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Wissenshunger und ethische Bedenken

Marisa Jaconi, die Schweizer Stammzellen-Forscherin. swissinfo.ch

In den USA war die Forschung an embryonalen Stammzellen Wahlkampfthema. In der Schweiz wird Ende November über ein Gesetz abgestimmt.

Dieser Inhalt wurde am 01. November 2004 - 09:27 publiziert

swissinfo hat mit der Biologin Maris Jaconi gesprochen. Sie ist die bedeutendste Stammzellen-Forscherin der Schweiz.

Die Biologin Marisa Jaconi ist momentan der Star der Schweizer Wissenschaftsszene. Seit sie vor drei Jahren eine Importbewilligung für menschliche embryonale Stammzellen aus den USA erhielt, gibt sie regelmässig Interviews zu diesem brisanten Thema.

Ihre Forschungen sind zum Ausgangspunkt für ein neues Stammzellenforschungs-Gesetz geworden, das eine öffentliche Debatte über die Rolle der Forschung und ihre ethischen Folgen ausgelöst hat.

swissinfo: Frau Jaconi, wie sind Sie zur Stammzellenforschung gekommen?

Marisa Jaconi: Alles hat sich wie eine Kette aneinander gereiht. Während meines Master-Studiums in Genf habe ich eine erste Leidenschaft für diese Materie entwickelt. Auf die Stammzellenforschung stiess ich dann aber vor allem während meines Postdiplom-Studiums in den USA sowie durch die Forschung an Herzzellen in Montpellier in Frankreich.

Jetzt leite ich ein kleines Forschungsteam an der Medizinischen Fakultät der Universität Genf. Dabei ist es nicht immer leicht, dieses Projekt voranzutreiben. Einerseits müssen wir immer neue Finanzquellen erschliessen, andererseits muss ich mich mit den voreiligen Schlüssen einiger Journalisten auseinandersetzen.

Beispielsweise wurde geschrieben, dass unser Team das Herz einer Maus heilen konnte. Es stimmt zwar, dass wir Erfolg versprechende Resultate erzielen konnten, beispielsweise eine Erneuerung des Herzgewebes dank dem Einsatz von Stammzellen. Aber die Behandlung eines Infarkts ist beispielsweise noch längst nicht möglich.

swissinfo: In der Schweiz sind Sie die einzige Person, die an einem Forschungsprojekt mit menschlichen embryonalen Stammzellen arbeitet. Gleichwohl hat die Landesregierung ein Stammzellenforschungs-Gesetz ausgearbeitet. Verwundert es Sie, dass dieser Forschungstätigkeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird?

M.J.: Dieses Thema sorgt auf der ganzen Welt für hitzige Diskussionen, weil sich fundamentale Fragen stellen: Wer sind wir? Was ist ein Embryo? Wann beginnt das menschliche Leben? Kurzum: Die Stammzellen konfrontieren uns mit unserer Auffassung von Leben und Ethik.

Ich finde, dass die ganze Diskussion allerdings paradoxe Züge aufweist. Einerseits sind wir in höchster Sorge, was mit einem Embryo passiert, wenn er noch im Zustand eines Klumpens unreifer Zellen ist. Andererseits erlaubt unsere Gesellschaft ganz selbstverständlich die Abtreibung und die Spirale als Verhütungsmittel.

Es ist natürlich wichtig, über diese Dinge zu sprechen und eine möglichst breite Meinungsplattform aufzubauen. Nur so kann unsere Gesellschaft ihre Kenntnisse zu diesem Thema erweitern.

swissinfo: Wenn man Stammzellen von einem Embryo entnimmt, kommt dies doch einer Tötung des Embryos gleich. Haben Sie da keine ethischen Bedenken?

M.J.: Es ist richtig, sich ethische Fragen zu stellen. Und es ist richtig, dass Embryonen geschützt sind. Doch ich bin überzeugt, dass ein Embryo nicht mit einem geborenen menschlichen Lebewesen vergleichbar ist. Die Blastozyste, aus der gemäss neuem Gesetz Stammzellen gewonnen werden dürfen, enthält in sich einzig ein Entwicklungspotential, weist aber selber keinerlei menschliche Strukturen wie Organe oder Nervenzellen auf.

Ich möchte auch unterstreichen, dass wir nicht die Kreation von Embryonen für Forschungszwecke fordern. Das ist durch das Gesetz verboten. Und dies ist richtig so. Das Stammzellengesetz hingegen soll einzig die Forschung an Stammzellen von überzähligen Embryonen erlauben, die bei Unfruchtbarkeitstherapien übrig bleiben und nicht mehr für den originären Zweck verwendet werden können.

Zum jetzigen Zeitpunkt müssen diese Embryonen zerstört werden. Ich stelle mir daher folgende Frage: Ist es ethischer, solche Zellen zu vernichten oder für neue Therapien zu verwenden? Für mich ist klar, dass es besser ist, diese Zellen für Forschungszwecke einzusetzen als sie in den Abfalleimer zu werfen.

