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Später Kindersegen


Mutter über 50 – was spricht dafür, was dagegen?




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Späte Mütter: Annie Leibovitz, Margarita Louis-Dreyfus (mit Philipp Hildebrand), Gianna Nannini (Keystone, getty, Keystone)

Späte Mütter: Annie Leibovitz, Margarita Louis-Dreyfus (mit Philipp Hildebrand), Gianna Nannini

(Keystone, getty, Keystone)

Letztes Jahr haben in der Schweiz gut dreissig über 50-jährige Frauen ein Kind zur Welt gebracht. Drei Neugeborene hatten gar eine Mutter, die bereits den 60. Geburtstag hinter sich hat. Ärzte zeigen sich besorgt über diesen "Modetrend". 

Das Durchschnittsalter für Mütter bei der Geburt eines Kindes liegt in der Schweiz bei rund 32 Jahren. Die vereinzelten Fälle von Müttern über 50 führt aber zu kontroversen Diskussionen. Ist die Kritik berechtigt? Und soll der Gesetzgeber regulieren? Auch in der Redaktion von swissinfo.ch sind die Meinungen gespalten.

Nein, schreibt Larissa M. Bieler, Chefredaktorin von swissinfo.ch

Der Aufschrei ist gross, die Verwunderung ebenso. Frauen mit späten Schwangerschaften müssen viel Kritik einstecken, werden medial und öffentlich mit Häme übergossen. Schämen sollten sie sich. Doch wofür eigentlich? 

Medizinisch gesehen ist eine Schwangerschaft im Falle der Verwendung junger Eizellen weitgehend unabhängig vom Alter der Frau. Die älteste Schweizerin war 66 Jahre alt, als sie Zwillinge nach Eizell- und Samenspende gebar und die älteste Spanierin 72. Die älteste Frau stand gemäss Medienberichten bei der Geburt ihrer Zwillinge in ihrem achten Lebensjahrzehnt. Ebenfalls nach einer Eizellspende. Zwei Jahre später ist sie gestorben.

Und hier kommt die Pseudo-Moralkeule, die man immer wieder gerne schwingt, wenn die Gesellschaft überfordert ist und nicht mehr weiss, wie sie mit der individuellen, mit der sich selbst ermöglichten Freiheit und den darin entstehenden Wünschen umgehen soll. Sollen wir unsere Freiheiten in jedem Fall maximal ausnützen? Soll die Selbstbestimmung das absolute Ideal unserer Gesellschaft sein?

Die Problematik wirft heikle ethische und psychologische Fragen auf. Wir kennen solche ethischen Dilemmas auch aus anderen aktuellen Debatten. Dem assistierten Suizid beispielsweise, der Adoption für Gleichgeschlechtliche, der Sterilisation für Behinderte und eben auch der Schwangerschaft im Alter. Zwischen "medizinischer Machbarkeit" und "ethischer Verantwortlichkeit" gibt es einen Graben.

Aber, und hier kommt der wesentliche Punkt: Es gibt keine Norm, wie man diese ethische Verantwortung richtig ausführt. Eine Frau soll nicht nur für sich entscheiden dürfen, weil sie ein wehrloses und von ihr abhängiges Kind gebärt? Den Müttern werden Selbstsucht und Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Das Argument des Kindswohls aber verfälscht die Debatte. Kindswohl kann man nicht definieren. Macht es eine 20-jährige Frau besser als eine 60-Jährige? Macht es eine Lesbe besser als eine Heterosexuelle?

Die ethische Verantwortung ist eine andere. Es ist diejenige für sich selbst. Und für einen sorgfältig abgewogenen, begleiteten und immer ganz bewussten Entscheid. Frauen haben heute ein sehr viel unabhängigeres Leben von herrschenden Vorurteilen, Klischees und gesellschaftlicher Vorstellung. Früher musste es ja ein Kind sein, heute lösen sich die Frauen von solch einengenden Imperativen und Normen – und setzen ihren eigenen Körper nach ihren eigenen Wünschen ein. Und das ist richtig so.

Ja, meint Reto Gysi von Wartburg, stv. Chefredaktor von swissinfo.ch

Die persönliche Freiheit, Kinder zu haben, wann es beliebt, ist ein wertvolles Gut. Und selbstverständlich gibt es Umstände, die eine Familiengründung weit in der zweiten Lebenshälfte sinnvoll erscheinen lassen: Eine berufliche Karrierechance stand im Weg, der geeignete Partner oder die Partnerin liess auf sich warten oder der Kinderwunsch hat sich erst später bemerkbar gemacht.

Dennoch: Am höchsten ist das Wohl des Kindes zu gewichten. Ein Kind hat das Recht auf Eltern, idealerweise auf Eltern, die der Aufgabe gewachsen sind und wenigstens einigermassen mit dem Energieniveau der Sprösslinge mithalten können. Sind Eltern bei der Geburt ihres Kindes über 50, gehen sie in Rente, noch bevor ihre Tochter oder ihr Sohn die Schule verlässt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind von Eltern, die bei seiner Geburt über 50 waren, den 20. Geburtstag alleine - ohne den Vater oder die Mutter - feiern muss, ist mehr als fünf Mal höher, als wenn die Eltern bei der Geburt dreissig gewesen wären.

Nicht nur die Gefahr, früh als Waisenkind dazustehen, ist höher. Auch das Risiko, dass die Mutter oder der Vater schwer erkrankt oder pflegebedürftig wird, wenn das Kind noch jung ist, ist wesentlich grösser. Damit geht selbstredend ein grosser Einschnitt mit den eigentlich unbelasteten Jugendjahren einher. Ebenso wird den Kindern allenfalls die Möglichkeit geraubt, ihre Grosseltern – häufig ganz wichtige Bezugspersonen – kennenzulernen.

Eigenverantwortung und gutes Abwägen der Risiken ist in dieser Frage jedoch wichtiger als Regulierung. Männern erlaubt die Natur eine Vaterschaft sogar in wesentlich höherem Alter, und Frauen finden im nahen Ausland legale Möglichkeiten, ihr Mutterglück zu finden. Der Gesetzgeber hat sich trotzdem Gedanken dazu gemacht, wie alt Eltern sein sollten: Im Schweizer Adoptionsrecht ist festgelegt, dass der Altersunterschied zwischen Eltern und Kind im Regelfall 45 Jahre nicht überschreiten soll.

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