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Entscheidungen am Lebensende


Warum hinkt Schweiz bei Palliative Care hinterher?




Die Pflege von sterbenden Menschen ist ein schwieriges aber wichtiges Thema. (AFP)

Die Pflege von sterbenden Menschen ist ein schwieriges aber wichtiges Thema.

(AFP)

In der Schweiz wird palliative Pflege erst seit Kurzem gefördert. Der Fokus lag bisher auf Heilung, Akutmedizin sowie assistiertem Suizid als Optionen am Lebensende. Nun könnte die Gründung einer Professur für Palliative Care den Weg für diese im Ausland etablierte Alternative ebnen.

Die Universität Bern ernannte dieses Jahr Steffen Eychmüller zum Professor für Palliative Care – es ist erst die zweite solche Professur in der Schweiz. swissinfo.ch traf ihn am Zentrum für Palliative Care am Universitätsspital Bern, das er leitet.

Es ist offensichtlich, dass der erfahrene Mediziner leidenschaftlich für seinen Job lebt. Der Bedarf an Palliative Care – die Beratung, Begleitung und Versorgung unheilbar kranker Menschen und ihrer Angehörigen – wird zunehmen, da die Bevölkerung altert. Ebenso zunehmen werden die Kosten. Diese können aber gesenkt werden, wenn Palliative Care gut geplant wird, so wie in anderen Ländern.

swissinfo: Warum hinkt die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern hinterher, was Palliative Care anbelangt?

Steffen Eychmüller: In der Schweiz wird grosser Wert auf Akutmedizin und Heilbehandlungen gelegt. Wir haben Zugang zu den teuersten und technologisch modernsten lebensverlängernden Massnahmen.

Dem Bereich chronische Krankheiten und Langzeitpflege wurde weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Das liegt möglicherweise am zerstückelten Gesundheitssystem: Die Spitäler bilden wirtschaftliche Einheiten, Langzeitpflege wird meist durch privat bezahlte Pflegeheime und die spitalexterne Betreuung (Spitex) erbracht. Die Schweiz hat sehr wenige Hospize.

Man erwartet in der Schweiz, dass die Spitäler sämtliche Gesundheitsprobleme managen und lösen. Es gibt keine zentralisierte Verantwortlichkeit für alle Gesundheitsinstitutionen wie in einem staatlichen Gesundheitsdienst.

Der zweite Bericht des britischen Magazins The Economist über "die Qualität des Sterbens" in verschiedenen Ländern zeigte letztes Jahr, dass die Schweiz sich verbessert hat: Sie ist von Position 19 auf Rang 15 vorgerückt. Aber der Index zeigt auch, dass andere Länder [Grossbritannien, Australien] besser sind. Diese besser bewerteten Länder haben tendenziell staatliche Gesundheitsdienste.

swissinfo: Was haben diese Länder sonst noch, was der Schweiz bezüglich Palliative Care fehlt?

S.E.: Erfahrung. In Ländern wie Grossbritannien hat Palliative Care eine 30-jährige Geschichte und stösst bei den Leuten auf grosse Akzeptanz. In der Schweiz kam palliative Pflege erst in den letzten sechs Jahren auf, aber ich bin zuversichtlich, dass sie mit der Zeit normal wird und von Patienten und ihren Familien nicht als Ende jeder Hoffnung wahrgenommen wird, sondern als qualitativ hochstehende Pflege.

swissinfo: Also kann man sagen, dass das Lebensende und der Tod in der Schweiz immer noch ein Tabu sind?

S.E.: Das Lebensende ist in der Schweiz kein Tabu, denn Medien und Politiker debattieren sehr engagiert über Sterbehilfe. Es geht um Autonomie und darum, wie das Leben in Würde beendet werden kann. Wenn man sieht, dass in grossen Institutionen wie in Spitälern kein würdiges Sterben möglich ist, dann ist man natürlich froh um Alternativen wie den ärztlich assistierten Suizid.

Viele haben das Gefühl, nur zwischen dem assistierten Suizid (sei es durch Ärzte oder die Sterbehilfe-Organisation Exit) auf der einen Seite und endlosem Leiden in Gesundheitsinstitutionen auf der anderen Seite wählen zu können. Dies kann sich ändern, wenn man Möglichkeiten sieht, mit Freunden, Familie und Fachleuten ein würdiges Ende zu gestalten – und dabei von Palliative Care unterstützt wird.

swissinfo: Würden Sie also sagen, dass die in der Schweiz breit akzeptierte Sterbehilfe die Meinung der Leute über Palliative Care beeinflusst?

