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Zerreissprobe für neue Rechtschreibung

Droht den neuen Duden-Rechtschreibwerken und Millionen Schulbüchern nächstens die Einstampfung?

(Keystone)

Deutsche Grossverlage kehren zur alten Rechtschreibung zurück. Eine Abkehr von der Reform hätte auf die Bildung in der Schweiz erhebliche Auswirkungen.

An einem internationalen Treffen in Wien soll nun darüber beraten werden, ob an der Rechtschreibreform festgehalten werden soll.

Die Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK) der Schweizer Kantone ruft die deutschen Kultusminister auf, an der Rechtschreibreform festzuhalten. Das weitere Vorgehen soll am 23. August bei einem internationalen Treffen in Wien abgesprochen werden.

Geplant war urpsrünglich, dass bei der Sitzung über die Ablösung der bisherigen "Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung" durch einen "Rat für die deutsche Rechtschreibung" gesprochen wird. In diesem Rat sollten auch Kritiker der Reform eingebunden werden.

Die Sitzung vom 23. August sei schon lange angesetzt worden und deshalb keine eigentliche "Krisensitzung", sagte Christian Schmid, der Beauftragte für die Rechtschreibreform bei der EDK am Montag. Was genau nun zur Sprache kommen wird, blieb aber vorerst offen.

Druck deutscher Grossverlage

"Alles für die Gämse? Kommt die alte Gemse wieder zum Zug?" fragte die "Neue Luzerner Zeitung" zum Wochenende, nachdem das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" und die "Bild"-Zeitung beschlossen hatten, sechs Jahre nach der Einführung der Rechtschreibreform zur alten Schreibweise zurückkehren.

Die Titel der beiden Verlage erreichen nach eigenen Angaben rund 60% der deutschen Bevölkerung. Sie schlossen sich damit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" an, die bereits ein Jahr nach der Reform zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt war. Auch die "Süddeutsche Zeitung" kündigte eine Umkehr an.

In der Schweiz war das Kulturjournal "Schweizer Monatshefte" Ende April dieses Jahres zur alten Schreibung zurückgekehrt. Zudem hatte Anfang Juni eine Gruppe von Schweizer Autoren und Sprachwissenschaftern, darunter Adolf Muschg, Urs Faes und Pirmin Meier, einen Reformstopp gefordert.

Unveränderte Position der Schweizer Zeitungen

Bei den Deutschschweizer Zeitungen bleibt die Rechtschreibung hingegen vorerst unverändert. Die "Neue Zürcher Zeitung", die bei der Reform einen eigenen Weg gegangen ist, sieht keinen Grund, nun aktiv zu werden.

Auch der "Tages-Anzeiger" wartet vorerst ab. Er hat sich in einer "gemässigten" Form der deutschen Rechtschreibung angepasst.

Bei Ringier ist es Sache der einzelnen Redaktionen, die neue Rechtschreibung anzuwenden oder nicht, und Filippo Leutenegger, CEO der Jean Frey AG, will die Frage demnächst mit seinen Chefredaktoren besprechen. Er selbst hätte nichts dagegen, wenn die Reform rückgängig gemacht würde.

Orientierungspunkt Nachrichtenagenturen

Viele Zeitungen wollen sich an den Nachrichtenagenturen orientieren. "Wenn diese nicht zur alten Schreibweise zurückkehren, werden wir dies auch nicht tun", sagt Pieder Caminada, stellvertretender Chefredaktor der "Südostschweiz".

Roderick von Kauffungen von der Nachrichtenagentur sda sagt, dass die deutschsprachigen Agenturen die Frage gemeinsam entscheiden müssen, "denn wir arbeiten untereinander eng zusammen". Weiter wird sich die sda mit der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) absprechen.

Erziehungsdirektoren befürchten Chaos

EDK-Präsident Hans Ulrich Stöckling nahm von den Ereignissen in Deutschland mit Überraschung und Bedauern Kenntnis. Er befürchtet bei einer Rückkehr ein absolutes Chaos an den Schweizer Schulen.

"Wir wüssten ja gar nicht, zu welchem Regelwerk wir denn zurückkehren sollen", sagte Stöckling in einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung" am Samstag. Dieses sei ja bis anhin vom Duden festgelegt worden.

Lehrmittel umgestellt, Lehrkräfte ausgebildet

Sämtliche Lehrmittel in der Schweiz bis zum Rechtschreib-Programm im PC seien umgestellt und der Lehrerschaft in teuren Kursen beigebracht worden. Wenn die Uhr nun wieder zurückgedreht werde, wüssten weder Schüler noch Lehrer, welche Regeln denn nun gälten. "Dann droht die völlige Verwilderung der Sprache, weil sich niemand mehr um irgendwelche Schreibregeln kümmern wird", sagt Stöcklin.

Zudem hätten Evaluationen gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler mit den neuen Rechtschreibregeln weniger Fehler machen als vorher. Stöcklin hofft, dass die deutsche Kultusministerkonferenz hart bleibt. Andernfalls müsste die Schweiz notgedrungen nachziehen, "da es undenkbar wäre, dass an Schweizer Schulen andere Sprachnormen gelten als in Deutschland".

swissinfo und Agenturen

Fakten

Die Übergangs- und Erpobungszeit der neuen Rechtschreibung endet am 5. August 2005. Dann gilt das neue Regelwerk an den Schulen verbindlich.
Mit der Reform soll die Schriftsprache logischer und leichter erlernbar werden.
Das alte Regelwerk mit 212 Vorgaben wurde auf 112 reduziert, aus 52 Kommaregeln wurden 9.

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In Kürze

In der deutschen Rechtschreibung öffnet sich eine immer grössere Kluft. Nach der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" kehren nun auch die grösste deutsche Boulevardzeitung "Bild" und das Magazin "Der Spiegel" zur alten Schreibweise zurück. Aber auch deutsche Schriftsteller - von Grass bis Enzensberger - weigern sich, ihre Werke in neuer Schreibung erscheinen zu lassen.

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