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28. EU-Staat


Kroatien, Erde der Schönheit und der Verletzungen


Von Marc-Andre Miserez, Kroatien


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Dubrovnik, eine der schönsten Städte im Mittelmeerraum. Die Altstadt gehört seit 1979 zum Unesco-Welterbe. (Keystone)

Dubrovnik, eine der schönsten Städte im Mittelmeerraum. Die Altstadt gehört seit 1979 zum Unesco-Welterbe.

(Keystone)

Kroatien tritt am 1. Juli der EU bei. Zwanzig Jahre nach dem Krieg sind die Wunden im Land der natürlichen Schönheit und des kulturellen Reichtums schlecht vernarbt: Tagebuch einer siebentägigen Reise vom glanzvollen Dubrovnik bis zum leidgeprüften Vukovar.

Die Perle der Adria – sie liegt an der grün- und türkisfarbenen Küste auf einem Felsvorsprung, der ins Meer hinausragt – hat sich ihren Namen nicht gestohlen. Wer das Paradies auf Erden sucht, muss nach Dubrovnik kommen, schrieb George Bernard Shaw 1929.

Das Paradies besteht zuerst aus Stein – im Laufe der Jahrhunderte von Menschen bearbeitet und gestaltet. Nüchterne, harte Quadersteine, an Kirchen und Palästen, gotischen und barocken Statuen zur Geltung gebracht. Und überall in den Strassen Fliesenplatten, die nach 1400-jähriger Begehung einen Glanz abbekommen haben und auf denen die Sohle auszugleiten riskiert.

Ragusa, Republik des Jahrtausends

Die Freiheit lässt sich auch nicht für alles Gold der Welt kaufen. Das ist das Leitwort des antiken Ragusa, das 120 Jahre nach dem Zusammenbruch Roms gegründet wurde. Um es zu schützen, hat die Stadt das grossartigste, heute noch im Mittelmeerraum sichtbare Befestigungssystem errichtet.

Tausende Tonnen Steine auf einem Quadrat von 400 auf 400 Meter. Uneinnehmbar. Ragusa war die Republik, die in Europa am längsten Bestand hatte, länger noch als die grosse Rivalin Venedig. Vor der Besetzung Napoleons und später Österreichs hat sie allen Eroberungsversuchen standgehalten. Heute gehört sie zum Unesco-Weltkulturerbe.

"Ohne Tourismus sind wir nichts", sagt Pero, der am Flughafen Autos vermietet. "Während im Winter hier lediglich drei Flugzeuge pro Tag landen – lauter Inlandflüge –, können es im Sommer bis zu 50 oder 60 sein, aus ganz Europa."

Den Besuchern, welche die zentrale Strasse überfüllen können wie einen Bahnsteig der Metro zu Spitzenzeiten, bietet Ragusa-Dubrovnik nicht nur seinen Glanz. Die Stadt will nicht, dass ihr Leiden in Vergessenheit gerät. Die Rauheit des Unabhängigkeitskriegs 1991 bis 1995, der Kroatien mit dem konfrontierte, was vom grossen Jugoslawien übrig blieb.

Bereits beim ersten Halt der Tour auf der Festungsmauer spricht die Stimme aus dem Audio-Führer von der "serbisch-montenegrinischen, barbarischen Aggression". Sie wird es mehrmals erwähnen.

Bei allen Eingängen zur Stadt zeigt ein detaillierter Plan jeden Granatenbeschuss, jeden Brand, jedes eingestürzte Dach. Nicht zu übersehen sind auch die 114 Märtyrer, die in einer Galerie porträtiert werden. Und die Mahnmale, die Geschossgarben, die Kerzen, die Plakate, die Ausstellungen.

Frühling 1992. Bombardemente und Brände haben die Häuser entlang der Stradun, der Hauptstrasse von Dubrovnik, beschädigt.  (Thomas Kern, swissinfo.ch)

Frühling 1992. Bombardemente und Brände haben die Häuser entlang der Stradun, der Hauptstrasse von Dubrovnik, beschädigt. 

(Thomas Kern, swissinfo.ch)

Wilde Schönheit

Von Dubrovnik am südöstlichen Ende des Landes fährt man die Küste der 1165 Inseln empor. Hier ist die Natur noch weitgehend unberührt vom Hotelbeton, den russische Investoren dem benachbarten Montenegro aufgedrückt haben. Die Touristen übernachten bei Einheimischen, die Anschriften "Apartment" oder "Sobe" (Zimmer) tauchen überall auf.

