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Zwei Generationen unter einem Dach

, Zürich


Ein "Service" der Studierenden kann auch das Leisten von Gesellschaft sein.

Ein "Service" der Studierenden kann auch das Leisten von Gesellschaft sein.

In einer Stadt wie Zürich, in der jeder Quadratmeter Wohnraum fast mit Gold aufgewogen wird, haben es Studierende schwer, eine Unterkunft zu einem vernünftigen Preis zu finden. Ein Ausweg: Gratis bei alten Menschen wohnen im Austausch zu kleinen Dienstleistungen.

Die Kinder wohnen nicht mehr zu Hause, der Ehemann ist gestorben. Plötzlich ist das Haus oder die Wohnung, in der sie über viele Jahre zu Hause war, leer, zu gross, einige Zimmer sind unbewohnt.

Für junge Menschen wird es dagegen zu einem echten Kraftakt, eine Wohnung in einer Stadt wie Zürich zu finden, da der Mangel an Wohnraum die Preise in astronomische Höhen schnellen lässt. Das kann auch Menschen mit einem festen Einkommen zum Problem werden.

Um die beiden Seiten zusammenzubringen, hat die Stiftung Pro Senectute des Kantons Zürich (eine Organisation im Dienste älterer Menschen) das Projekt Wohnen für Hilfe (eine Wohnmöglichkeit im Austausch gegen Hilfe) gestartet. Ähnliche Projekte gibt es bereits seit Jahren in vielen deutschen Universitätsstädten.

Die Idee ist einfach und funktioniert nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern: Ältere Menschen, die über ungenützte Räume verfügen, stellen diese Studenten zur Verfügung gegen Hilfe und Dienstleistungen.

Zürcher Pilotprojekt

In der Schweiz begleitet die Stiftung Pro Senectute des Kantons Zürich als erste diese Formen des Zusammenlebens. "Sicher gibt es auch einige ähnliche Initiativen auf privater Ebene", sagt die Pro Senectute-Projektkoordinatorin Marlys Agbloe.

Ältere Menschen haben in ihrem Haus oder ihrer Wohnung oft die Erinnerungen ihres gesamten Lebens angesammelt. Für sie ist die Begleitung einer anerkannten Organisation wichtig, wenn sie Wohnraum zur Verfügung stellen.

Bisher hat die Stiftung in Zürich in elf Fällen generationenübergreifendes Zusammenleben vermittelt. Das Projekt befindet sich in einer zweijährigen Pilotphase, die im Mai dieses Jahres endet. Darauf folgt eine Schlussbeurteilung durch die Universität Zürich.

Ein Quadratmeter für eine Stunde Arbeit

Die Studenten, die bei den Seniorinnen und Senioren wohnen, bezahlen keine Miete. Sie verpflichten sich jedoch für eine Stunde Arbeit pro Monat pro Quadratmeter des Raumes, der ihnen zur Verfügung steht. "Diese Dienstleistungen können nicht bezahlte Arbeiten ersetzen, zum Beispiel eine Haushalthilfe oder einen Gärtner." Das sei nicht der Zweck, erklärt Agbloe. "Das sind zusätzliche Dienstleistungen."

Die Dienstleistungen der Studierenden können unterschiedlichster Art sein: Spazierengehen mit dem Hund, Einkaufen, Zubereitung eines Abendessens pro Woche, das Haus hüten während längerer Abwesenheiten, Übernahme schwieriger Putzarbeiten, Gartenarbeit, Begleitung der älteren Person ins Theater, Hilfe bei Computerproblemen.

"Wir vergewissern uns, dass die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten den Ansprüchen der Studierenden genügen, und wir sprechen mit den älteren Menschen, um ihre Beweggründe zu erfahren. Wir laden aber auch interessierte Studierende ein und klären ihr Interesse für dieses Projekt ab", sagt Marlys Agbloe.

