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Wohnen in der Schweiz Zu Hause zwei Meter von der Autobahn entfernt

Ein Haus und eine Autobahn

Das Haus liegt direkt an der Autobahn.

(Mattia Lento)

Romantische Berghütten oder prächtige Villen am See? In der Schweiz gibt es noch ganz andere Realitäten: Im Südtessin wird das Leben von Tausenden von Menschen durch die Autobahn und die Gotthard-Eisenbahn stark beeinflusst. swissinfo.ch hat die Bewohner eines Hauses in der Nähe der Nord-Süd-Achse besucht.

Zürich, am 1. März. Eine novemberliche Tristesse und starke Regenfälle begleiten uns vom Hauptbahnhof bis zum Nordeingang des Gotthard-Basistunnels in Erstfeld. Beim Ausgang südlich der Alpen, in Bodio, erwartet uns hingegen ein strahlender Frühling, der sich bereits vorsommerlich anfühlt.

Nach dem Umsteigen in Lugano erreichen wir den Bahnhof Maroggia-Melano, unweit des Luganersees. Es ist nicht die Hauptverkehrszeit, aber in regelmässigen Abständen fahren Güterzüge vorbei.

Eine Smartphone-App führt uns über die Autobahn, die hier nah zur Eisenbahn verläuft, bis zur Adresse des Hauses. Zur eleganten Villa sind es nur wenige Minuten vom Bahnhof. Ehrfürchtig nähern wir uns der Tür. Eine Inschrift auf einer Fliese fordert uns auf Lateinisch auf, zu klopfen.

Es nützt allerdings nichts, zu klopfen, denn der Besitzer, David Canavesi, befindet sich draussen vor dem Haus. Er lädt uns ein, sich zu ihm auf die Terrasse zu gesellen, die sich auf der anderen Seite des Hauses befindet. Dort sitzen bereits zwei weitere Mieter des Hauses, Andrea Bernasconi und Enea Sassi. Nach einer gegenseitigen Vorstellungsrunde beginnen wir zu plaudern, auf Italienisch, in das sich einige Ausdrücke des lombardischen Dialekts mischen.

Männer an einem Tisch

Andrea Bernasconi, David Canavesi und Enea Sassi (von links nach rechts).

(Mattia Lento)

Andrea Bernasconi bittet uns, schnell zu machen, denn er will die Live-Übertragung eines Langlauf-Ski-Anlasses nicht verpassen und so beginnen wir das Gespräch mit ihm. "Ul sciur Bernasconi", wie man im Tessin sagt, ist ursprünglich ein Gärtner aus Como. Als er sich vor einigen Jahren von seiner Frau trennte, entschied er, in eine der fünf Wohnungen des Hauses zu ziehen, in eine 80 Quadratmeter grosse Zweizimmerwohnung.

Ein Dauer-Lärm

Im Verlaufe des Gesprächs merken, dass wir Schwierigkeiten haben, die Konzentration zu halten. Denn in unserer Nähe, 30 Meter von der Terrasse entfernt, gibt es einen Störfaktor, der keinen Moment still ist: die Autobahn A2.

Facciata di una casa e ai suoi piedi un'autostrada e i binari dei treni.

Wenn man in einem Haus direkt neben der stark befahrenen Autobahn und Bahnlinie  wohnt, muss man lernen, mit dem konstanten Lärm zu leben.

( Mattia Lento)

Andrea Bernasconi hat eine schlechte Beziehung zur Autobahn: Er erträgt sie nicht. Doch er hat selbst entschieden, hierherzuziehen. Um Geld zu sparen, hat er es sicherlich nicht getan: Er zahlt immer noch 1300 Franken pro Monat.

Bernasconi sagt uns: "Im Unterschied zu anderen Teilen der Autobahn gibt es hier keine Lärmschutzwand. Leider steht unser Haus ziemlich isoliert und aus diesem Grund haben wir keinen Schutz. Mein Schlafzimmer liegt auf der Seite zur Strasse, also muss ich Ohrstöpsel benutzen, um zu schlafen. Wenn wir draussen auf der Terrasse sind, fällt es uns manchmal schwer, uns zu verstehen."

Die Wohnung, in der Herr Bernasconi wohnt, ist gar nicht schlecht, ebenso wie die von Herrn Sassi, die etwa 140 Quadratmeter gross ist. Der Wohnbereich ist ruhig. Bei geschlossenen Fenstern hört man die Autobahn nicht.

Wohnzimmer

Das Wohnzimmer von Andrea Sassi.

(Mattia Lento)

Gutnachbarschaftliche Beziehungen

Herr Sassi, geboren und aufgewachsen in Campione d'Italia (eine vom Kanton Tessin umgebene italienische Exklave), von Beruf Koch, bestätigt unser Gefühl: "In dieser Wohnung fühle ich mich wirklich gut, sie wurde sehr gut renoviert, und ich habe wirklich ein gutes Verhältnis zum Besitzer und allen Nachbarn, mit denen wir oft Aperitifs auf der Terrasse oder Grillfeste im Garten organisieren. Ich bezahle nur 1700 Franken für so viel Platz."

Eine Terrasse neben der Autobahn

Trotz der Autobahn verzichten die Bewohner des Hauses nicht auf das Leben draussen.

(Mattia Lento)

Und Platz braucht Herr Sassi wirklich. Er lebt mit seiner Frau und einem Golden Retriever sowie fünf Katzen zusammen.

Der jetzige Eigentümer, der die Villa 2003 von der Stadt Maroggia abkaufte, teilte das Gebäude in fünf Wohnungen à 60 bis 180 Quadratmeter auf. David Canavesi, ein Patrizier aus Melano, ist Eigentümer und Manager einer beliebten Bar in der Region. Darüber hinaus investiert er auch gerne in Immobilien.

Ein Mann auf einer Terrasse

David Canavesi ist an den Lärm der Autobahn gewöhnt. Er stört ihn nicht. 

(Mattia Lento)

Für ihn ist das Leben in dieser Umgebung eine freie Entscheidung und keine Notwendigkeit: "Ich habe immer in der Nähe von Hauptverkehrsstrassen oder Eisenbahnen gelebt und mich an sie gewöhnt. Mein Zimmer liegt auf der Seite der Autobahn und im Sommer schlafe ich ohne Probleme bei geöffnetem Fenster. Auch für meine Frau ist die Autobahn kein Problem. Für sie bin eher ich ein Problem, weil ich manchmal schnarche, deswegen schlafen wir getrennt."

Zerstörtes Gebiet

Trotz dieser Nachsicht gegenüber dem Lärm besteht kein Zweifel daran, dass die A2 eine Zumutung für das gesamte Mendrisiotto ist, dem Bezirk im Südtessin an der Grenze zu Italien. Der Fall Roveredo, eine kürzlich von der Last der Autobahn befreite Bündner Gemeinde, weckt die Hoffnung auf eine Lösung mit Hilfe eines Tunnelbaus über die Autobahn.

Diesbezüglich ist Herr Canavesi jedoch skeptisch: "Über Projekte wird regelmässig gesprochen, zur Tat zu schreiten ist eine andere Sache. Der letzte Vorschlag, von dem ich gehört habe, könnte die Situation für uns Einwohner von Melano sogar noch verschlechtern." Er spricht ein Projekt an,  bei dem es um den Ausbau eines Autobahnabschnitts von vier auf sechs Fahrspuren, eine teilweise Verlegung in den Untergrund und den Bau einer grossen Kreuzung in Melano geht. Wir werden sehen, wie es ausgeht.


(Übertragung aus dem Italienischen: Sibilla Bondolfi)

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