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200 Jahre Alfred Escher, Oligarch der Schweizer Industrialisierung

Illustration: Alfred Escher als Silicon-Valley-Hipster

Alfred Escher als Silicon-Valley-Hipster, 2019 © Illustration: ETH Zürich / Beatrice Kaufmann (Rechte abgeklärt)

(ETH Zürich)

Er gilt als Inbegriff der Innovation und Pioniergeist der freien Marktwirtschaft in der Schweiz: Alfred Escher (1819-1882). Doch heute würde er auch als Oligarch bezeichnet werden: Seine politische Macht nutzte er hemmungslos zu seinem wirtschaftlichen Vorteil.

2019 verlieh die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich ETH erstmals den Alfred-Escher-Preisexterner Link an innovative technische Projekte. Seinen Anlass und Namen verdankt der Preis dem am 20. Februar 1819 geborenen Alfred Escher.

Die ETH zeigt Escher modernisiert mit Smartphone und Kopfhörer, die Frisur ist leicht gestutzt, nur der Rauschebart des 19. Jahrhunderts steht ihm auch als Tech-Hipster des 21. Jahrhunderts noch immer. Den Siegern winkt eine geführte Reise ins Silicon Valley oder in ein anderes "Gründermekka".

Das passt: Alfred Escher gilt vielen als eine Art ökonomischer Prophet des Fortschritts der Schweiz im 19. Jahrhundert, als Steve Jobs der Eisenbahn, der Bildung und nicht zuletzt des Bankensektors. Escher gilt als Inbegriff der Innovation und Pioniergeist freier Marktwirtschaft: Nicht zufällig erlebt die Erinnerung an Escher seit den wirtschaftsliberalen 1990er-Jahren ein Revival.

Doch zugleich galt er bereits Zeitgenossen als undemokratischer "Aristokrat, wenn auch ohne Puder und Zopf", der seine politische Macht hemmungslos für wirtschaftliche Projekte nutzte: Als korrupter Oligarch.

Der Aufstieg Eschers: Unternehmer und Politiker aller Räte

Alfred Eschers Vater war in Nordamerika mit Immobilienspekulationen und Handelsgeschäften zu Vermögen gekommen – und nicht zuletzt auch durch Sklaven-Plantagen, wie Historiker letzthin herausfanden. Heinrich Escher vertraute den städtischen Schulen nicht; Alfred wurde von Privatlehrern unterrichtet.

Alfreds Mutter, Lydia Zollikofer von Altenklingen, war eine Ostschweizer Kaufmannstochter mit vielen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Schweizer Adelsgeschlechtern. Sie pflegte in der Villa Belvoir am Zürichsee einen höfischen Lebensstil. Eschers erster Biograf, Ernst Cagliardi, schrieb, die Familie hätte das Selbstbewusstsein gehabt, "von anderen völlig unabhängig handeln und urteilen zu können".

Ein Mann

Lithografie von J.C. Werdmüller, nach einem Aquarell von Clementine Stockar-Escher, Alfred Eschers Schwester, 1849 (© Wikicommons)

(wikimedia.com)

Seine ererbte herrische Art kam Alfred Escher auf seinem Lebensweg zugute. Bereits mit 20 Jahren trat er politisch hervor, als Advokat der Universität gegen konservative Kräfte, die 1839 in Zürich nach einer Phase der Reformen und Demokratisierung wieder an die Macht gekommen waren. Er schloss sich den Radikal-Liberalen, den Vorgängern des heutigen Freisinns, an und wurde 1844 mit 25 Jahren Mitglied des Zürcher Kantonsparlaments. Einige Jahre später, 1848, Zürcher Regierungsrat und zugleich Nationalrat im eidgenössischen Parlament.

Es gab keine politische Frage, der sich der junge Escher nicht widmete. Bis heute prägend blieben seine Eingriffe ins Bildungswesen – er reformierte die Gymnasien des Kantons Zürichs, führte Deutsch- und Französischunterricht ein, sowie eine stärkere Betonung der Naturwissenschaften.

Genauso vehement setzte er sich für den Bau der heutigen Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ein – deren Bau man damals durchaus als Ersatz dafür schätzte, dass Zürich nicht zur Bundeshauptstadt geworden war.

Eisenbahnbaron und Banquier Escher: Anschluss an Europa

1848 wurde der moderne Bundesstaat gegründet: Erstmals gab es eine gemeinsame, demokratische Bundesverfassung für alle Kantone, aber auch eine gemeinsame Währung – die Schweiz wurde zu einem Wirtschaftsraum. Um diesen war es aber nicht besonders gut bestellt: Noch 1847 führten die katholische und protestantische Kantone Krieg gegeneinander, Missernten führten zu Hungersnöten, die Produktionsweise war grösstenteils noch traditionell.

