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Zeitgenössische Kunst Künstlerischer Wirbelwind in ehemaliger Brauerei



Das "KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst" befindet sich in der ehemaligen Kindl-Brauerei.

Das "KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst" befindet sich in der ehemaligen Kindl-Brauerei.

(kindl-berlin.com)

Ein Kunstsammler-Ehepaar aus Zürich will im Berliner Bezirk Neukölln eine ehemalige Brauerei in eine Kulturinstitution umfunktionieren. Mitglieder der lokalen Künstlerszene begrüssen die Entwicklung, doch nicht alle glauben, dass das lebendige Quartier eine Auffrischung nötig hat.

Wer in die ehemalige Kindl-Bierbrauerei eintritt, hat das Gefühl, eine Kathedrale zu betreten. Der Eingang im Turm aus rotem Backstein hat die Form eines Tropfens. 5500 Quadratmeter fasst die ehemalige Brauerei, der Turm ist 38 Meter hoch. Gegenwärtig sind die Bauarbeiter im Gebäude beschäftigt, doch bald schon soll das mehrstöckige Zentrum für zeitgenössische Kunst mit Galerien, Studios und einem Café eröffnet werden.

Kunst in ehemaligen Brauereien ist ein internationaler Trend. Im Löwenbräu-Areal in Zürich befinden sich das Migrosmuseum, die Kunsthalle und namhafte Galerien. In Seattle gibt es die Old Rainier Brewery, die Studio-Lofts an Künstler vermietet, Los Angeles hat die Brewery Art Colony, einen Lebens- und Arbeitsplatz für Künstler. Und jetzt entsteht in Berlin, der Stadt der Mikrobrauereien mit einer eigenen Brauschule, das "KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunstexterner Link". Bereits zugänglich ist das fast 20 Meter hohe Kesselhaus.

Ein in Zürich lebendes Kunstsammler-Ehepaar, der deutsche Banker Burkhard Varnholt und die Schweizer Architektin Salome Grisard, stolperte per Zufall in die Kindl-Brauerei. Sie waren fasziniert vom Quartier Neukölln und liessen sich die verlassene Brauerei während einer Sommerreise zeigen. Die Räume inspirierten sie sofort. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Varnholt.

2011 kauften sie die Brauerei, die Bauarbeiten begannen ein Jahr später. Neben dem Kesselhaus sollen im Herbst 2015 das Sudhaus und das Maschinenhaus als Ausstellungsräume und Café eröffnet werden. Es wird auch Künstlerstudios auf Einladung für ein Artist-in-Residence-Programm geben.

Ausstellungen

Die Ausstellung von Roman Signer im "KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst" ist noch bis am 28. Juni 2015 zu sehen.

Für Sommer 2015 ist im Maschinenhaus eine Ausstellung des deutschen Malers Eberhard Havekost geplant. Zudem wird eine Gruppenausstellung von sieben Künstlerinnen und Künstlern unter dem Motto "How Long Is Now?" gezeigt.

Darunter ist auch Uriel Orlow, der 2012 an der Art Basel mit dem Swiss Art Award ausgezeichnet wurde und gegenwärtig Visiting Artist an der Genfer Universität für Kunst und Design ist.

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Die Finanzierung wird privat organisiert. Gegenwärtig rechnen die Initianten mit Renovationskosten von rund 6 Millionen Euro (7,2 Mio. Fr.). "Unsere ganz persönliche Leidenschaft für Kultur und Kunst gab uns die Idee, das KINDL zu gründen", sagt Varnholt, der bei der Bank Julius Bär die Abteilung Vermögensverwaltung leitet.

Doch für das Paar ist auch klar, dass seine private Sammlung nicht ausgestellt werden soll. Vielmehr will es Wechselausstellungen internationaler Gegenwartskunst in einer lebendigen kulturellen Nachbarschaft zeigen.

Auf die Vergangenheit bauen

Neukölln ist der südöstliche Bezirk Berlins und liegt im ehemaligen amerikanischen Sektor der Stadt. In den letzten Jahren wurde es zu einem hippen Quartier mit einem Einwanderer-Anteil von 40 Prozent, wie ein Bericht der Stadt von 2010 zeigt. Doch trotzdem hat es sich die Ecken und Kanten früherer Jahre bewahrt.

Leah Stuhltrager, Gründerin des Kunstraums "THE WYE" im angrenzenden Bezirk Kreuzberg, ist ein aktives Mitglied der lokalen Künstlergemeinschaft. Die New Yorkerin lebt seit fünf Jahren in Neukölln. "Die Gemeinschaften, die in Kreuzberg, Neukölln und Kreuzkölln leben und arbeiten, bauen auf die Vergangenheit und definieren die Zukunft dieser Quartiere neu", sagt sie.

"Wir erhoffen uns von jenen, die bedeutende Teile einer Nachbarschaft aufkaufen, dass sie diese anerkennen, sich engagieren und etwas beitragen, und dass sie sich nicht als jemand sehen, der eine Nachbarschaft 'wiederaufleben' lässt, die bereits sehr lebendig ist."