Statt einer Vernichtung könnte ich mir auch vorstellen, diese überzähligen Embryonen einem anderen kinderlosen Paar zur Adoption freizugeben. Doch diese Möglichkeit steht momentan gesetzlich nicht offen.

swissinfo: Es gibt auch die so genannten adulten Stammzellen und solche aus der Nabelschnur. Warum konzentriert man sich nicht auf diese Typen?

M.J.: Die einzige bisher bekannte Therapie mit adulten Stammzellen bezieht sich auf die Knochenmark-Transplantation zur Heilung von Leukämie. Wir wissen noch nicht, wie die adulten Stammzellen so umprogrammiert werden können, dass wir alle anderen Zellarten daraus erhalten. Dies wird nur dank der Forschung an embryonalen Stammzellen möglich sein. Deshalb müssen wir embryonale und adulte Stammzellen parallel erforschen.

Nur mit Forschung kann man herausfinden, ob die Stammzellen für Therapiezwecke geeignet sind. Die Hoffnungen auf neue Heilungsmethoden sind jedenfalls gross, das muss mal gesagt sein. Nur so lässt sich die Forschung begreifen, die im Mittelpunkt einer weltweiten ethischen Debatte steht.

Aber man kann natürlich die genauen Anwendungsmöglichkeiten nicht vorhersagen, bevor man die Zellen detailliert erforscht hat. Man sollte sich keine falschen Versprechungen machen. Aber es ist klar, gleichzeitig muss die Grundlagenforschung weiter gehen.

swissinfo: Kritiker der Stammzellenforschung befürchten unter anderem mögliche Missbräuche, neue Formen der Eugenik oder das Klonen von Menschen...

M.J.: Diese Art der Missbräuche sehe ich für unser Land nicht. Das neue Stammzellenforschungs-Gesetz ist sehr restriktiv und erlaubt keinerlei Arten von Klonen, auch nicht zu therapeutischen Zwecken. Die Manipulation von Embryonen ist absolut ausgeschlossen.

Sicherlich kann gegen ein Gesetz verstossen werden. Aber diese Regel gilt auch in anderen Sparten. Es wäre doch absurd, die Forschung zu verbieten, nur weil jemand eine bestimmte Technologie missbrauchen könnte. Es ist wichtig, klare gesetzliche Rahmenbedingungen festzulegen, um gegen Leute vorzugehen, die das Gesetz verletzen.

swissinfo: Sie arbeiten im Moment mit aus den USA importierten Stammzellen. Werden Sie im Falle einer Annahme des neuen Gesetzes versuchen, Schweizerische Stammzellen zu erzeugen?

M.J.: Das hängt ganz von den Mitteln ab, die wir zur Verfügung haben werden. Es ist alles andere als einfach, Stammzellen aus einer Blastozyste zu entnehmen und zu kultivieren. Bei Mäusen ist das einfach, da die Forschung schon 20 Jahre alt ist.

Aber bei menschlichen Zellen stehen wir noch am Anfang. Wir haben noch nie selber Stammzellen entnommen und müssten dies erst von den Labors lernen, die damit Erfahrung haben.

In einer ersten Phase werden wir daher sicherlich weiter mit Stammzellen aus dem Ausland arbeiten. Aber ich hoffe, dass eines Tages auch hier Stammzellen gewonnen werden können und zusätzliche Forschungsprojekte entstehen. Es hätte auch den Vorteil, dass einheimische Stammzellen – im Gegensatz zu solchen aus den USA - nicht durch Patente geschützt werden könnten.

swissinfo, Doris Lucini
(Übertragen aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Fakten

Marisa Jaconi stammt aus Lugano. Sie ist Wissenschafterin am Labor für biologische Altersfragen der Universität Genf.
Im Jahr 2001 erhielt sie eine Bewilligung für den Import menschlicher embryonaler Stammzellen aus den USA.
Der US-amerikanische Forscher James Thomson schaffte es 1998 erstmals, im Labor Stammzellen zu isolieren und zu kultivieren.
Am 28.November 2004 wird in der Schweiz über ein Bundesgesetz abgestimmt, das die Forschung an überzähligen Embryonen und embryonalen Stammzellen regelt.

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In Kürze

Embryonale Stammzellen sind Zellen, die ein grosses Entwicklungspotential aufweisen - zum Beispiel zur Entwicklung von Körperzellen als Haut-, Herz- oder Nervenzellen.

Stammzellen können aus überzähligen Embryonen entnommen werden, die bei Unfruchtbarkeitstherapien übrig bleiben. Im Knochenmark oder in der Nabelschnur hat man so genannte adulte Stammzellen gefunden. Doch ist nicht klar, wie potent diese sind.

Marisa Jaconi ist Leiterin des einzigen Schweizer Forschungsprojekts, das mit menschlichen embryonalen Stammzellen arbeitet. Sie forscht gleichzeitig an tierischen Zellen.

Das kleine Schweizer Forschungsteam an der Universität Genf ist Teil eines internationalen Netzwerks. Es wird sich in Kürze an einem Appell der Europäischen Union zur funktionalen Genomik von menschlichen embryonalen Stammzellen beteiligen.

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