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Wissenschaftler warnen vor neuer Coronavirus-Variante

Scientists are calling for better screening of passengers at airports. Keystone / Javier Fuentes

Eine Coronavirus-Variante aus Spanien hat sich seit dem Sommer rasch in weiten Teilen Europas ausgebreitet und ist heute in mehreren Ländern für die Mehrheit der neuen Covid-19-Fälle verantwortlich. Das berichtet die Financial Times.

Dieser Inhalt wurde am 29. Oktober 2020 - 15:00 publiziert
Clive Cookson, Financial Times

Ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beobachtet die genetischen Mutationen des Virus und hat nun eine ausserordentliche Verbreitung der Variante "20A.EU1" in einem Forschungspapier beschrieben, das am Donnerstag veröffentlicht wird.

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Ihre Arbeit deutet darauf hin, dass Ferienrückkehrer aus Spanien eine Schlüsselrolle bei der Verbreitung der neuen Variante in ganz Europa spielten. Die Forschenden werfen die Frage auf, ob die über den Kontinent rollende zweite Welle durch verbesserte Screenings an Flughäfen und anderen Verkehrsknotenpunkten hätte eingedämmt werden können.

Da jede Variante ihre eigene genetische Signatur hat, kann sie bis zu ihrem Entstehungsort zurückverfolgt werden.

"Die Ausbreitung von 20A.EU1 zeigt, dass die ergriffenen Präventionsmassnahmen oft nicht ausreichten, um die Weiterverbreitung der in diesem Sommer eingeführten Varianten zu stoppen", sagt Emma Hodcroft, Evolutionsgenetikerin an der Universität Basel und Hauptautorin der Studie, die voraussichtlich in einer Fachzeitschrift mit Peer-Review veröffentlicht wird.

Die wissenschaftlichen Teams in der Schweiz und in Spanien untersuchen nun eilends das Verhalten der Variante, um festzustellen, ob sie möglicherweise tödlicher oder infektiöser ist als andere Stämme.

Hodcroft betont, dass es "keinen Beweis dafür gibt, dass die [schnelle] Verbreitung der Variante auf eine Mutation zurückzuführen ist, welche die Übertragung erhöht oder das klinische Ergebnis beeinflusst".

Aber sie betont auch, dass 20A.EU1 anders sei als alle Versionen von Sars-Cov-2 – dem Virus, das Covid-19 verursacht – auf die sie zuvor gestossen sei. "Ich habe keine Variante mit dieser Art von Dynamik gesehen, seit ich mich mit den genomischen Sequenzen des Coronavirus in Europa beschäftige", sagt sie.

Die Forschungsteams arbeiten mit virologischen Laboratorien zusammen, um festzustellen, ob die neue Variante eine bestimmte Mutation im "Stachel-Protein" trägt, mit dem das Virus in menschliche Zellen eindringt, die sein Verhalten verändern könnte.

Alle Viren entwickeln Mutationen – Veränderungen in den einzelnen Buchstaben ihres genetischen Codes –, die sich zu neuen Varianten und Stämmen gruppieren können. Es wurde eine weitere Mutation in Sars-Cov-2 identifiziert, genannt D614G, von der angenommen wird, dass sie das Virus infektiöser macht.

Joseph Fauver, ein Experte für genetische Epidemiologie an der Universität Yale, der nicht an der oben genannten Studie beteiligt war, sagt: "Wir brauchen mehr Studien wie diese, um Mutationen zu finden, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind. Mit "Reverse Engineering" [Nachkonstruktion] können wir sehen, ob sie das Virus leichter übertragbar machen."

Die neue Variante, die sechs charakteristische genetische Mutationen aufweist, tauchte im Juni unter Landwirtschaftsangestellten im Nordosten Spaniens auf und verbreitete sich laut der Studie schnell in der lokalen Bevölkerung.

Laut Tanja Stadler, Professorin für Computational Evolution an der ETH Zürich, die an dem Projekt beteiligt ist, zeigt die Analyse von Virusproben aus ganz Europa, dass sie von derselben Variante abgeleitet sind.

"Wir können sehen, dass das Virus in mehreren Ländern mehrfach eingeschleppt wurde, und viele dieser Einschleppungen haben sich dann über die Bevölkerung verbreitet", so Stadler.

Iñaki Comas, Leiter des Konsortiums SeqCovid-Spanien und Mitverfasser der Studie, fügt hinzu: "Eine Variante kann durch ein anfängliches Super-Spreader-Event schnell weit verbreitet werden."

Die Forschenden kamen zum Schluss, dass das "riskante Verhalten" von Feriengästen in Spanien – wie das Ignorieren des Social Distancings –, die "zu Hause weiterhin ein solches Verhalten an den Tag legen", zur Verbreitung der neuen Variante beigetragen hat.

Die Untersuchung ergab, dass die neue Variante mehr als acht von zehn Corona-Fällen in Grossbritannien ausmacht. In Spanien sind es 80%, in Irland 60% und in der Schweiz und Frankreich bis zu 40%.

Die Lockdowns zu Beginn des Jahres trugen dazu bei, den anfänglichen Anstieg des Covid-19 unter Kontrolle zu bringen, wobei die Zahl der Neuerkrankungen im Laufe des Sommers erheblich zurückging.

Aber das Virus hat sich in den letzten Wochen in Europa wieder stark verbreitet. Der starke Ausbruch hat Regierungen zahlreicher Länder dazu gezwungen, wieder strenge Massnahmen zur Einschränkung des sozialen Lebens zu ergreifen.

Copyright The Financial Times Limited 2020

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