"Wir hatten das Glück, kein Geld zu haben", sagt Zeljko Jembrih mit etwas Ironie. Der Ingenieur hat für die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza gearbeitet.

Diplomatischer drückt sich Denis Knobel aus, Schweizer Botschafter in Zagreb. "Der Krieg hat die touristische Entwicklung gebremst." Pero hofft, dass der Beitritt zur EU die Investoren anziehen, Jobs und vielleicht höhere Löhne generieren werde. Derzeit verdient er 700 Euro im Monat.

Investoren, die auf ein lokales ökologisches Bewusstsein zählen können. Am letzten April-Wochenende wurde ein Referendum gegen ein Golfprojekt und einen Luxus-Immobilienkomplex im Wert von einer Milliarde Euro in der Region Dubrovnik durchgeführt.

"Ein für balkanesische Verhältnisse seltenes Ereignis, das nach erbittertem Widerstand zustande kam", sagt Botschafter Knobel. Aber nur 31,5 Prozent der Stimmberechtigten hatten sich an die Urne begeben. Das Gesetz verlangt aber eine Stimmbeteiligung von mindestens 50 Prozent. Deshalb können die israelischen Promotoren ihr "Ghetto für Millionäre" bauen, wie Zeljko es nennt.

Knin, die verlorene Festung

Wenn man die Küste verlässt, um ins Landesinnere vorzustossen, übernimmt die Natur das Regime. Weite, von Kieselsteinen übersäte, zartgrüne Vegetationsflächen. Ab und zu erheben sich monumentale Steinblöcke.

Die Dörfer tauchen immer seltener auf, und wenn überhaupt, dann nur noch als Gruppen von wenigen, manchmal verlassenen Häusern. Angekündigt werden sie mehrere Kilometer im Voraus auf gelben Tafeln, ein ungewöhnlicher Hinweis auf menschliche Präsenz in Mitten des Nichts. Und das Bahngeleise führt ins Unendliche.

Knin. Die Stadt am Fuss der Berge, auf der Strasse, die nach Bosnien führt, steht im Schatten einer Burg, die den Hügel, auf dem sie steht, seit 1000 Jahren überragt. Vor dem Krieg lebten hier mehrheitlich Serben.

Die ehemalige Stadt des kroatischen Königs wurde später der Hauptort der Republik Krajina. Nach der Rückeroberung kamen Kroaten aus Bosnien anstelle von Serben, die geflüchtet waren und nicht mehr zurückkehrten.

Überall die gleiche Geschichte, in Kroatien, Bosnien, im Kosovo. Der Krieg verjagt die Bevölkerung auf beiden Seiten, und wenn die Waffen schweigen und sich die Grenze festmacht, wird sie von vielen nicht mehr überquert, weil sie nicht zum Feind von gestern zurückkehren wollen. Unter diesen Bedingungen ist es nicht einfach, die Behausungen neu zu verteilen.

Die Stimmung in der Stadt ist ziemlich gedrückt. Marija, eine junge Serviceangestellte im Kaffee an der wegen Arbeiten aufgebrochenen Bahnhofstrasse, antwortet mit einem Wort auf die Frage, was sie vom Beitritt zur EU erwarte: "Nichts!" Aber was ist mit den Investitionen? "Man kann sich vorstellen, in welchen Taschen sie landen werden…"

Ob sie wohl weiss, dass das nur zwei Häuserblocks von ihrer Terrasse entfernte, orangefarbene und inmitten baufälliger Gebäude adrett wirkende Haus mit Geld aus einem Schweizer Fonds aufgebaut wurde?

Die Deza, die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, hat nach dem Krieg in dieser Region 24 Millionen Franken ausgegeben. Um Häuser wieder zu errichten, Bewässerungskanäle zu bauen, landwirtschaftliche Kooperativen zu unterstützen oder Ambulanzfahrzeuge zu kaufen.

Aber Zeljko, der in Zagreb gemeinsam mit seinem Freund Igor Sustic, Chemiker mit Zusatzfach Zement, ein Beratungsbüro hat, fragt sich, ob gewisse Prioritäten richtig gesetzt wurden. "Man hätte zuerst die Fabriken wieder aufbauen müssen. Die Leute waren untergebracht. Man hätte ihnen gescheiter eine Arbeit als ein neues Dach gegeben." Hier scheint der Weg in die Zukunft verstopft zu sein.

