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Auf den Spuren Che Guevaras


Die "E-Bike-Tagebücher" des Luca Zanetti




Luca Zanetti in der Entenschlucht. Sie trennt die Gebirgszüge der Cordillera Blanca und der Cordillera Negra in Peru. Die schmale Strasse gilt als eine der gefährlichsten Routen der Welt. (Luca Zanetti)

Luca Zanetti in der Entenschlucht. Sie trennt die Gebirgszüge der Cordillera Blanca und der Cordillera Negra in Peru. Die schmale Strasse gilt als eine der gefährlichsten Routen der Welt.

(Luca Zanetti)

Wie würde ein junger, umweltbewusster Che Guevara durch Südamerika fahren, wenn er seine historische Reise auf der "Poderosa" heute unternehmen würde? Der Schweizer Fotojournalist Luca Zanetti fuhr auf Ches Spuren, aber statt eines Motorrads benützte er ein E-Bike. Auf seiner Reise von 11'150 km schoss er 8600 Bilder.

Während sieben Monaten führte der Fotograf Luca Zanetti ein doppeltes Liebesleben, mit seiner streckenweise starken und treuen Gefährtin und der anderen Begleiterin, die durch ihren Schwung und ihre Energie verführte. Das Bett seiner Leidenschaft: Das Lateinamerika Che Guevaras.

Der Schweizer beteuert, dass er diese doppelte Romanze nie mehr wiederholen werde. Doch wenn er an die Begegnungen denkt, beisst er sich auf die Zunge: Leute, die ihm neugierig zulächelten, wenn er auf der einen sitzend und mit der anderen um den Hals gehängt vorbeifuhr. Der Geruch nasser Erde, die Meeresbrisen, grosse Ebenen, verschneite Berge und die sich der längsten Gebirgskette der Welt entlang schlängelnden Wege waren die schweigsamen Komplizen seiner Wanderfahrt.

"Sie sahen in mir einen Helden", erzählt er, wenn er sich an die Menschen erinnert, die ihn in den Städten oder in einfachen Hütten irgendwo in den Anden zwischen 0 und 5000 Metern über Meer empfingen, nachdem er seine täglichen 140 km zurückgelegt hatte. Doch wenn ihn die Neugierigen nach der verführerischsten Begleiterin fragten, verflog die Bewunderung in Sekunden.

"Es ist ein elektrisches Fahrrad", antwortete Luca. "Ah! Wie ein Motorrad", meinten sie enttäuscht - nicht wegen der Gefährtin, sondern wegen des Velofahrers, der ja nur so tat, als ob er in die Pedale treten würde. Südamerika ist eben nicht China, wo es ungefähr 200 Millionen E-Bikes gibt; auch nicht die Schweiz, wo schätzungsweise eines von sechs Fahrrädern elektrisch ist.

Doch gerade darum ging es bei diesem Abenteuer: die Unbekannte in abgelegene Gegenden und die segregierten Städte Südamerikas mit ihren Verkehrsproblemen zu bringen und zu beweisen, dass ein Schritt zu umweltfreundlicherer Mobilität möglich ist.

Auf über 3000 Meter ü.M. spürt Luca Zanetti die Müdigkeit deutlich (Pallasca/Peru). (Luca Zanetti)

Auf über 3000 Meter ü.M. spürt Luca Zanetti die Müdigkeit deutlich (Pallasca/Peru).

(Luca Zanetti)

Die andere unzertrennliche Gefährtin Lucas (45) kennen wir seit Jahren. Als er 14-jährig war, führte ihn seine Mutter in die Magie der Fotografie ein. Es war 1985 zur Zeit der sandinistischen Revolution in Nicaragua. Seither begleitet ihn seine Kamera überall hin. "Mich hat es schon immer fasziniert, unterwegs zu sein", fasst er zusammen.

Seine Fahrt nannte er "E-Bike-Tagebücher" (The E-Bike Diaries) in Anspielung an den Film "Motorrad-Tagebücher" über die Reise des jungen Che, als dieser Argentinier 1952 auf seinem Motorrad "La Poderosa" durch Lateinamerika fuhr und zu dem bekannten Revolutionär wurde. Zanetti wollte zumindest auf dem Terrain der Mobilität in dieser Gegend ebenso bahnbrechend sein wie Che bei der Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeiten.

Der Tessiner zog die Aufmerksamkeit der Presse auf sich, die ihn an einigen Orten der 11'150 km langen Fahrt durch Chile, Argentinien, Bolivien, Peru, Ecuador und Kolumbien anhielt. Die Ausbeutung fossiler Brennstoffe und die massive Wassernutzung durch den Bergbau lassen in diesen Ländern wenig Spielraum für Umweltschutz oder eine Kehrtwende zu erneuerbaren Energien.