Hat Pro Senectute ein "Paar" gefunden, das zusammen leben könnte, werden die beiden Parteien zusammengeführt. "Beim ersten Treffen diskutieren wir über das, was offeriert wird, aber auch über Erwartungen und Wünsche", erklärt die Projektkoordinatorin. Nach weiteren Treffen hilft Pro Senectute den Studierenden und Älteren ein Übereinkommen zu formulieren, in dem die Leistungen beider Parteien aufgeführt werden.

Generationenübergreifende Zusammenarbeit

Für die Studierenden ermöglicht das Projekt, ein Zimmer ohne Kosten zu bewohnen. Auf der anderen Seite haben die Älteren eine Hilfe in der Nähe. Für beide eine vorteilhafte Situation.

Aber das ist noch nicht alles. Das Hauptziel des Projekts Wohnen für Hilfe ist die Förderung von Kontakten zwischen Älteren und Jungen. "Beide Seiten müssen ein gewisses Interesse an generationenübergreifenden Kontakten zeigen und die Kommunikation als gegenseitige Bereicherung empfinden", sagt Agbloe.

Das Projekt möchte in erster Linie Isolation vermindern oder verhindern, Kontakte fördern, die Lebensqualität verbessern und die Sozialkompetenz beider Parteien fördern.

Positive Reaktionen

Die bisherigen Erfahrungen werden positiv bewertet. "Ein Student, der bei einer älteren Frau lebte, ist ins Ausland gezogen. Die alte Frau ruft mich jeden Tag an und fragt, ob ich nicht bald einen Ersatz hätte. In ihrem Fall hat das Zusammenwohnen bestens funktioniert, trotz anfänglichen Zweifeln der alten Dame", erklärt Agbloe.

Pro Senectute begleitet das Zusammenleben und bietet im Fall von Meinungsverschiedenheiten Unterstützung an. Manchmal müsse man nur offen über die Probleme reden, damit diese zum Wohl aller gelöst werden könnten.

Es müsse aber auch dafür gesorgt werden, dass gewisse Grenzen nicht überschritten würden, meint die Projektkoordinatorin. "Sowohl Studierende wie die älteren Menschen sollten in der Lage sein, 'Nein' zu sagen zu zusätzlichen Anforderungen, die im Übereinkommen nicht aufgeführt sind."

Zusammenwohnen

Seniorinnen und Senioren füllen einen Fragebogen aus und reichen diesen bei der Vermittlungs-und Kontaktstelle ein. Studierende reichen eine schriftliche Bewerbung für einen Wohnplatz bei Wohnen für Hilfe ein.

Wichtige Informationen sind die Art der erwünschten Hilfe bei den Seniorinnen und Senioren und die Bedürfnisse der Studierenden. Wichtig auch zu wissen, wenn ein Wohnrauminteressent z. B. allergisch auf Haustiere ist. In diesem Fall kann er mit dem Hund nicht spazieren gehen.

Das Zusammenleben kann für ein paar Monate vereinbart werden aber auch für länger. Marlys Agbloe empfiehlt eine Probezeit von ein bis zwei Monaten. So kann das gegenseitige Übereinkommen korrigiert oder angepasst werden.

Bisher haben sich Studierende verschiedenster Fakultäten eingeschrieben. Das Angebot Wohnen für Hilfe gibt es in Zürich nur für Studierende.

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Andere Länder

Die ersten Formen des Zusammenwohnens von Studierenden und älteren Personen wurden in den 1990er-Jahren in Grossbritannien und Spanien erprobt.

Das System findet heute zunehmend Anklang in den USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Niederlande und Belgien.

Das Projekt Wohnen für Hilfe in Zürich bezieht sich auf das Modell in Deutschland. Dort wird dieser Service in 27 Universitätsstädten angeboten.

Pionierstadt war Darmstadt, das diesen Service 1992 einführte. Heute sind in Deutschland die Stellen, die das Zusammenwohnen von Studierenden und Senioren koordinieren, direkt den Universitäten angegliedert.

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(Übertragung aus dem Italienischen: Etienne Strebel), swissinfo.ch


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