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Frau Merkel kommt nicht jeden Tag zum Kaffee

(swissinfo.ch)

Seit Mai 2006 ist Christian Blickenstorfer Schweizer Botschafter in Berlin. Dort sieht er seine Hauptaufgabe darin, "die in fast allen Bereichen ausgezeichneten" Beziehungen zu fördern.

Der Diplomat war schon fast überall auf der Welt Botschafter. Sein Job in Berlin ist der erste in Europa und in einem Nachbarland.

swissinfo: Bundeskanzleramt und Reichstag sind Ihre Nachbarn. Bringt dieser Standort der Schweiz konkrete Vorteile?

Christian Blickenstorfer: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel komme jeden Morgen zum Kaffee, aber der Standort ist als Arbeitsinstrument grossartig.

So hatten wir heute morgen ein Parlamentarier-Frühstück mit den Mitgliedern des Finanzausschusses und der Bankiervereinigung. In Washington wäre so etwas undenkbar gewesen, weil dort die räumliche Distanz zu gross ist. Hier aber sind alle Eingeladenen gekommen.

Mit dem Kanzleramt pflegen wir ausgezeichnete Beziehungen. Es gibt ein gewisses nachbarschaftliches Verhältnis.

swissinfo: Wie lebt es sich denn in diesem politischen und diplomatischen Biotop?

C.B.: Ja, es ist ein "Regierungsbiotop" und damit als Wohnlage schon etwas gewöhnungsbedürftig. Wir sind ja die einzigen, die im Zentrum dieses "Biotops" wohnen.

swissinfo: Können Sie denn am Wochenende überhaupt aus der Wohnung, ohne angesprochen zu werden?

C.B.: Nein. Vor allem seit der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofs kommen jedes Wochenende Tausende hier ins Quartier. Und wenn man raus geht, wird man sofort angesprochen von Leuten, welche gehört haben, in der Botschaft habe es spezielle Verzierungen an den Decken.

Von den Ausflugschiffen auf der Spree und den Sightseeing-Bussen aus ist unser Gebäude ja nicht zu übersehen. Es ist zudem das älteste Gebäude in der Gegend. Deshalb möchten die Leute es dann auch von innen besichtigen, was aus logistischen und Sicherheitsgründen jedoch nicht möglich ist.

swissinfo: Welche Kontakte haben Sie mit den Auslandschweizern in Deutschland?

C.B.: Wir haben sehr viel Kontakt mit Schweizern. Ob die jedoch noch dem klassischen Auslandschweizer-Bild entsprechen, bleibt dahingestellt.

Berlin ist ja ein wenig zur Kulturhauptstadt mindestens der deutschen Schweiz geworden. Wir gehen davon aus, dass rund 2000 Schweizer Kulturschaffende hier leben. 18 Kantone haben ihre Ateliers und stellen diese Stipendiaten zur Verfügung. Zu ihnen suchen wir bewusst den Kontakt.

Daneben haben wir auch intensive Kontakte zu den zahlreichen, im Grossraum Berlin lebenden Wissenschaftern.

Schliesslich haben wir auch regelmässige Kontakte mit der Wirtschaft. Dies, obschon Berlin ja nicht das Zentrum der deutschen Wirtschaft ist. Vielleicht war es unrealistisch, zu meinen, dass Berlin als neue Hauptstadt auch wieder Mittelpunkt der Wirtschaft werde.

swissinfo: Inwiefern beschäftigt Sie der Steuerstreit zwischen der Schweiz und der EU?

C.B.: Wie Sie richtig sagen, ist es ja nicht ein Streit zwischen der Schweiz und Deutschland. Aber es ist nur ein kleines Geheimnis, dass die Deutschen an der Position der EU kräftig mitgearbeitet haben.

Der Streit beschäftigt uns nicht direkt, aber in meinen Vorträgen erkläre ich regelmässig den Unterschied der Steuersysteme und auch, dass die Kantone den Steuerwettbewerb untereinander pflegen.

Dabei stosse ich bei vielen Deutschen auf Verständnis. Die meisten sagen: "Ändert ja nichts".

swissinfo: Zeichnen sich in der Auseinandersetzung um den Fluglärmstreit Lösungen ab?

C.B.: Wahrscheinlich wäre ich bereits zweimal befördert worden, wenn ich in dieser Frage schon Lösungen hätte. – Ich denke, auf deutscher Seite und vor allem auch in Berlin, sollte man nicht unterschätzen, wie stark der Fluglärmstreit zu einem irritierenden Element in den Beziehungen geworden ist. Und das nicht nur in den Beziehungen zwischen Zürich und Baden Württemberg, sondern auch zwischen Bern und Berlin.

Dennoch: Die Hauptirritation war ja, dass sich die deutsche Regierung lange dem Gespräch verweigert hat. Das ist nun nicht mehr so, seit sich die beiden Verkehrsminister getroffen und sich eingehend mit dem Problem befasst haben.

Nun geht es darum, auf technischer Ebene Lösungen zu finden. Das wird ein langer Weg sein, denn Fluglärm ist an sich unpopulär.

swissinfo: Sie waren schon überall auf der Welt. Was machen Sie nach Berlin?

C.B.: Wenn alles wie vorgesehen läuft, werde ich im Frühjahr 2010 pensioniert. Dann werden meine Frau und ich an den Zürichsee ziehen, wo wir herkommen.

swissinfo-Interview: Andreas Keiser, Berlin

Christian Blickenstorfer

1945 in Horgen am Zürichsee geboren.

Trat 1974 nach einem Studienabschluss (Dr. phil I) an der Universität Zürich in den Dienst des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten.

1980 wurde er nach Bangkok und 1983 nach Teheran versetzt, wo er 1985 zum Botschaftsrat befördert wurde.

1985: Ernennung zum stellvertretenden Chef der Politischen Abteilung II.

1989: Minister und erster Mitarbeiter des Missionschefs in Washington.

1993: Botschafter im Königreich Saudi-Arabien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Sultanat Oman und in der Republik Jemen, mit Sitz in Riad.

1997: Chef der Politischen Abteilung II in Bern.

2000: Botschafter und Chef der Politischen Direktion.

2001 - 2006: Botschafter der Schweiz in den USA.

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