Trotzdem ist Knin die Stadt Kroatiens, in der am meisten Kinder und Jugendliche leben. "Das ist normal. Die Leute sind arbeitslos und mit vier Kindern können sie von den Familienzulagen leben", sagt Igor. Unter dem Bogen des Mahnmals an die Märtyrer der Unabhängigkeit, dem einzigen glänzenden Monument in all der Eintönigkeit, spielen Kinder Ball.

Ante Gotovina – Heroj!

Kroatien vergisst seinen General nicht. Dessen Bildnis zu verpassen, ist unmöglich. An Strassenrändern, auf Mauern, selbst auf den Tassen, die Lana in ihrer Souvenir-Boutique in Zagreb verkauft. Für sie ist es einfach: "Er hat das Land befreit. Ein Ritter."

Gotovinas Leben entspricht wahrlich dem Szenario eines Actionfilms. "Der ehemalige Fremdenlegionär, Geheimagent, Verbündete der extremen Rechten Frankreichs, paramilitärische Instruktor in Lateinamerika hat ein schweres kriminelles Dossier: Raubüberfall, Geiselnahme, Erpressung. Deswegen war er von der französischen Justiz verurteilt worden", berichtet der Courrier des Balkans.

Ab 1991 stieg Gotovina die Leitern der neuen kroatischen Armee empor. Die Operation "Sturm" zur Rückeroberung von 1995 machte aus ihm einen Helden. Doch 2011 verurteilte ihn der Internationale Strafgerichtshof für Ex-Jugoslawien (TPIY) wegen Kriegsverbrechen zu 24 Jahren Gefängnis. Im November 2012 aber spricht ihn der gleiche TPIY in zweiter Instanz von aller Schuld frei.

Serbien reagiert mit Konsternation, nicht nur unter den Nationalisten. Carla del Ponte, die ehemalige Schweizer Chefanklägerin des TPIY, sieht die Glaubwürdigkeit des Tribunals in Frage gestellt. Bis heute hat der Gerichtshof fast ausschliesslich Serben verurteilt.

Doch die Geschichte ist möglicherweise noch nicht abgeschlossen. Anfang Juni hat ein Richter des TPIY nach einer Serie von Freisprüchen seine "Enttäuschung" ausgedrückt. Chefankläger Serge Brammertz hat "schwere Fehler" zugegeben und will sich dafür einsetzen, gewisse Dossiers wieder zu öffnen. Er überlegt sich namentlich die Möglichkeit einer Revision des Gotovina-Prozesses.

"Die internationale Justiz hat ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen. Es liegt auch an den Historikern zu urteilen", sagt Denis Knobel. Aber lässt Sie dieser aufstachelnde Nationalismus, Herr Botschafter, nicht erschaudern? "Wenn man das Land so betrachtet, wähnt man sich in Europa. Aber die langwierigsten Änderungen betreffen die Mentalitäten."

Vukovar, Märtyrer-Stadt

Von der Küste aus traversiert eine andere Strasse das bescheidene dinarische Gebirge, bevor sie in der weiten Ebene Slawoniens ankommt. Unter dem gewaltigen Himmel – den es in allen flachen Ländern gibt – erinnert die Landschaft an die französische Bocage, und die Landstrassen ziehen sich gradlinig über kilometerweite Strecken – wie in allen flachen Ländern.

Am Ende der Strasse befindet sich Vukovar mit dem Donauhafen, wo die Grenze zu Serbien liegt. Im Sommer 1991, vier Jahre vor Srebrenica, erlebt die Stadt die schlimmsten Gräueltaten, die sich auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg ereignen.

Der drei Monate dauernde Widerstand gegen einen übermächtigen serbischen Belagerungsring führte zu 1100 Toten auf serbischer Seite, 5000 Toten auf kroatischer Seite, zu einer schrecklichen ethnischen Säuberung, zu Zehntausenden Flüchtlingen und reduzierte den barocken Glanz einer einst multikulturellen Stadt in den Zustand eines Ruinenfelds.