Die Brauerei wurde in den 1920er-Jahren erbaut. Während 70 Jahren wurde dort das "Kindl-Bier" gebraut, bevor die Produktion 2005 an einen grösseren Standort in Berlin Weissensee (Bezirk Pankow) verlagert wurde. Als am letzten Arbeitstag der Strom abgestellt wurde, blieben in der Brauerei auch alle Uhren stehen. Deshalb zeigt die Hauptuhr seither 11:41 an.

Kein lokaler Künstler

Bei einem kürzlichen Besuch wurde überall im Quartier gebaut – gleich nebenan entstehen 119 Luxuswohnungen, nur fünf Minuten Fussmarsch entfernt vom Arbeitsamt Neukölln, in einem Bezirk, wo viele Menschen unter der Armutsgrenze leben müssen.

Im Hauptturm der Brauerei ist das Maschinenhaus im Umbau. Bereits kann man sehen, wo die Studios für die Künstler entstehen werden. 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche verteilen sich auf drei Geschosse, darunter auch die Galerie "M2" (Maschinenhaus 2), von wo aus man in der Ferne den Berliner Fernsehturm sehen kann, aber auch Reihen von gelb-weissen, fünfstöckigen Wohnblocks, typisch für Neukölln.

Das Kesselhaus wurde anlässlich der Berlin Art Week im September 2014 eröffnet. Den Raum bespielen durfte der 76-jährige Schweizer Künstler Roman Signer, der seine Arbeit "Kitfox Experimental" zeigte, ein Bausatz-Flugzeug, das kopfvoran an der 20 Meter hohen Decke hängt. Zwei starke Ventilatoren an den Wänden versetzen das Flugzeug in eine Drehung, als ob es sich im Sturzflug befindet.



"Kitfox Experimental", Installation des Schweizer Künstlers Roman Signer.

"Kitfox Experimental", Installation des Schweizer Künstlers Roman Signer.

(Jens Ziehe/Photographie)

Das Flugzeug wurde in der Schweiz gekauft, nach Berlin transportiert und wird nach dem Ende der Ausstellung im kommenden Sommer zurück in die Schweiz kehren, wo es wieder fliegen soll.

"Die intensive Zusammenarbeit mit Roman Signer dauerte eineinhalb Jahre", sagt der künstlerische Direktor, der Schweizer Andreas Fielder, der zuvor Kurator am Helmhaus in Zürich war. "Er war beeindruckt und gleichzeitig begeistert vom Volumen dieses Raumes." Für Fielder ist Signers Einzelausstellung "eine sehr charakteristische Arbeit für sein Gesamtwerk".

Grisard und Varnholt

Salome Grisard studierte Architektur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) und führt seit 1999 ein eigenes Architekturbüro in Zürich.

Burkhard Varnholt studierte an der London School of Economics und am Massachusetts Institute of Technology in Boston, USA. Er leitet die Vermögensverwaltung bei der Bank Julius Bär.

Varnholt gründete 2004 die gemeinnützige Organisation "Kids of Africaexterner Link" für Waisenkinder. Er wurde 2006 mit dem "Swiss Re Milizpreis" ausgezeichnet.

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Die Berliner Zeitung hingegen kritisierte, dass Signer, als er die Arbeit konzipierte, sich nicht bewusst gewesen sei, dass in der Nähe der ehemalige Flughafen Tempelhof liegt. Ein im Sturzflug hängendes, 200 Kilogramm schweres Flugzeug könnte als Symbol für die Geschichte des angrenzenden Bezirks Tempelhof-Schöneberg gelesen werden, in dem viel gebaut und dessen ehemaliger Flughafen ebenfalls kulturell wiederbelebt wird, so die Zeitung.

Stefanie Dörre, Chefredaktorin und Kunstkritikerin des Berliner Stadtmagazins "TIP", erklärt, weil Signer Schweizer sei, "nimmt er keinen Bezug auf Neukölln", und deshalb "denke ich momentan nicht, dass KINDL die Nachbarschaft belebt. Das könnte sich ändern, wenn Berliner Künstler ihre Arbeiten zeigen. Dann könnte es einen, wenn auch minimalen, positiven Einfluss haben."

"Grossartige Chance"

Als nächstes plant das KINDL, mit Schulen und Behörden in der Gegend zusammenzuarbeiten, um Workshops in deren Programme zu integrieren. Zudem sind Vorträge zur Baugeschichte vorgesehen, wie auch Diskussionsrunden. Jedes Jahr soll ein Künstler eingeladen werden, eine spezielle Arbeit für das Kesselhaus zu schaffen.

Im Herbst 2015 soll alles bereit sein. Bis dann ist noch genügend Zeit, sich mit den Nachbarn zu vernetzen. "KINDL hat ein enormes Potenzial, zu einer Quelle für eine blühende kulturelle Gemeinschaft zu werden, falls es dies will", sagt Leah Stuhltrager.


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch

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