Ein besonderes Problem sah Escher als Politiker in der Unterentwicklung der Transportwege. Die Schweiz drohe bald "das traurige Bild einer europäischen Einsiedelei darbieten zu müssen". Zum Vergleich: Während in anderen europäischen Ländern bereits Tausende Schienenkilometer lagen, war man in der Schweiz 1848 stolz auf die 23 Kilometer, mit denen eine Lokomotive von Zürich nach Baden tuckerte.

Pferd und Zug

Fortschritt und Vergangenheit: August Schöll, "Die Eisenbahn als Bauernschreck", 1858 (© Wikicommons)

(wikimedia.com)

Ab 1852 überliess der Bund den Bau von Eisenbahnen den Kantonen, beziehungsweise der "Privattätigkeit" – auf Drängen von Nationalrat Escher hin. In seiner Doppelrolle als Politiker und Unternehmer konnte er darauf im kantonalen Zürcher Parlament für schnelles Voranschreiten plädieren und Bauprojekten Bewilligungen erteilen – insbesondere auch seinen eigenen.

Zehn Jahre nach der Eröffnung der ersten Eisenbahnstrecke der Schweiz war das Netz bereits über 1000 Kilometer lang. Eschers Nordostbahn legte einen entscheidenden Grundstein für das Netz, das um 1900 in die staatlichen SBB – die Schweizerischen Bundesbahnen – überging.

Doch diese Schienennetze benötigten nicht nur Eisen und Dampf, sondern auch Kapital – um sich von ausländischen Krediten unabhängig zu machen. Deswegen gründete Escher kurzerhand die Schweizerische Kreditanstalt (SKA). Und wiederum ermöglichte sein Einfluss im Parlament ein Rekordtempo der Bewilligung.

Die SKA schloss eine Angebotslücke zwischen Privatbanken, die grosse Vermögen verwalteten, aber keine Kredite sprachen, und den kleineren Kantonalbanken, die kleinen Unternehmen Gelder sprechen konnten – nicht aber grossen industriellen Komplexen, die z.B. zunehmend teure Maschinen anschaffen mussten. Eschers Projekte ermöglichten der Schweiz, im Spiel des Kapitals international mitzuhalten.

Historische Aufnahme eines Gebäudes

Die Schweizerische Kreditanstalt am Paradeplatz (Fotograf: Unbekannt) Aus: Zürich in 500 Bildern. Ein Stadtbuch - gestaltet und verfasst von Franz A. Roedelberger. Verlagsgenossenschaft Zürich. Zürich 1944. (© Wikicommons)

(creditsuisse archive)

Fall des Oligarchen Escher

Doch diese bis heute bewunderte Tatkraft und das gelobte Durchsetzungsvermögen funktionierten nur durch eine problematische und undemokratische Vermischung von Politik und Wirtschaft: Es gibt Dokumente, die zeigen, dass Escher teilweise sowohl als Firmenbesitzer wie auch als Vertreter des Staats auftrat – und sich selbst Bewilligungen unterschrieb.

Aber auch ausserhalb seiner offiziellen Posten funktionierte das "System Escher": Ironischerweise war es eine Institution, die vor 1848 dem Aufstieg des demokratischen Bundesstaats gewidmet war, die später die Funktion hatte, die liberale Elite der Schweiz auf Eschers Pläne einzuschwören: Die "Akademische Mittwochgesellschaft", hervorgegangen aus einer Gruppe von Verbindungsbrüdern und politischen Mitstreitern Eschers. Hier delegierte er lange die Geschicke Zürichs; der Kantonsrat wählte die Regierung auch nach seinem Rücktritt als Regierungsrat nach seinen Vorschlägen.

Doch Eschers Glück bröckelte massiv: In den 1860er-Jahren verlor er innert weniger Jahre Kind, Frau und Mutter, auf Belvoir verblieb nur seine Tochter Lydia. Auch politisch drohte Ungemach: Die Demokratische Bewegung machte sich in den 1860er-Jahren daran, Escher in Zürich zu stürzen.

Und auch für sein letztes grosses Projekt, den Gotthardtunnel, erhielt Escher auf nationaler Ebene mehr Häme als Anerkennung. Am 6. Dezember 1882 starb er im Belvoir – von Furunkeln und Asthma geplagt.

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Dokumentarfilm über Alfred Escher (Schweizer Fernsehen SRF vom 16. Februar 2019)

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