Frühling 1992. Bombardemente und Brände haben die Häuser entlang der Stradun, der Hauptstrasse von Dubrovnik, beschädigt.  (swissinfo.ch)

Frühling 1992. Bombardemente und Brände haben die Häuser entlang der Stradun, der Hauptstrasse von Dubrovnik, beschädigt. 

(swissinfo.ch)

Heute sieht man, dass viel Geld für den Wiederaufbau geflossen ist. Die Monumente sind wie neu, aber die bemalten Fassaden haben Mühe, die Wunden zu verstecken. Die Fähre, welche die beiden Ufer der Donau verbindet, wurde nur ein einziges Mal wieder in Betrieb genommen, im November 2010, für den serbischen Präsidenten Boris Tadic, der gekommen war, um im Auftrag seines Landes um Entschuldigung für die Verbrechen zu bitten, die vor 20 Jahren begangen wurden.

Zu Beginn des Jahres haben Zehntausende Kroaten in Vukovar und Zagreb gegen die Wiedereinführung des kyrillischen Alphabets demonstriert. Heute sind noch 35 Prozent der Bevölkerung in der Stadt Serben, und das Gesetz verlangt Zweisprachigkeit, wenn eine Minderheit mehr als einen Drittel ausmacht.

Eine Koalition aus ehemaligen Kämpfern und rechten Parteien verlangt für die Zweisprachigkeit ein Moratorium von 30 bis 50 Jahren. Und am 29. April erschien Kardinal Josip Bozanic, Erzbischof von Zagreb, um der Forderung seine Kaution zu erteilen. "Vukovar verdient eine besondere Sensibilität, die mit besonderen Regeln behandelt werden sollte…", sagte Ihre Eminenz.

Das Monument, das Vukovar inzwischen im Gedenken an die "Opfer des freien Kroatiens" errichtet hat, ist zweisprachig beschriftet. Die zweite Beschriftung ist allerdings nicht in kyrillischer, sondern in glagolitischer Schrift verfasst, der ehemaligen kroatischen Sprache, welche die Priester im Mittelalter mit der besonderen Bewilligung des Vatikans während des Gottesdiensts anstelle des Lateinischen benutzten.

Ruinierte Wirtschaft

Rund um Vukovar sind die Narben noch gut sichtbar. Ruinierte Bauernhöfe und Fabrikgebäude, brachliegende Felder, entvölkerte Dörfer. Slawonien, das einst die Kornkammer Jugoslawiens war, lebt heute unter dem durchschnittlichen Wohlstandsniveau Kroatiens.

"Ein schöner Schlamassel", säufzt Zeljko Jembrih. "Slawonien ist fast tot, die Bauern altern, die Jungen ziehen weg, obwohl eine Produktion möglich wäre, um das Land fünf Mal zu ernähren. Aber die Import-Export-Lobby ist mächtig. Sie kauft die lokalen Produkte und verkauft diese teuer an die EU."

Und was ändert sich mit dem Beitritt? "Wir werden noch mehr verlieren", antwortet der Ingenieur, der 2002 dagegen gestimmt hatte. "Die Union erpresst uns. Schauen Sie sich die Ungarn an, die zu einer Art Sklaven wurden. Oder Bulgarien. Das Land hatte ausgezeichnete Früchte produziert. Jetzt müssen sie importiert werden."

Der Schweizer Botschafter Knobel ist weniger pessimistisch. Die kroatische Wirtschaft, die mit der Unabhängigkeit den jugoslawischen Markt verloren habe, bleibe gegenüber äusseren Konjunktureinbrüchen verletzlich. "Das Land hat strukturelle Reformen durchgeführt und muss seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Die Regierung rechnet mit einer Erholung ab 2014 auch dank dem Unterstützungsfonds für die EU-Kohäsion (an dem sich die Schweiz beteiligen muss)."

"Wir haben ein Land, und nun?"

Zagreb, das ist auch der Ort, an dem ich Mario wiedersehen muss, den Veteranen von Vukovar.

 

Flashback: 1974. Es war einmal ein Land mit dem Namen Jugoslawien. Mario war der erste, der mich das balkanische Pulverfass unter der föderalistischen Glasur entdecken liess.

 

Er war 23, ich 15 Jahre alt. Er kam in die Schweiz, um in einem Steinbruch der Rhone-Ebene zu arbeiten. Meine Eltern vermieteten ihm ein Zimmer. Er hatte ein Jurastudium gemacht, sprach französisch, englisch, italienisch und russisch.

