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Diplomatie "Der Iran lechzt nach europäischer Kultur"

ein Mann auf einem Balkon vor dem Paradeplatz

Philippe Welti war früher Schweizer Botschafter in Teheran.

(Joseph Kakshouri / Schweizer Illustrierte)

Kaum einer kennt den Iran besser als Philippe Welti. Der Ex-Botschafter in Teheran findet Trumps Abkehr vom Iran unerhört. Die Schweiz müsse kulturell reagieren, sagte er kürzlich im Interview mit der "Schweizer Illustrierten".

Die Kunst, Geschichten zu erzählen, ist im Orient weitverbreitet. Auch der ehemalige Schweizer Botschafter im Iran, Philippe Welti, 69, hat diese Gabe. Er holt aus, geht weit zurück. "Meine Familie sagt immer: 'Fass dich kurz!' Falls ich abschweife, entschuldige ich mich – aber ich verspreche, ich mache es wieder", sagt er und lacht.

Herr Welti, wann waren Sie das letzte Mal im Iran?

Im Februar als Präsident der Wirtschaftskammer Schweiz-Iran, beim ersten Treffen des Gemischten Ausschusses. Es war ein sehr gutes Treffen.

Worum ging es?

Um die Umsetzung des Handelsvertrags mit der Schweiz – an dessen Entstehung ich beteiligt war. Eine lustige Erinnerung! Als ich während meiner Botschafterzeit 2005 in der Schweiz Skiferien machte, bekam ich ein Telefon aus Bern. Ich sollte Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss aufsuchen – ihn haben die Medien übrigens immer unterschätzt! Es ging um diesen Vertrag mit dem Iran. Er fragte mich, ob er ihn unterschreiben solle.

Iranischer Präsident

Der iranische Präsident Hassan Rouhani spricht in Teheran am 21. Mai 2018. 

(EPA Iranian Presidential Office)

Es gab interne Widerstände gegen die Unterzeichnung. Ich empfahl ihm: "Signez", was er offensichtlich auch im Sinn hatte. Wegen der Sanktionen gegen den Iran verschwand der Vertrag dann aber in der Schublade. Nach deren Aufhebung 2016 wurde er endlich ratifiziert. Klar ist: Der Iran ist interessiert am Handel mit der Schweiz.

Schwierige Lage im Iran

Am vergangenen Montag blieben aus Protest gegen den Verfall der iranischen Währung alle Geschäfte auf dem grossen Basar von Teheran geschlossen. Es kam zu Unruhen.

Den Iranern geht es wirtschaftlich schlecht. Der erhoffte Wirtschaftsschwung nach Aufhebung der Sanktionen im Zuge des Atomabkommens 2015 ist ausgeblieben. Der jetzige Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen sorgt für grosse Unsicherheit in der Bevölkerung. Die USA wollen dem Iran mit einem Total-Embargo beim Ölexterner Link die wichtigste Einnahmequelle nehmen. Das könnte das Land in eine schwere Krise stürzen.

Deshalb gerät jetzt der als moderat geltende Präsident Hassan Rohani unter Druck. Hardliner fordern lautstark Neuwahlen. Es gibt sogar Spekulationen über einen möglichen Putsch der gewählten Regierung durch die Revolutionsgarde.

Quelle: SRFexterner Link und Cashexterner Link

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Jetzt hat US-Präsident Donald Trump das Atomabkommen mit dem Iran gekündigt und wieder Sanktionen gegen das Land verhängt. Was bedeutet das?

Der Entscheid verbietet und bestraft Geschäfte mit dem Iran. Angesprochen ist die ganze Welt – vor allem aber die europäischen Unterzeichner des Abkommens: Grossbritannien, Frankreich, Deutschland und die EU.

Mit seinem Entscheid will Trump zeigen: Wir regieren die Welt. Ziel seiner Sanktionen ist, den Iran wirtschaftlich zu isolieren. Wer nicht mitmacht, wird bestraft. Das ist eine unerhörte Machtanmassung! Vor 150 Jahren wäre diese Provokation einer Kriegserklärung gleichgekommen.

Trump behauptet, der Iran baue heimlich eine Atombombe.