Rettung dank Sonnenkollektor

Doch auch in unwirtlichen Gegenden, wo die Einwohner nicht den geringsten Nutzen aus der Ausbeutung der Naturschätze ziehen, gibt es "Wunder". Nach der Überquerung des 1863m hohen Passes Pino Hachado kam er im argentinischen Patagonien in eine Gegend, wo es keine Stromleitungen mehr gab. Die wichtigste wirtschaftliche Aktivität ist die Ausbeutung fossiler Brennstoffe. Die Hälfte des argentinischen Stromverbrauchs stammt aus dortigen Wasserkraftwerken.

Plötzlich tauchte ein Bauernhof mit einem Sonnenkollektor auf. "Unsere Reserven waren schon fast leer, und der Bauer erlaubte uns, die Batterien der Fahrräder aufzuladen. Mit etwas Gier schloss ich alle gleichzeitig an, und 'Paff!', alles ging aus, das Licht, der Kühlschrank... Bis etwas später eine Velolampe zu blinken begann..."

Zanetti lud schliesslich alle acht Litium-Akkus nacheinander auf. "Das war unsere Rettung! Nur in Argentinien habe ich Solarzellen gesehen. In abgelegenen Gegenden wird diese Energie in Batterien für Lastwagen gespeichert."

Ein See – heute eine Wüste

Windmühlenparks konnte er auf seiner Reise ebenfalls an den Fingern einer Hand abzählen. "Nur einige wenige in Chile", bemerkt er. Doch die schlimmste Umweltzerstörung und den traurigsten Anblick erlebte er in Oruro, Bolivien.

"Die Leiche des Sees Poopó anzuschauen und einige der Waisen der 736 Fischerfamilien zu fotografieren, die ihren Lebensunterhalt wegen der Gefrässigkeit des Bergbaus, dem Klimawandel und der Politik der Wasserversorgung verloren hatten, war einer der schwierigsten Augenblicke der ganzen Reise".

Kokablätter kauen

Während der kurvenreichen Strecken durch Bolivien und Peru kaute Zanetti ununterbrochen Kokablätter, "um den Hunger und den Durst zu vergessen". Dies brachte ihn in Kontakt zu den Menschen mit von Sonne und Kälte gegerbter Haut.

Alle fragten: "Wieviel kostet das Velo?" Da er keinen Preis angeben wollte, antwortete er, es sei ein Prototyp. "Für einen Andenbauern wäre es seltsam zu hören, dass es 5000 Dollar kostet oder so viel, wie er in seinem ganzen Leben verdient", meint der Fotograf.

"Josefino traf ich in einem Dorf im Norden Perus. Er kaute Koka-Blätter. Fotografisch gesehen ist das eines der besten Bilder, die ich auf meiner Reise gemacht habe." (Luca Zanetti)

"Josefino traf ich in einem Dorf im Norden Perus. Er kaute Koka-Blätter. Fotografisch gesehen ist das eines der besten Bilder, die ich auf meiner Reise gemacht habe."

(Luca Zanetti)

Peru war der härteste Teil der Reise. "Lastwagenfahrer haben keine Ahnung davon, was ein Velofahrer spürt, wenn sie mit mehreren Tonnen an einem vorbeidonnern, die Strasse zittert und man intensivem Luftdruck ausgesetzt ist." Einige versuchten sogar, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und an den Strassenrand zu drängen.

Doch in derselben Welt der riesigen Räder, Abgase und Verschmutzung entdeckte Zanetti auch Schönheit. Eine neue Kultur und Qualität: "Wandmalereien an den Strassenrändern oder Tankstellen, wo sich Religion mit den halbnackten Körpern von Frauen vermischt. Sie wurden zu einem der Motive meiner Linse."

Zanetti verbirgt seine Leidenschaft für Lateinamerika nicht: "Diese unglaublichen Aussichten, die man ständig vor Augen hat, geben dir das Gefühl zu sagen: Ein neues und anderes Leben ist möglich. Doch was das Bewusstsein für Umweltschutz Richtung erneuerbarer Energien angeht, war ich ziemlich enttäuscht."

Aber zumindest aus einer der Hauptstädte der Region gibt es eine gute Nachricht: "Quito hat 300 elektrische Fahrräder gekauft, um sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen", erwähnt er zurück in Zürich mit 8600 Fotografien im Gepäck.

Das waghalsige Abenteuer auf seiner "Poderosa" ist zu Ende. Zanetti steigt an einem Morgen wieder auf sein gewöhnliches Fahrrad, ohne Autos auf Sichtweite und nicht ohne Schwierigkeiten am ersten Tag der Wiederbegegnung mit der geordneten Schweiz: Eine Busse, weil er in Zürich ein Verkehrssignal nicht beachtet hat!

Sie können die Autorin dieses Artikels auf Twitter kontaktieren: @PatiIslas


(Übertragen aus dem Spanischen: Regula Ochsenbein)

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