 

Uns brachte er Tischtennis und die Rolling Stones bei. Aber wenn er von seinem Land sprach, funkelte es in seinen stahlblauen Augen. Wir hörten auf zu Lachen.

 

Während langen Abenden erteilte er uns geohistorischen Nachhilfeunterricht, oder wenigstens die nationalistisch-kroatische Version davon. Er war schon damals Kroate, nicht Jugoslawe. Stolz und bereit, dafür die Waffe zu ergreifen.

 

Das waren keine leeren Worte. Als Kroatien 1991 seine Unabhängigkeit erklärte, engagierte er sich bei einer Panzertruppe, wo er Karriere machte und den Grad eines Oberstleutnants erreichte, im Dienst eines Kriegs, über den er mir nichts berichten wollte.

 

Heute Abend erwartet er mich auf der zweiten Etage eines eindrucksvollen Patrizierhauses aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo er geboren wurde, am Rande des grössten Stadtparks von Zagreb.

 

Seine Frau führt mich durch einen langen Gang an verschlossenen Türen vorbei zu seinem Büro. Es ist grossräumig aber dunkel wie die ganze, 150 Quadratmeter grosse Wohnung, wo die Zeit still zu stehen scheint.

 

Wie er sich verändert hat. Es sind mehr als nur die Spuren, welche die Jahre bei uns allen hinterlassen. "Mein Kopf ist zu klein für all diese Sprachen", entschuldigt er sich für sein lückenhaft gewordenes Französisch.

 

Oder ist der Kopf, mein alter Freund, zu klein geworden wegen all der Gräuel? Man sagt zwar jeweils "ich verstehe", aber was weiss jemand, der ihn nie erlebt hat, schon vom Krieg?

 

"Warum haben wir diesen Krieg geführt?", fragt er in die Leere blickend. "Vor 1000 Jahren gab es einen König. Jetzt haben wir ein Land, und nun?"

 

Ein verstümmeltes Land: "Bosnien gehört uns." Bosnien, das auf der Karte aussieht wie eine Nuss in der Zange des kroatischen Territoriums.

 

Über Vukovar spricht er nicht. Gotovina? Er kennt ihn persönlich. Sie hatten – fünf Generationen zurück – einen gemeinsamen Vorfahren. Gotovina war sein Vorgesetzter. Natürlich ein Held.

 

"Er war nicht vor Ort, als es die Gräueltaten gab, sondern in Bosnien. Erinnerst du dich an Srebrenica? In Bihac hat er die Stadt gerettet, die von Serben umzingelt war. Wenn er nicht dort gewesen wäre, hätte es 30'000 statt 7000 Tote gegeben."

 

Europa? Mario stimmte dagegen. "Ihr Schweizer habt recht, draussen zu bleiben." Und die Zukunft? Einer seiner beiden Söhne ist Professor an der Universität, der andere Ingenieur, aber sie leben in kärglichen Verhältnissen und haben noch keine Kinder.

 

Und während er über die Jugendlichen flucht, die draussen auf der Strasse im Samstagnacht-Fieber toben, leert Mario mit zitternder Hand seine billige Magnum Bier. "Siehst Du, ich bin gezwungen, serbisches Bier zu trinken", bemerkt er mit bitterem, hallendem Lachen. Und als er den Regen auf das Kopfsteinpflaster fallen hört, sagt er mit brüchiger Stimme: "Das ist der Frühling."

"Aber was nützen uns Investitionen, deren Gewinne ins Ausland zurückwandern?", fragt Zeljio schonungslos. Eine Öffnung werde auch dazu führen, dass die am besten qualifizierten Kroaten abwandern würden. Er selber sei aber kein Emigrationskandidat, genau so wenig wie sein Kollege Igor Sustic. "Wir sind zwar nicht optimistisch, aber wir arbeiten", beteuern die Beiden.

Eine Haltung, die von vielen geteilt wird. Ob sie Nevenka, Zdravko, Ana, Roman, Bojka oder Branko heissen, in den sieben Tagen meiner Reise habe ich keine Serviceangestellte, keine Studentin, keinen Kaufmann oder Rezeptionisten getroffen, die oder der von einem europäischen oder helvetischen Eldorado träumte. Die jungen Leute, die sich als euroskeptisch oder sogar EU-feindlich zu erkennen geben, sind zuallererst Kroaten. Und Kroaten lieben ihr Land.