Dabei hat die Internationale Atomaufsichtsbehörde bestätigt, dass Iran das Programm eingefroren hat. Es ist die Lektion für Kim Jong-un: Wenn man die Bombe hat, ist man zwar unbeliebt, aber das Land wird nicht angegriffen. Darum wird Kim Jong-un nie abrüsten in Nordkorea.

Sie waren von 2004 bis 2008 Schweizer Botschafter im Iran. Was haben Sie für Erinnerungen?

Sehr gute! Ich lebte in einer wunderschönen Residenz in Teheran, die es heute leider nicht mehr gibt. Mit den Sanktionen ist es dem Iran wirtschaftlich immer schlechter gegangen. Im Gegensatz zu Nordkorea kennen die Iraner die Welt. Sie empfanden es, ausgeschlossen zu sein.

Präsident Rohani wusste bei seiner ersten Wahl 2013: Ich muss dafür sorgen, dass es den Leuten besser geht. Das bringe ich nur hin ohne Sanktionen. Und diese fallen nur mit Zugeständnissen im Nuklearbereich. Das war der Deal.

Haben Sie bei diesem historischen Atomdeal mitgearbeitet?

Am Anfang habe ich die Gespräche zwischen dem damaligen Staatssekretär Michael Ambühl im Auftrag von Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und der iranischen Verhandlungsdelegation eingefädelt und begleitet.

Die Rolle der Schweiz war immer speziell. Wegen der amerikanischen Interessen – nicht wegen der nuklearen! Zwar war der schweizerische Reflex: Hier droht ein Konflikt, wir wollen helfen, ihn zu entschärfen. Aber die Amerikaner wollten den Konflikt. Sie wollten immer mehr Sanktionen.

Protestierende Männer

Demonstranten protestieren auf dem Basar in Teheran.

(AP Iranian Labor News Agency, ILNA)

Bis Obama kam und es 2015 zum Atomabkommen und somit zur Lockerung der Sanktionen kam!

Ja, aber das war nach meiner Zeit!

Wie hat das Abkommen das Land verändert?

Es hat schon eine Lockerung gebracht. Im Strassenbild zum Beispiel. Frauen, die Kleidervorschriften lockerer nehmen. Auch das Gefühl der Menschen hat sich verändert. Viele meiner Freunde sagten: Es wird jetzt einfacher.

Iranischer Präsident Hassan Rohani in der Schweiz

Auf Einladung des Schweizer Bundesrats besucht der iranische Präsident heute und morgen Dienstag die Schweiz. Laut einer Mitteilung des Aussendepartements (EDA) haben sich die Beziehungen zwischen der Schweiz und Iranexterner Link in den vergangenen Jahren vertieft, und es sei Ziel beider Seiten, diese positive Entwicklung in die Zukunft fortzuschreiben.

An den offiziellen Gesprächen werden am Dienstag auf Schweizer Seite der Bundespräsident Alain Berset, der Vizepräsident des Bundesrates Ueli Maurer, Bundesrätin Simonetta Sommaruga und Bundesrat Johann Schneider-Ammann teilnehmen.

Im Zentrum des Besuchs stehen die jüngsten Entwicklungen um das Iran-Nuklearabkommen. Auch die Schutzmachtmandate – die Schweiz vertritt seit 1980 die Interessen der USA im Iran sowie seit Kurzem die iranischen Interessen in Saudi-Arabien und vice versa – werden zur Sprache kommen. Laut Mitteilung des EDA steht auch die Frage auf der Agenda, wie angesichts der Wiedereinführung der US-Sanktionen gegen Iran die bilateralen Beziehungen weiterentwickelt werden können.

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Wieso setzen Sie sich für ein Land ein, dessen Mullah-Regime Kritiker verhaftet und jegliche Freiheit im Internet unterdrückt?

Ich setze mich für ein 80-Millionen-Volk mit einer 2500 Jahre alten Geschichte ein, das sehr liebenswürdig ist und uns mental und kulturell nahesteht.

Inwiefern nahesteht?

Die Iraner sind ein indogermanisches Volk in einer nicht indogermanischen Umgebung. Das sieht man nur schon ihrer Sprache Farsi an. Sie erkennen die indogermanischen Stämme und Endungen. Die Iraner lieben Europa und denken europäisch. Aber sie lieben – leider – auch Amerika.

