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Generation E, Porträts von jungen Auswanderern


"Nach dem Erasmus-Jahr kam die Liebe und hat alle Grenzen niedergerissen"


Von Jacopo Ottaviani


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Diogo Matos, 36-jährig, Architekt aus Portugal, lebt und arbeitet seit 2009 in Genf. Hier lernte er Ariane, eine 28-jährige Schweizer Ärztin, kennen. Dank der Beziehung konnte er sich bestens ins soziale Leben integrieren.

"Anfangs dachte ich, wiederum nur für eine kurze Zeit in der Schweiz zu bleiben. Doch dann geschahen ein paar Dinge und ich blieb", erzählt Diogo Matos. (Generation E)

"Anfangs dachte ich, wiederum nur für eine kurze Zeit in der Schweiz zu bleiben. Doch dann geschahen ein paar Dinge und ich blieb", erzählt Diogo Matos.

(Generation E)

"Ich verliess Portugal nicht wie viele andere, um eine Arbeit zu suchen: Die Firma, für die ich arbeitete, wollte im internationalen Markt expandieren. So eröffnete sie neben Büros in London, Madrid und São Paulo auch noch eines in Genf, wohin ich dann gezogen bin."

Diogo Matos ist 36-jährig. Er stammt aus Porto, der zweitgrössten Stadt Portugals, wo er sein Architekturstudium abschloss und nach Genf kam. Hier arbeitet er seit 2009 als Projektmanager bei einer Produktionsfirma für minimalistische Design-Fenster. 

Offen sein für andere Kulturen

"Das Erstaunlichste für mich war, dass die Völker in Europa sich ähnlich sind. Eigentlich erwartet man, dass die Witze, die Geschmäcker, die Mode und die gesellschaftlichen Regeln sehr unterschiedlich sind, aber dem ist nicht so."

Wie für viele andere Auswanderer aus Südeuropa, die heute in der Schweiz leben, war dies nicht die erste Erfahrung im Ausland, sondern das Resultat eines langen und verschlungenen Weges mit verschiedenen Stationen. "Als Junge besuchte ich die deutsche Schule in Porto. Dadurch konnte ich mich mit einer anderen Kultur und Sprache vertraut machen. Während meines Studiums bewarb ich mich dann für ein Erasmus-Auslandjahr und erhielt ein Stipendium für ein Jahr in Berlin."

Das Erasmus-Programm, das seit 1987 den kulturellen Austausch für mehr als drei Millionen Studierende in Europa fördert, hatte einen grossen Einfluss auf ihn. Diogo erging es wie vielen anderen nach ein oder zwei Semestern im Ausland. Nach seiner Heimkehr konnte er es kaum erwarten, wieder zu gehen.

"Das Erasmus-Auslandjahr war meine erste Erfahrung als Erwachsener. Ich lernte Leute aus verschiedenen Ländern und verschiedener kultureller Herkunft kennen. Dies hat meinen Umgang mit anderen Kulturen verändert. Die zwölf Monate in Berlin haben die nationalen Grenzen in meinem Kopf eingerissen. Das Erstaunlichste für mich war, dass die Völker in Europa sich ähnlich sind, und das stelle ich auch hier in der Schweiz fest: Vieles haben sie gemeinsam. Eigentlich erwartet man, dass die Witze, die Geschmäcker, die Mode und die gesellschaftlichen Regeln sehr unterschiedlich sind, aber dem ist nicht so."

Wieder zurück in Portugal, getragen von den Emotionen des Erasmus-Aufenthaltes, entschied sich Diogo für ein Praktikum im Ausland. So kam er nach Basel, einer wichtigen Stadt für Architektur, und zu ersten Erfahrungen mit der Schweiz. Doch auch dieses Mal ging er nach Ende des Praktikums wieder zurück nach Portugal und verspürte schon kurz danach wieder den Wunsch wegzugehen. Als seine Firma begann, überall auf der Welt Büros zu eröffnen, landete er wieder in der Schweiz, diesmal in Genf.

Bleiben wegen der Liebe

"Anfangs dachte ich, wiederum nur für eine kurze Zeit in der Schweiz zu bleiben. Doch dann geschahen ein paar Dinge und ich blieb. In Portugal habe ich meine Familie, doch hier habe ich meine Verlobte, Ariane, getroffen."