Zagreb, Stadt der Kunst

"Eine schöne, gebildete Bäuerin." Was der Schweizer Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz über die Waadtländer Hauptstadt Lausanne sagte, passt auch ausgezeichnet zu Zagreb.

In der Umgebung der Kathedrale, in der sich während der Messe zahlreiche kniende Gläubige befinden, stammen die verwinkelten Strassen und niedrigen Häuser aus dem Mittelalter. Am Fuss des Hügels hat Zagreb einen Hauch von Wien, mit einer Vorliebe für gelbe Fassaden und zahllosen Parks, in denen die Hunde herumtoben, die Lieblinge in allen alternden Ländern.

Vom Fenster meines Hotelzimmers aus sehe ich in der Abenddämmerung durch eine grosse Glaswand in ein Tanzstudio. Eine Gruppe Mädchen probt ein Jazz-Ballett. Zagreb ist auch eine Stadt der Kunst. Sie ist voll von Theatern, Konzertsälen, Museen, Galerien, Musikschulen.

Präsident Ivo Josipovic ist ein anerkannter Komponist klassischer Musik. Die Strassenmusikanten mögen Lieder der Region, lassen sich aber auch von Charlie Parker oder Mark Knopfler begeistern. Am Abend, an dem ich Zagreb verlassen muss, spielt der Gründer von Dire Straits übrigens in der Arena von Zagreb.

Thema des Stolzes, für das sich am meisten Leute begeistern, ist auch in Zagreb der Fussball. Das viertplatzierte Team der Fifa-Weltrangliste mit dem rotweissen Schachbrett auf den Leibchen ist derzeit mit Abstand die beste Mannschaft jener Staaten, die Ex-Jugoslawien entsprungen sind. Ihre Stars spielen bei Real Madrid, Bayern München oder Olympique Lyonnais.

Die Grösse Roms

Kroatien hat aber mehr zu bieten, als guten Fussball. Auch im Kleinen. Das Land, das die Krawatte erfunden hat, hält seine Strassen bemerkenswert sauber.

Es hat Capuccino-Schaum und Glace so cremig wie in Italien, Öko-Glühbirnen und fast überall gratis WiFi, riesige Windparks, Rindssteaks so zart, dass Restaurateure aus Paris vor Neid erblassen, Fahrer, die den Motor vor dem Rotlicht ausschalten, und eine liebenswürdige Bevölkerung, diskret und sehr kultiviert, wie alle Menschen in den ehemaligen kommunistischen Ländern.

In Split, der anderen Perle der dalmatischen Küste, schmiegt sich das Herz der Altstadt an die Umrisse des Palastes, den Diokletian, Kaiser von Rom, zu Beginn des IV. Jahrhunderts für seine alten Tage errichten liess.

Rom, die erste EU, welche Europa 500 Jahre Frieden sicherte. Heute kann der alte Kontinent nicht einmal 15 Jahre ohne Krieg vorweisen. Aber Europa ist auf dem Vormarsch. Und ob Kroatien will oder nicht, es gehört zu Europa.

Europa, resignierte Wahl

"Bereits während der Zeit der Abstimmung über den Beitritt (der im Januar 2012 mit 66% angenommen wurde), waren die Kroaten nicht einer Meinung. Heute, angesichts des aktuellen Zustands der EU, sind sie nicht sehr begeistert, sich auf ein Schiff zu begeben, das überall Leck schlägt", sagt André Liebich, Professor am Institut des hautes études internationales in Genf.

"Das Problem für Kroatien, wie für alle ehemaligen kommunistischen Länder, ist, dass sie keine andere Wahl haben. Kein Alleingang für Kroatien. Man glaubt, diesen Weg gehen zu müssen, weil es drinnen nicht schlimmer sein werde als draussen", sagt der Experte für Zentral- und Osteuropa.

"Als konkreter Vorteil könnte sich erweisen, dass Kroatien ein bisschen zu dem werden könnte, was Spanien vor 30 Jahren war: Ein Strand für die reichen Europäer aus dem Norden. Der Beitritt wird die Investitionen begünstigen. Aber ist dies das Schicksal, das sich das Land gewünscht hat? Was wird aus seinen lebendigen Stärken werden? Sollen alle Hoteliers oder im Tourismus tätig werden? Das ist keine existenzfähige Lösung, wenn man sich wie ein moderner Staat mit einer diversifizierten Wirtschaft entwickeln will."

