Friedensverhandlungen Nach 50 Jahren Gewalt träumt Kolumbien vom Frieden



Von
Marcela Aguila Rubin, Sergio Ferrari




Vertreter der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) bei einer Pressekonferenz in Havanna am 6. November 2012.

Vertreter der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) bei einer Pressekonferenz in Havanna am 6. November 2012.

(Keystone)

Zum Auftakt der Friedensgespräche für Kolumbien haben die FARC-Rebellen in Havanna einseitig eine Waffenruhe verkündet. Die Schweiz nimmt nicht an den Gesprächen teil, ist aber bereit, den Verhandlungsprozess zu unterstützen. Der ehemalige Schweizer Mediator Jean-Pierre Gontard zeigt sich optimistisch.

Nach rund 50 Jahren Gewalt – es ist der am längsten dauernde gewalttätige Konflikt in Lateinamerika – erwarteten die Menschen in Kolumbien mit grossem Interesse die Aufnahme der Friedens-Verhandlungen diese Woche in Kuba. Die Gespräche folgen auf ein erstes Treffen vor einem Monat in Norwegen, das als Garant des Friedens-Prozesses agiert und über langjährige Erfahrungen mit schwierigen Verhandlungen verfügt, sei dies im Nahen Osten, in Sri Lanka oder in Lateinamerika.

Zum Auftakt der Gespräche kündigten die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) am Montag einseitig eine Waffenruhe von zwei Monaten an. "Der Sekretär (der FARC) hat ein Ende der offensiven Militäroperationen gegen die Regierungstruppen angeordnet", erklärte Ivan Marquez, der Chef der FARC-Delegation, bei seiner Ankunft im Konventions-Palast in Havanna. Es ist das erste Mal in mehr als zehn Jahren, dass die 1964 gegründete marxistische FARC gegenüber den Regierungstruppen eine Waffenruhe ausgerufen hat.

Schweizer Wissen

Obschon die Schweiz nicht offiziell an diesen Gesprächen beteiligt ist, möchte sie ihre Kenntnisse des Terrains den Akteuren in dem Konflikt zur Verfügung stellen. "Wir haben ein Netzwerk mit lokalen Kontakten und Know-how in vielen Bereichen, die für den Friedensprozess von Nutzen sein können", erklärte Pietro Piffaretti, Regionalkoordinator für Lateinamerika im Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

Der Vertreter des Schweizer Aussenministeriums bestätigt, dass die Schweiz über die bilateralen Kontakte mit ihren kolumbianischen Amtskollegen die Bereitschaft des Landes deutlich gemacht habe, den Verhandlungsprozess zwischen der Regierung in Bogotá und der FARC zu unterstützen.

Seit mehr als zehn Jahren setzt sich die Schweiz in Kolumbien für die Friedensförderung ein und setzt dabei auf drei Hauptpfeiler: Unterstützung für das Schweizer Friedensförderungsprogramm in Kolumbien (SUIPPCOL), das von Schweizer Nichtregierungs-Organisationen zusammengestellt und umgesetzt wird, Unterstützung bei der Vergangenheitsbewältigung und Anwendung der Übergangs- Gesetzgebung sowie Förderung des Respekts für Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht.

Zivilgesellschaft miteinbeziehen

Die Aufnahme der Friedensgespräche, die vor einem Monat in Norwegen mit einem vorbereitenden Treffen begonnen hatten, war von der Regierung Kolumbiens und der FARC um eine Woche verschoben worden. Die Verschiebung hänge damit zusammen, dass noch Vertreter der Zivilgesellschaft eingeladen würden, hiess es in einem gemeinsamen Communiqué, das auf der Website des kolumbianischen Präsidenten veröffentlicht wurde.

"Für uns ist es wichtig, dass man auch sozialen und anderen Organisationen aus der Bevölkerung zuhört, die sich oft weder von der Regierung noch von den Aufständischen vertreten fühlen", sagte Diego Pérez, der lokale Verantwortliche von SUIPPCOL. In einem Telefongespräch aus Bogotá erklärte er, die Verschiebung der Gespräche, damit auch die Zivilgesellschaft eingebunden werden könne, sei "ein positives Zeichen".

  
Noch wichtiger aber, schätzt Pérez, wäre es "einen grossen Prozess in den Regionen einzuleiten, unter Einbezug sozialer und populärer Organisationen, wirtschaftlicher Verbände, Universitäten, Kirchen, der Regierung und der Aufständischen, um über alle grundlegenden Fragen zu diskutieren, um einen gerechten und dauerhaften Frieden für Kolumbien herbeizuführen".

