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Zerbrechliches neues usbekisches Kino

In den Strassen der usbekischen Hauptstadt Taschkent werden auch einheimische Filme angeboten.

(swissinfo.ch)

Nach dem Sowjet-Diktat und der folgenden West-Invasion sucht der usbekische Film heute Eigen-ständigkeit. Im Weg stehen fehlendes Geld, Raubkopien und eingeschränkte Meinungsfreiheit.

Die Schweiz unterstützt die Filmschaffenden.

"Eine lange Menschen-Schlange vor dem Eingang eines Kinos, in dem ein usbekischer Dokumentarfilm über Usbekistan gezeigt wird!"

Das ist der Wunschtraum von Shukhrat M. Makhmudov, lokaler Filmregisseur. Angetroffen hat ihn swissinfo beim Büro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) in der usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Im Gegensatz zu anderen Staaten dieser Region hat Usbekistan seine Kunstschaffenden immer gefördert: Der Staat gewährt ihnen Gratisausstellungen, er finanziert Tanzfestivals oder Schulen für angewandte Kunst, wie zum Beispiel Keramik.

Eine Ausnahme gibt es aber: Diese Politik gilt nicht für die usbekischen Filmschaffenden.

Nach den goldenen Jahren der Zusammenbruch

"Die Periode zwischen 1986 und 1991, die Jahre der Perestrojka, der Öffnungspolitik Gorbatschovs, war florierend", sagt Makhmudov. Staatliche Sowjetgelder flossen in die usbekische Filmindustrie, und diese produzierte damit äusserst kritische Dokumentarfilme – eine vorher undenkbare Sache.

"Endlich konnten wir über heikle Themen wie Drogen oder Prostitution sprechen. Und die Behörden kritisierten uns nicht, aus Angst, sich gegen Gorbatschovs Reformen zu stellen."

Dann kam die Auflösung der Sowjetunion und die Unabhängigkeit Usbekistans. Und das habe alles verändert. "Es folgte eine westliche Kulturinvasion", so der Regisseur. "Einerseits Qualitätsfilme, andererseits aber auch purer Hollywood-Schrott."

Die ganze usbekische Gesellschaft habe die westlichen Produktionen kritiklos und mit Begeisterung aufgenommen. Der Umlauf von Filmraubkopien sei bis heute immens geblieben.

Todesstoss für den lokalen Film

"Diese Entwicklung hat die lokale Filmindustrie zerstört. Überall wurden amerikanische Filme gezeigt. Tausende von usbekischen Verlegern, Produzenten, Regisseuren und Arbeitern haben ihren Job verloren", sagt Makhmudov.

Die ausländischen Filme haben aber auch westliche Inhalte und Werte transportiert. Viele sagen, dies habe, zusammen mit der repressiven Politik der Regierung, die radikale Islamisierung des Landes verhindert.

1990 noch wurden beispielsweise Frauen in Miniröcken von religiösen Fundamentalisten geschlagen. Frauen, deren Gesichter nicht genügend mit dem Schleier verdeckt waren, wurden mit Säure bespritzt.

Nicht alle messen der Wichtigkeit der westlichen Filme für diese Entwicklung die gleiche Bedeutung bei. Für Lutfi Madraimova, Leiterin eines Festivals für traditionelle Tänze, ist die Geschichte des Landes wichtiger.

"Nachdem sich die Frauen zur Zeit der Sowjetunion befreien konnten, hätte keine von ihnen jemals daran gedacht, den Schleier wieder zu akzeptieren", sagt sie gegenüber swissinfo.

Erneuter Aufbruch?

"Heute wollen wir unsere Identität wiederfinden", erklärt Regisseur Makhmudov. Deswegen seien nach der Überschwemmung mit westlichen Produktionen heute lokale Filme und Dokumentarstreifen im Trend.

"Die Leute wollen, dass über ihre eigenen Probleme gesprochen wird, sie wollen reale Bilder sehen, auch im Kino."

Schweizer Unterstützung

Im Namen der künstlerischen Meinungsvielfalt fördert die DEZA diese Tendenz. Sie finanziert Seminare oder einzelne Produktionen. "Die Schweizer sind die einzigen, die konkret helfen", betont Makhmudov gegenüber swissinfo.

Generell fehlt es aber weiterhin an Geldern für die Filmschaffenden. Und es sei besser, die heiklen Probleme im Land "zu umgehen", sagt der Regisseur. Die Meinungsfreiheit sei immer noch eingeschränkt.

Das usbekische System, das von vielen kleinen und grossen Funktionären dominiert wird, erlaubt tatsächlich keine harte Kritik. Dies, obwohl sogar der Präsident des Landes, Islam Karimov, die Filmschaffenden und Filmproduzenten verbal zu mehr Mut ermuntert.

In diesem komplexen Umfeld versucht der usbekische Film vorsichtig ein zerbrechliches Gleichgewicht, das ihm erlaubt, sich selber auszudrücken. Mit immer mehr Freiheit.

"Was soll ich sagen? Wir versuchen es", sagt Shukhrat M. Makhmudov. "Wir versuchen es."

swissinfo, Marzio Pescia, Jean-Didier Revoin aus Taschkent
(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud)

Fakten

1991, vor der Unabhängigkeit: 1500 Angestellte bei der grössten Kinoagentur

2003 noch insgesamt 200 Angestellte

Abteilung Dokfilme: Von 300 noch 10 Angestellte

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In Kürze

Nach der Unabhängigkeit Usbekistans überfluteten West-Filme das Land und dominieren seithe die Film-Szene. Viele lokale Filmschaffende wurden arbeitslos.

Shukhrat M. Makhmudov ist einer der wenigen usbekischen Regisseure, der noch Filme zu produziert, auch im Ausland.

Einige seiner Dokumentarfilme wie "Boomerang" oder "Islam in Usbekistan" sind in seinem Land bis heute verboten.

Dank der Hilfe der DEZA hat er einen 46-Minuten-Film zur Promotion eines Festivals für traditonelle Tänze realisiert.

Dieses Festival wird ebenfalls von der Schweizer Entwicklungshilfe unterstützt.

Makhmudov hofft, dass eines Tages in Usbekistan ein internationales Filmfestival stattfinden wird.

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