Zwischen Erschütterung und Erleichterung

Keystone Archive

Die angekündigte Swissair-Radikalkur stösst bei den Gewerkschaften und der SP auf Empörung. Die CVP fordert die Mitsprache des Bundes. Die FDP ist erleichtert, dass das befürchtete Chaos ausblieb. Die SVP begrüsst die nun gefundene privatwirtschaftliche Lösung.

Dieser Inhalt wurde am 01. Oktober 2001 - 21:25 publiziert

Der Bundesrat, der bekannt gab, sich nicht am Aktienkapital der Crossair zu beteiligen, zeigte sich froh, dass der ungeordnete Konkurs der Swissair habe abgewendet werden können. Dies sagte Finanzminister Kaspar Villiger nach einer fast dreistündigen Sondersitzung des Bundesrats am Montagabend.

Die Liquidierung und der Verkauf zahlreicher Bereiche der Swissair Group hätten aber einschneidende Folgen für das Personal. Villiger appellierte an die soziale Gesamtverantwortung der neuen Unternehmensleitung.

Gewerkschaften fordern soziale Abfederung

Die Vereinigung des Cockpitpersonals der Swissair (Aeropers) hat erschüttert vom faktischen Ende der Swissair Kenntnis genommen. Sie fordert Abfederungs-Massnahmen bei allfälligen Entlassungen. Die Einheit und Solidarität im Korps sei durch die Ereignisse der letzten Tage noch gestärkt worden.

Die Vereinigung des Kabinenpersonals (Kapers) hat die Redimensionierung der Swissair als letzte Chance bezeichnet. Wie viele der 900 Stellen des Kabinenen-Personals gerettet werden können, ist laut Kapers-Präsident Martin Guggi abhängig von der zur Verfügung stehenden Zeit. Kapers werde umgehend mit der Crossair Verhandlungen aufnehmen.

Der Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) fordert angesichts des angekündigten Stellenabbaus bei der Swissair einen Sozialplan mit Staatshilfe. Dazu müsse die öffentliche Hand beitragen, sagte der Präsident des VPOD Luftverkehr, Daniel Vischer. Dazu gehörten auch Stadt und Kanton Zürich.

Die Gewerkschaft werde in den nächsten Tagen die Öffentlichkeit mobilisieren. Laut Vischer übernahm mit den jüngsten Entscheiden nun die UBS die Macht. Der Finanz- und Wirtschaftsplatz Zürich sei über den Tisch gezogen worden.

SP: Rosinenpicken der Grossbanken

Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) hat sich über die neueste Strategie der Swissair empört gezeigt. Die beiden Grossbanken hätten die Swissair zerstört. Die SP kritisiert, dass UBS und Credit Suisse nur die profitablen Teile des Luftverkehrs-Konzerns übernehmen. Eine echte Sanierung der gesamten Holding sei von den Banken bewusst verhindert und die Arbeitsgruppe Bremi desavouiert worden.

Die Grossbanken würden sich die Rosinen picken, während die Beschäftigten und viele Klein- und Mittelbetriebe die Folgen tragen müssten.

CVP fordert Monitoring-Organ

Die Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (CVP) hat als vertrauensbildende Massnahme für die Umwandlung der Swissair Holding ein breit abgestütztes Monitoring-Organ gefordert. Die Partei appellierte an den Staat, seine Aufsichts-Funktion wahrzunehmen. Die Anbindung der Schweiz ans internationale Linienflugnetz habe höchste Priorität.

FDP erleichtert

Die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) zeigt sich erleichtert über die jüngsten Entscheide der Swissair. Durch die Sicherstellung der Bankmittel bleibe das befürchtete Chaos aus, sagte FDP-Präsident Gerold Bührer. Es bleibe nun bei einer Schweizer Fluggesellschaft. Dass sie zudem interkontinental bleibe, sei für den Standort Schweiz besonders wichtig.

SVP erfreut über die Entscheide

Die Schweizerische Volkspartei (SVP) hat die Entscheide als positiv gewertet. Es hätten privatwirtschaftliche Lösungen für die Swissair gefunden werden müssen, was durch den Einbezug der Banken nun offenbar geschehen sei, sagte SVP-Generalsekretär Gregor Rutz. Er forderte, die Arbeitsplätze langfristig zu sichern, und zwar ohne die Einmischung des Staates.

Begrüsst wurde der Sanierungsplan auch von der Schutzvereinigung Swissair (SVSA) und dem Komitee "Weltoffenes Zürich".

EFD: Mögliche Grundlage für Mitmachen des Bundes

Das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) sieht gemäss EFD-Informationschef Daniel Eckmann im neuen Sanierungsplan eine mögliche Grundlage für ein Mitmachen des Bundes bei der geplanten Rekapitalisierung. Erstens müsse der Impuls von der Wirtschaft kommen, zweitens müssten alle relevanten Kräfte mitziehen. Drittens müsse eine langfristig Erfolg versprechende Perspektive für die Swissair bestehen.

SVSA ist nicht überrascht

Die Schutzvereinigung der Swissair-Group-Aktionäre (SVSA) hat die Entscheide als nicht überraschend bezeichnet. Es stelle sich aber Frage, ob die Banken das Aktienpaket nicht zu einem zu tiefen Preis übernommen hätten, sagte Präsident Hans-Jacob Heitz. Die Schutzvereinigung werde jetzt ihren Druck auf die Sonderprüfung beschleunigen und weiter die Strafanzeige gegen Organe der Swissair vorbereiten.

Zurückhaltung beim EuroAirport Basel-Mülhausen

Beim EuroAirport Basel-Mülhausen wird die neue Situation im Schweizer Luftverkehr zurückhaltend kommentiert. "Wir haben gewusst, dass die Crossair klare Kostenvorteile hat", sagte der Direktor des EuroAirports Urs Sieber.

Der Direktor des Genfer Flughafens Cointrin, Jean-Pierre Jobin, drückte sein Bedauern über die Situation der Swissair aus. Gleichzeitig gab er am Westschweizer Fernsehen seiner Hoffnung Ausdruck, Flugbewegungen am Standort Genf halten zu können.

Belgien droht mit Klagen

Die belgische Regierung wirft der Swissair eine "flagrante Verletzung" der Sabena-Aktionärsvereinbarung vom August vor. Dies bedeute, dass "die Rechtsverfahren weiterhin in Kraft sind und die Möglichkeit zusätzlicher Entschädigungen geprüft wird."

Belgien und die Swissair hatten sich Ende Juli nach wochenlangem Streit auf eine erneute Finanzspritze für Sabena geeinigt. Dafür war Swissair nicht mehr zur Mehrheits-Übernahme bei Sabena verpflichtet. Die belgische Regierung und Sabena zogen darauf Schadenersatz-Klagen gegen die Swissair wegen Verletzung früherer Vereinbarungen zurück.

swissinfo und Agenturen

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