt viel stärker zur Geltung", war das Fazit der meisten "Tester", nachdem sie die beiden Varianten gekostet hatten.

Dieser und andere kulinarische Appetizer des Departements für Chemie waren die beste Werbung für dieses Fachgebiet, dem Laien meist grossen Respekt zollen, da sie so wenig darüber wissen.

Krank in den Tropen

Unter dem Motto "Gesund in der Schweiz und gesund auf Reisen" testete das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut das Wissen des Publikums in Bezug auf Gesundheitsgefährdungen im Alltag der Schweiz aber auch bei Reisen im Ausland.

Wie erkenne ich eine Zecke, was tun gegen einen Biss? Was ist Tetanus? Was ist die Schlafkrankheit und wie kann ich mich davor schützen? Wie vermeide ich Typhus und wo drohen die grössten Gefahren? Diese und viele andere Fragen lösten die Forschenden spielerisch mit den Standbesucherinnen und –besuchern.

"Wie entsteht Krebs?" war eine andere Frage, mit der sich viele Menschen beschäftigen. Mit übersichtlichen Tafeln, Grafiken und kompetenten Medizinern wurde das Thema angegangen. Und der Andrang war gross – besonders von Erwachsenen.

Die Jugend fühlte sich eher vom überlebensgrossen Modell einer Körperzelle angezogen, das seine Geheimnisse durch Bullaugen preis gab.

Archäologische Nachwuchsförderung

Unter dem Motto:"Keiner zu klein ein Archäologe" zu sein, hatte das Seminar für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie der Römischen Provinzen einen riesigen Sandkasten mit Altertümern "geimpft".

Dort durften sich Kinder als Archäologen versuchen. Und wovon die grossen Archäologen nur träumen, wurde für die Knirpse wahr: Sie fanden Tonscherben, Statuenreste, Steinbeilfragmente und Teile von Knochenschmuck.

Wer genug gebuddelt hatte, liess seine Schätze von echten Archäologen "schätzen". Bei den fachkundigen Erklärungen liess die Begeisterung der jungen "Indiana Jones" sichtlich nach. Umso interessierter zeigten sich dagegen die begleitenden Väter.

Rückblick auf 12'000 Jahre

Was ist Dendrochronolgie? Was sich exotisch anhört, ist nichts anderes als eine Datierungsmethode der Geowissenschaft und der Archäologie. Dabei werden die Jahresringe von Bäumen anhand ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten Wachstumszeit zugeordnet.

"Mit Hilfe dieser Methode konnten wir das Klima der letzten 12'000 Jahre ziemlich lückenlos bestimmen", erklärt der Dendrochronologe Urs Weber dem fasziniert lauschenden Publikum.

Anhand der Jahrringe lässt sich auch der Gesundheitszustand eines Baumes aufzeigen. "Ein Baum stirbt lange", erklärt Weber. "Das kann gut und gerne 200 Jahre dauern. Aber hier in der Schweiz werden die Bäume leider viel zu früh gefällt."

Da capo – noch einmal!

Der Universität Basel liegt daran, den Elfenbeinturm zu verlassen. Deshalb gastiert der Markt des Wissens auch in den Nordwestschweizer Kantonen Aargau, Solothurn und Jura. Am 8. Mai in Pruntrutt, am 29. Mai in Solothurn und in Aarau am 28. August.

Auch Bundesrat Moritz Leuenberger ist dafür, dass die Universitäten ihren Elfenbeinturm verlassen. Die Bedeutung einer Universität liegt für ihn jedoch in ihrer Autonomie, nicht nur gegenüber der Politik, sondern auch gegenüber der Wirtschaft: "Universitäten sind in erster Linie der Wissenschaft verpflichtet, der Bildung, erst in zweiter Linie der Kommerzialisierung ihrer Erkenntnisse."

Etienne Strebel, Liestal, swissinfo.ch

Chronologie

1431-1448: Basler Konzil organisiert eigene Konzils- und Kurienuniversität.

1459: Ausstellung des Stiftungsbriefes durch Papst Pius II.

4. April 1460: Eröffnungsfeier, 28. Mai "Freiheitsbrief" vom Basler Rat.

1529: Reformation: Auszug von Dozenten und Professoren nach Freiburg im Breisgau.

1529-1532: Mehrere Professoren führen den Unterricht fort. Ende 1532: Wiedereröffnung der reformierten Universität.

1531: Erste öffentliche anatomische Sektion in Basel durch Rektor Oswald Bär.

1538: Einrichtung der Erasmusstiftung zur Unterstützung bedürftiger Studenten.

2. Hälfte 16. Jahrhundert: Uni Basel wird zur "Modeuniversität" für Mediziner und Juristen.

1659: Schaffung des ersten Lehrstuhls für Geschichte.

1818: Mit dem neuen Universitätsgesetz verliert die Uni Basel ihre letzten Privilegien und wird ganz dem Staat unterstellt.
1851: Der Grosse Rat lehnt Antrag auf Aufhebung der Universität zu Gunsten einer Gewerbeschule ab.

1872: Zulassung von Frauen zum Studium wird abgelehnt.

1890: Einführung des Frauenstudiums. Emilie Frey erste Medizinstudentin.

1928: Erste Habilitation einer Frau, Elsa Mahler wird Privatdozentin in Slawistik.

1950: Nobelpreis für Chemiker Tadeus Reichstein.

1971: Inbetriebnahme des Biozentrums.

1978: Nobelpreis für Mikrobiologen Werner Arber.

1979: Eröffnung der SeniorInnen-Universität.

1984: Aufhebung der Unkündbarkeit der Dozierenden

1997: Gründung der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

2000: Eröffnung des Pharmazentrums

2000: Schrittweise Umsetzung des 1999 im Rahmen der EU beschlossenen "Bologna"-Studiensystems.

2003: Gründung der Fakultät für Psychologie

2004: Gründung der Kinder-Uni

2010: 550-Jahr-Feier mit Ganzjahresprogramm.

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