So trat die Liebe ins Leben von Diogo. "Ich begegnete Ariane an einem Grillabend mit Freunden, und es war sofort um mich geschehen. Sie ist eine wunderschöne und extrem intelligente Frau. Es war unmöglich, ihr zu widerstehen", beschreibt Diogo mit bewegter Stimme das Entstehen seiner Liebesgeschichte. "Sie ist Schweizerin, doch die Tatsache, dass sie eine andere Nationalität als ich hat, war nie ein Problem. Zu Beginn sprach ich kein Französisch, und die Kommunikation war etwas kompliziert. Wenn mir ein Wort nicht in den Sinn kam, sagte ich es auf Deutsch oder Englisch. Doch mit der Zeit, und auch dank der Geduld von Ariane, fing ich an, Französisch zu sprechen" erklärt Diogo. "Ich denke, dass wir beide sofort gemerkt haben, dass diese Geschichte länger dauern wird, deshalb haben wir Französisch als gemeinsame Sprache gewählt, weil eine andere Sprache weder meine noch ihre, noch die des Ortes, indem wir leben, gewesen wäre.“

Ariane, 28-jährig und Ärztin in Genf, stellte Diogo ihren Freunden vor und begünstigte so die Integration von Diogo ins gesellschaftliche Leben der Stadt.

"Durch meine Freundin konnte ich viele Freundschaften aufbauen. Dazu muss man sagen, dass viele der Ausländer in Genf in internationalen Organisationen oder Nichtregierungs-Organisationen arbeiten und deshalb nur vorübergehend hier leben. Mit ihnen ist es schwieriger, eine Freundschaft aufzubauen.”

Die Erfahrung mit "arroz de cabidela"

Wenn einmal die sprachlichen Barrieren überwunden sind, verwandeln sich die kulturellen Unterschiede für binationale Paare oft zu einer bereichernden Chance. "Meine Eltern lieben es, wenn Ariane da ist, so können sie ihr Französisch, das sie in der Schule gelernt haben, wieder auffrischen. Klar, vielleicht war es nicht gerade die beste Idee, bei Arianes erstem Besuch bei uns zu Hause "arroz de cabidela" (ein portugiesisches Gericht aus Reis und Huhn, das im eigenen Blut gekocht wird) aufzutischen, doch sie ist damit gut zurechtgekommen," erinnert sich Diogo schmunzelnd.

"Neben der kleinen Konfusion beim Begrüssungsritual – in Portugal küsst man sich ein oder zweimal, auch wenn man sich nicht gut kennt – haben wir bei den wichtigsten Fragen nie eine kulturelle Kluft empfunden," betont Diogo.

"Im Gegenteil, ich glaube es ist eine schöne Gelegenheit, sich gegenseitig zu bereichern. Wie es für die Schweizer und Schweizerinnen typisch ist, gefällt es Ariane, alles im Voraus zu planen, mir aber nicht. Im Lauf der Zeit haben wir uns einander angenähert: Heute plane ich mein Leben ein bisschen mehr, sie hingegen lässt es etwas mehr laufen, weil sie mittlerweile weiss, dass sich Dinge manchmal ganz von alleine ergeben. Bei einer Sache sind wir uns aber einig: In der Schweiz fühlen wir uns wohl, und im Moment können wir uns nicht vorstellen, anderswo zu leben.” 

Kontaktieren Sie den Autor via Twitter @JacopoOttaviani

Als Spezialist für Datenjournalismus schreibt Jacopo Ottaviani für internationale Zeitungen wie The Guardian, Al Jazeera International, El Pais und in Italien für die ausführliche Wochenzeitung Internazionale. Im Jahr 2015 erhielt er verschiedene Preise für das Projekt E-waste Republic, einer Reportage über den Elektroschrottmarkt in Ghana und anderen Gegenden der Welt.  2014 beteiligte er sich am Projekt The migrants files, einem internationalen Datenjournalismus-Projekt über die Migration in Europa. Im gleichen Jahr koordinierte er Generation E, das erste Crowdsourcing-Projekt zur europäischen Jugend-Abwanderung. Dieser Artikel wurde realisiert dank gesammelten Daten über die Generation E.  

Haben auch Sie sich dazu entschlossen, in die Schweiz auszuwandern? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte per Kommentar!


(Übertragung aus dem Italienischen: Christine Fuhrer)

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