Jean-Pierre Gontard "optimistisch"

Der Schweizer Jean-Pierre Gontard, ehemaliger Unterhändler im Kolumbien-Friedensprozess und emeritierter Professor des Genfer Hochschul-Instituts für Internationale Studien und Entwicklung, denkt, dass die Gespräche, die am Montag in Havanna ihren Auftakt nahmen, unter günstigen Vorzeichen stehen.

"Ich bin optimistisch", sagt Gontard. Der Dialog sei von beiden Seiten mit "grosser Sorgfalt vorbereitet" worden, und zwar was politische als auch juristische Aspekte angehe. Seiner Einschätzung nach hätten beide Seiten "eindrückliche" Arbeit geleistet.

Gontard ist überzeugt, dass sie bereit seien, sich ernsthaft an die Arbeit zu machen. "Es gibt wirklich einen Willen zum Konsens. Beide Seiten haben angedeutet, dass ein militärischer Sieg nicht möglich ist, und dass eine Lösung nur auf dem Verhandlungsweg gefunden werden kann."

 
Jean-Pierre Gontard warnt aber auch, dass die Verhandlungen Feinde hätten. "Die internationale Gemeinschaft hat daher die moralische Verantwortung, den Prozess zu beschützen und zwischen den gegnerischen Parteien Vertrauen aufzubauen."

Die Landfrage – das entscheidende Thema

Die Verhandlungen drehen sich um fünf Schwerpunktthemen: Landreform, politische Integration der Guerilla, Ende der Kampfhandlungen, Kampf gegen den Kokainhandel (Kolumbien ist die Nummer eins weltweit bei der Produktion von Kokain) sowie Entschädigung für die Opfer.

Die Landfrage, die am Ursprung des Konflikts stand und 1964 zur Gründung der FARC geführt hatte, die aus einem Bauernaufstand hervorging, wird bei den Verhandlungen eines der entscheidenden Themen sein. In Kolumbien ist gemäss einem Bericht der UNO mehr als die Hälfte der grossen Landwirtschaftsbetriebe im Besitz von nur einem Prozent der Bevölkerung.

Doch auch andere Fragen, wie zum Beispiel Aussetzung der Bestrafung von Guerilleros im Gegenzug zur Demobilisation, dürften in der Bevölkerung für Erschütterungen sorgen.

Eine Lösung, die nicht nur Opfer-Organisationen vor den Kopf stossen könnte, sondern auch radikale politische Sektoren, die nach drei früheren gescheiterten Verhandlungs-Versuchen in den letzten 30 Jahren gegen Friedensgespräche sind.

Lang anhaltender Konflikt

Der schon fast 50 Jahre andauernde Bürgerkrieg in Kolumbien hat etwa 600'000 Menschen das Leben gekostet. Dazu kommen 15'000 Verschwundene und fast vier Millionen intern Vertriebene, neben Regierungstruppen und FARC überzogen weitere Guerilla-Gruppen, offiziell demobilisierte paramilitärische Milizen und kriminelle Banden das Land mit Gewalt.

Die FARC, die älteste und grösste Guerilla des Landes, zählt nach Angaben der Regierung heute noch etwa 9000 Kämpfer, die sich vor allem in Berg- und Waldregionen aufhalten, nachdem ihre Verbände, die von der Regierung mit logistischer Unterstützung der USA gejagt werden, in den letzten 10 Jahren um etwa die Hälfte geschrumpft ist.

Auch FARC-Chef Timoleon Jimenez gab seiner "grossen Hoffnung" Ausdruck, eine Friedenslösung zu finden, nachdem er in diesem Jahr der Praxis von Entführungen zur Erpressung von Lösegeldern eine Abfuhr erteilt und die letzten Polizisten und Militärs freigelassen hatte, die im Dschungel als Geiseln gehalten wurden. 

Auch die zweitgrösste linke Guerilla, die Nationale Befreiungsarmee (ELN) mit rund 2500 Aufständischen, hat sich zu Friedensgesprächen mit der Regierung in Bogotá bereit erklärt.

Unterdessen belasten andauernde Auseinandersetzungen in den ländlichen Regionen die Einwohnerinnen und Einwohner, die zwischen Hoffnung und Misstrauen schwanken.

  
Quelle: AFP


(Übertragung ins Deutsche: Rita Emch), swissinfo.ch und Agenturen



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