Obwohl die USA sie so behandeln?

Das ist ja das Groteske. Auf der einen Seite haben Sie ein Volk, das Tag und Nacht von Amerika träumt. Auf der anderen Seite haben Sie eine Regierung, die eine antiamerikanische Rhetorik pflegt. Im restlichen Orient ist Amerika verpönt, aber die Regimes sind mit den USA verbündet.

Stärkt Trumps Entscheid die Mullahs im Iran?

Die Moscheen sind fast leer. Unter der Herrschaft der Mullahs sind die Menschen säkularer denn je geworden.

Was sagen Sie Schweizer Unternehmern, die im Iran aktiv sind?

Wenn sie ihre Firmen in den USA vor Trump schützen wollen, müssten sie mit dem Iran-Geschäft aufhören.

Die 120 Züge von Peter Spuhlers Stadler Rail können also nicht mehr nach Teheran geliefert werden?

Ich weiss nicht, was Peter Spuhler macht. Er könnte auf das Geschäft mit den USA verzichten. Allerdings hat er dort auch eine Fabrik gebaut. Ihn triffts daher besonders hart. Eigentlich haben nur die Firmen eine Chance, die sich nicht zwischen dem amerikanischen und dem iranischen Markt entscheiden müssen. Und das sind bei uns nicht viele.

Müssen Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann und Aussenminister Ignazio Cassis jetzt nicht bei Trump intervenieren?

Die schweizerische Exportwirtschaft hat im Moment keine Gestaltungsfreiheit. Die Blicke bleiben auf die nächsten Schritte der europäischen Regierungen und der EU gerichtet. Falsch wäre jetzt aber, wenn der Bundesrat nichts tut und die bilateralen Beziehungen zum Iran nicht mehr pflegt.

Könnte die Schweiz wenigstens kulturell im Iran Zeichen setzen?

Der Iran lechzt nach europäischer Kultur. Kulturell kann die Schweiz viel Inspiration bieten. Es ist schön, als Botschafter in Iran kulturelle Initiativen zu ergreifen; ich habe viel machen können. Wenn ich im Iran einen Anlass organisierte, kamen alle und nahmen noch den Cousin mit. Zwar kamen alle eine Stunde zu spät, aber sie kamen.

Dann sollte der Kulturminister Alain Berset in den Iran!

Er könnte die Kulturschaffenden zumindest ermuntern, etwas zu tun. Das gilt übrigens auch für die Wissenschaft. Auch hier gibt es viele Verbindungen zum Iran. Allerdings findet die wissenschaftliche Kooperation wieder ein Ende, wo IBM den iranischen Studenten in der Schweiz sagt, sie dürfen ein Hightech-Labor nicht benutzen. Alles unter der psychotischen Einstellung: Wer dort ins Labor läuft, geht raus und baut eine Atomwaffe.

Iran, Israel, Saudi-Arabien: Nahost ist ein Pulverfass. Das macht den Leuten Angst, auch in der Schweiz.

Der Entscheid von Trump hat die Situation im Nahen Osten wesentlich verschärft. So hält er ein Terroristenreservoir am Leben. Alle müssen Angst haben. Auch die Amerikaner. Kurzfristig verlieren alle, die von den Sanktionen betroffen sind. Langfristig zahlt Amerika einen Preis.

Welcher ist das?

Es gibt kein Land, das offensichtlich so vertragsuntreu ist wie die USA, es gibt keinen Allianzpartner, der so unzuverlässig ist wie die USA. Das ist eine Lektion für die Welt. Kim Jong-un wird sich das auch merken. Darum müssen sich die Europäer neu erfinden im strategischen Denken.

Was hat die Schweiz für einen Ruf im Iran?

Einen grossartigen! Wir haben die nettesten Leute, die besten Maschinen, die beste Wissenschaft, wir sind die Grosszügigsten. Wir sind ein Traumland!

Obwohl wir seit 1980 im Iran die Interessen der USA vertreten?

Ja, die Regierung ist sehr froh, dass die Schweiz diese Interessen vertritt!

Vielleicht veranlasst diese Rolle Trump dazu, bei der Schweiz ein Auge zuzudrücken?

Nein, das glaube ich nicht.

Schweizer Illustrierte

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