S.E.: Ich kann es nur vom Standpunkt aus beurteilen, dass wir meist zu öffentlichen Diskussionen eingeladen werden, bei denen Palliative Care mit ärztlich assistiertem Suizid verglichen wird, auch weil dies leidenschaftlichere Diskussionen verspricht.

Aber ich denke, dass dies eine sehr beschränkte Sicht darauf ist, was das Lebensende in unserer Gesellschaft sein könnte und sollte. In Asien wird das Lebensende als Höhepunkt unseres Lebens wahrgenommen, und sterbenden Menschen wird grosser Respekt entgegengebracht. In der Schweiz hingegen wird das Lebensende nicht als beste Phase des Lebens empfunden, und ihr wird auch nicht die grösstmögliche Wertschätzung und Würde entgegengebracht.

Assistierter Suizid

Das Schweizer Gesetz erlaubt Suizidbeihilfe, wenn der Patient die Tötung selbst vornimmt und der Helfer nicht vom Tod des Patienten profitiert. Meist wird die Hilfe von Organisationen wie Dignitas und Exit erbracht.

Ärztlich assistierter Suizid ist in der Schweiz erlaubt, nicht aber Tötung auf Verlangen. Gemäss einer Studie wurde 2013 in der Deutschschweiz bei vier von fünf erwarteten Todesfällen irgendeine Form von Sterbehilfe angewandt. Meist waren es Therapieabbruch oder Verzicht auf eine Behandlung, manchmal die Erhöhung von schmerzlindernden Medikamenten wie Morphium. In den meisten Fällen wurde dies im Einvernehmen mit Patienten und deren Familien getan.

swissinfo: Was kann getan werden, um Palliative Care zu fördern? Eine umfassende nationale Strategie scheint in Anbetracht des zerstückelten Gesundheitswesens unrealistisch.

S.E.: Sie haben Recht. Das ist eine politische Frage, die wir Leistungserbringer nicht gross beeinflussen können. Es ist klar, dass in nationalen Gesundheitsdiensten die Verantwortlichkeit für alle Teile des Gesundheitssystems grösser ist. Ich denke, dass ein gemischtes System für Palliative Care geeignet wäre: Man könnte Anreize für Netzwerke für die Pflege von chronisch Kranken schaffen, das Gesundheitssystem vereinheitlichen, aber die Akutmedizin wenn nötig behalten. So könnte man von beiden Systemen das Beste nehmen.

swissinfo: Was hat Sie persönlich motiviert, in die Palliative Care zu gehen?

S.E.: Es ist ein faszinierender Teil der Medizin, wo man wirklich Humanmedizin machen kann. Man ist sehr mit medizinischen Problemen beschäftigt, und manchmal ist es sehr komplex. Auf der anderen Seite hat man eine Person, eine Lebensgeschichte, die Familie, und man versucht, gemeinsam den besten Weg zu finden.

Die Leute staunen immer, dass das Personal in der Palliative Care nicht traurig ist, und dass Burnouts ein seltenes Phänomen sind. Es liegt etwas Bedeutungsvolles in der Tätigkeit, auch für uns. Die Arbeit ist nicht oberflächlich, und das ist meiner Meinung nach ein Privileg.

Wie denkt man in Ihrem Land über Palliative Care? Schreiben Sie es uns in den Kommentaren.

Die Professur

Steffen Eychmüller ist seit dem 1. Februar 2016 Professor für Palliative Care an der Universität Bern. Es ist die einzige Professur für dieses Fach in der Deutschschweiz. Es gibt einen zweiten Lehrstuhl für Palliative Care in Lausanne. Die Professur in Bern kostet 3 Millionen Franken und wird von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) und dem Krankenversicherer Helsana finanziert. Laut Eychmüller ist seine Stelle dennoch unabhängig.

Gemäss Eychmüller ist die zweite Schweizer Professur ein ziemlicher Erfolg, wenn man bedenkt, dass es erst seit sechs Jahren eine nationale Strategie für Palliative Care gibt. Er findet, dass weitere Lehrstühle und akademische Stellen für Fachleute mit einem anderen fachlichen Hintergrund geschaffen werden müssten (beispielsweise Soziale Arbeit oder Psychologie). Laut Eychmüller ist die Schweiz ein "Entwicklungsland" was Palliative Care anbelangt.

Die nationale Strategie dauerte von 2010 bis 2015. Ab 2017 wird eine nationale Plattform in Betrieb genommen, bestätigt das Bundesamt für Gesundheit gegenüber swissinfo.ch. Das Ziel ist Koordination und Austausch zwischen den verschiedenen Akteuren im Bereich Palliative Care. "Jeder sollte am Ende des Lebens Zugang zu Palliative Care haben", sagt das Bundesamt für Gesundheit.



(Übertragung aus dem Englischen: Sibilla Bondolfi), swissinfo.ch



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