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3000 verseuchte Deponien warten auf Sanierung



In der Schweiz gibt es rund 50'000 verseuchte Deponien. Mindestens 3000 davon müssen in den nächsten Jahren saniert werden.

Die Sanierung der chemischen Ablageplätze von Bonfol und Kölliken ist lediglich der Auftakt zur milliarden-teuren "nationalen Reinigungsoperation".

Bonfol im Kanton Jura und Kölliken im Kanton Aargau: Zwei Orte, die zum Symbol der "Umweltsünden" geworden sind, die im letzten halben Jahrhundert in der Schweiz begangen wurden. Zwei bis drei Generationen der Exzesse und der Verschwendung, welche die Natur als Mülleimer betrachteten.

In Bonfol haben die Basler Chemiekonzerne zwischen 1961 und 1976 114'000 Tonnen chemische Lösungsmittel, Pestizide, Farbstoffe, abgelaufene Arznei- und Reinigungsmittel deponiert. Um diese zu entfernen, braucht es mindestens vier Jahre und 280 Mio. Franken.

In Kölliken wird die Eliminierung von 560'000 Tonnen Giftmüll aus dem Industrie-Dreieck Zürich, Aargau, Basel sechs Jahre dauern und 400 Mio. Franken kosten.

Allerdings weiss man bis heute noch nicht, wo genau dieses ganze Gift schlussendlich landen wird. Wahrscheinlich wird es nach Deutschland transportiert, wo es verbrannt und erneut irgendwo deponiert wird.

3000 gefährliche Fälle

Die während der Jahrzehnte des demografischen und wirtschaftlichen Booms entstandenen Umweltschäden haben ein neues ökologisches Bewusstsein gefördert. Das 21. Jahrhundert wird deshalb vielleicht zum Jahrhundert der grossen Umweltsäuberung.

An Arbeit fehlt es jedenfalls nicht, auch in der Schweiz. Laut Angaben des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) gibt es in unserem Land rund 50'000 verseuchte Deponien.

Es sind vor allem private Deponien oder solche von Gemeinden und Betrieben, auf denen Abfälle entsorgt und vergraben werden. Zudem wird auch Schrott von Unfall- oder Armeematerial deponiert.

Auch wenn diese Ablagen Quellen der Verseuchung und Verschmutzung sind, bedrohen sie die Umwelt oder die Gesundheit der Menschen nicht direkt. Doch in immerhin etwa fünf Prozent der Fälle ist es nötig, etwas zu tun.

"Nach unserer Einschätzung müssen in den kommenden Jahren rund 3000 giftige Deponien saniert werden", sagt Bernhard Hammer vom BUWAL gegenüber swissinfo. "Am problematischsten sind generell die Industriedeponien."

Dreifache Bedrohung

Die giftigen und chemischen Substanzen, die im Boden deponiert werden, haben für Mensch und Umwelt gleich drei negative Auswirkungen: Sie vergiften nicht nur den Boden, sondern auch das Wasser und die Luft.

"Am meisten verschmutzt durch derartige Ablagen wird sicher das Wasser: Die Giftstoffe dringen bis in die tiefen Erdschichten ein und bedrohen das Trinkwasser", erklärt Hammer.

Aus anderen giftigen Deponien strömen auch für den Menschen gefährliche Gase wie Metan aus. Auf einigen verseuchten Böden liegen Gärten, landwirtschaftliche Flächen und sogar Wohnquartiere. Beim Bau der Häuser wusste man oft nicht, dass unter dem Bauterrain eine alte Deponie lag. Oder dann wurden die Abfälle im Boden damals als nicht gefährlich taxiert.

Unvollständige Radiografie

Vor Beginn der Sanierungsarbeiten müssen die Behörden eine Karte mit den verseuchten Gebieten erstellen. Aber auch heute existiert immer noch keine vollständige "Radiografie" der Situation in der Schweiz.

Gemäss Gesetz hätten die Kantone bis Ende 2003 einen Kataster der giftigen Deponien erstellen sollen. Doch wird es noch etliche Jahre dauern, bis diese Arbeit vollendet ist. Erst dann wird es möglich sein, die Deponien mit dem grössten Risiko und die Prioritäten der Sanierung zu bestimmen.