André Liebich gibt sich nicht sehr optimistisch. Die einzige Republik Ex-Jugoslawiens, die sich bisher der EU angeschlossen hat, Slowenien, "ein eigentliches Vorbild, mit germanischen Traditionen und anscheinend gegen schlechte Einflüsse verbaut, scheint der nächste Kandidat für eine ausserordentliche Hilfe zu werden. Aber wenn Slowenien nicht reüssiert, welche Zukunft steht dann Kroatien bevor?".

Schweiz Kroatien

Wirtschaftsbeziehungen: Das Handelsvolumen ist bescheiden und rückläufig. 2011 umfasste es knapp 300 Millionen Franken. Die Schweiz exportiert vor allem pharmazeutische Produkte und Maschinen und importiert Maschinen und Produkte aus Holz.

Kohäsionsbeitrag: Die Regierung wird dem Parlament einen Betrag von 45 Mio. Fr. vorschlagen. Dieser entspricht im Verhältnis jenem Beitrag, der den andern 12 neuen Mitgliedern gewährt wurde, die der EU 2004 beitraten.

Immigration: Rund 40'000 Kroaten leben in der Schweiz, wo sie sich im Allgemeinen sehr gut integriert haben. In Kroatien leben 1300 Schweizer, viele von ihnen sind Männer, die kroatische Frauen geheiratet haben.

Keine Invasion in Sicht: Laut Botschafter Denis Knobel erwarten die meisten Experten nach dem Beitritt keine grosse Emigrationswelle, auch wenn man eine "latente Bereitschaft, vor allem unter Jugendlichen" nicht ausschliessen könne.

In der Schweiz könnte die kroatische Diaspora eine gewisse Rolle spielen, allerdings auch in der andern Richtung, angesichts der Tatsache, dass in letzter Zeit mehr Kroaten die Schweiz verlassen haben, als zugewandert sind.

Vorsicht: Der freie Personenverkehr mit der Schweiz als Nicht-EU-Land vollzieht sich nicht automatisch. Er ergibt sich aus den bilateralen Verträgen, die bei jedem neuen Beitritt wieder genehmigt werden müssen. Die Schweizerische Volkspartei und nationalistische Kreise, die das Referendum gegen eine Ausweitung des Kohäsionsbeitrags für Rumänien und Bulgarien ergriffen hatten (die letztlich aber von fast 60% der Stimmenden angenommen wurden), haben im Fall von Kroatien bereits wieder mit dem Referendum gedroht.

Kampf der Korruption

"Kroatien wurden die gegenüber Beitrittskandidaten bisher härtesten Verhandlungen auferlegt. Sie dauerten mehr als 6 Jahre", erinnert sich der Schweizer Botschafter in Zagreb.

Die Europäische Kommission (EK) hat Kapitel wie Justiz, Rechtsstaatlichkeit und Kampf gegen Korruption hinzugefügt. In diesen Bereichen hat das Land die grössten Fortschritte erzielt. Eine Politikergeneration und eine ganze Klasse von Wirtschaftsführern befinden sich im Gefängnis.

Das ist zwar nur die Spitze des Eisbergs, und fundamentale Probleme im Wirtschaftsgewebe bleiben bestehen, aber der Prozess ist laut der EK unaufhaltsam.

In ihrem Schlussbericht zum Monitoring Kroatiens von Oktober 2012 hält die EK fest, dass der juristische Rahmen stehe und "die Organe, die  beauftragt sind, das Gesetz anzuwenden, sehr pro-aktiv sind".

Der Mann der Strasse erwartet eine striktere Anwendung der Gesetze des Landes. "Wir haben ausgezeichnete Gesetze, aber sie werden nicht angewendet", hört man oft sagen.

Auf dem Korruptionsindex 2012 der Menschenrechts-Organisation Transparency International liegt Kroatien auf dem 62. Platz der am wenigsten korrupten 174 Länder, mit einem Index von 46 (die Skala reicht von 0 für die Schlechtesten bis 100 für die Besten).

Kroatien ist besser platziert als die andern Staaten Ex-Jugoslawiens und liegt sogar vor seinem Nachbarn Italien, dem wichtigsten Handelspartner (Rang 72., Index 42).


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch



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