In den besten Fällen ist vorgesehen, den Umfang des verseuchten Gebietes festzulegen und auf eine "natürliche" Ableitung zu setzen. Andernorts müssen Schutzsysteme zur Verhinderung einer neuen Verseuchung des Grundwassers errichtet werden.

In den schlimmsten Fällen wird man das Terrain entgiften und die Abfälle entfernen müssen. Das Grundwasser muss abgepumpt und filtriert werden – ein sehr kostenintensives Prozedere.

Milliarden-Ausgaben

"Diese ganze Arbeit wird über eine Generation rund fünf Milliarden Franken kosten", sagt Bernhard Hammer vom BUWAL. "Und davon muss die Öffentliche Hand etwa zwei Mrd. beitragen."

Für Greenpeace ist das lediglich eine "Minimallösung". Laut der Umweltorganisation müssten die wahren Verantwortlichen für die Umweltsünden zur Kasse gebeten werden.

"Um die Schweiz wirklich vom Giftmüll zu entsorgen, braucht es wahrscheinlich 50 Mrd. Franken", sagt Matthias Wüthrich von Greenpeace gegenüber swissinfo. "Aber das Prinzip, 'wer vergiftet, bezahlt', ist in der Schweiz auch heute noch schwer durchzusetzen. Der Fall Bonfol hat gezeigt, dass die chemische Industrie nur mit enormem Druck dazu gezwungen werden kann, die Sanierung giftiger Deponien zu finanzieren."

Die geplanten Vereinbarungen zur Sanierung von Kölliken und Bonfol könnten immerhin als Präzedenzfälle für eine entsprechende Operation auf nationale Ebene dienen – zu Lasten der Verantwortlichen.

Schutzverordnungen fast genügend

Die Schweiz verfügt seit kurzer Zeit über eine Reihe von Gesetzesverordnungen, welche ein neues kleineres oder grösseres Bonfol verhindern sollen. Seit dem Jahr 2000 ist zudem die separate Entsorgung und Verbrennung aller organischer Abfälle obligatorisch.

Mit der jetzigen Gesetzgebung ist auch Greenpeace zufrieden, allerdings mit Einwänden. Die Verbrennung von organischen Abfällen ist für die Umweltorganisation zwar akzeptabel, aber keine optimale Lösung.

"Der Ausstoss der Filter der Verbrennungsfabriken ist ein tödlicher Cocktail von giftigen Substanzen wie Dioxin. Man kann das Ganze zwar vorsichtig vergraben, aber in einigen Jahrzehnten werden diese Abfälle selbst zu einem schwierigen Erbe der Vergangenheit", sagt Mattias Wüthrich von Greenpeace.

Weiter weist er auf die negativen Auswirkungen der Globalisierung hin: "In den sogenannten Industriestaaten gibt es immer weniger industrielle Produktion. Diese wird in die Länder des Südens ausgelagert. Und jetzt haben die Menschen dort die giftigen Abfälle."

swissinfo, Armando Mombelli
(Übertragung aus dem Italienischen: Jean-Michel Berthoud)

Fakten

Schweiz: Rund 50'000 verseuchte Deponien.

3000 davon müssen in den nächsten Jahren saniert werden.

Kosten: Mindestens 5 Mrd. Franken.

In Kürze

In der Schweiz wurden besonders während der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts für Mensch und Umwelt schädliche Abfälle deponiert oder vergraben. Zehntausende von Deponien wurden durch Abfälle von Privaten, Gemeinden oder Betrieben sowie Schrott von Unfall- und Armeematerial vergiftet.

Die seit 1. Oktober 1998 in Kraft getretene Verordnung über verseuchte Deponien dient allen Kantonen als gesetzliche Grundlage für deren Wartung und Sanierung.

Gemäss dem Bundsamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) können 84% der Deponien mit Kosten von weniger als einer Million Franken saniert werden. In 15% der Fälle sind 1 bis 15 Mio. Franken nötig. Lediglich 1% gelten als schwere Fälle. Für deren Sanierung rechnet das BUWAL mit einem Aufwand von 50 bis 400 Mio. Franken.

Für die Sanierung der Deponien in Bonfol (Jura) und in Kölliken (Aargau) sind Kosten von 280 Mio. beziehungsweise 400 Mio. Franken vorgesehen.



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