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Hochpreisinsel Schweiz


Starker Franken höhlt Konsumentenvertrauen aus


Von Simon Bradley, Genf


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Der Big Mac Index bringts an den Tag: Auch Hamburger sind in der Schweiz ein teueres Vergnügen. (swissinfo.ch)

Der Big Mac Index bringts an den Tag: Auch Hamburger sind in der Schweiz ein teueres Vergnügen.

(swissinfo.ch)

Die Schweiz ist das teuerste Land Europas, wie jüngst ein Vergleich ergab. Im Big-Mac-Index, der aufgrund des Preises des Hamburger-Klassikers von McDonald's erstellt wird, ist die Schweiz gar die weltweite Nr. 1. swissinfo.ch hat sich in Genf umgeschaut und Bewohner gefragt, wie sie mit dem starken Franken und den exorbitant hohen Preisen klarkommen.

Vor dem "McCafé" in der Rue du Mont-Blanc treffe ich auf Matt und seine Familie. Soeben haben die Briten, die ihre Ferien auf dem Festland verbringen, ihre Fastfood-Mahlzeit beendet, die aus je einem Big Mac, einen grossen Becher Coca Cola und einer Portion Pommes Frites bestand. Der Preis pro Essen: 13 Schweizer Franken.

"Wir kamen aus Frankreich zu einem Tagesausflug. Ich war seit 25 Jahren nicht mehr in Genf. Ich habe ja gewusst, dass es eine der teuersten Städte der Welt ist, aber dann war ich trotzdem überrascht, wie viel das gekostet hat", sagt der Feriengast.

Was Matt vielleicht nicht gewusst hat: Die Schweiz führt den jüngsten Big-Mac-Index an, den das britische Wirtschaftsmagazin The Economist Mitte Juli publizierte. Die weltweit standardisierte Produktion des Big Mac macht einen einfachen Vergleich der Kaufkraft verschiedener Währungen möglich.

Kein Wunder, dass auch dieser Index zeigt: Der Schweizer Franken ist sehr hoch bewertet. Und das sorgt dafür, dass der Hamburger mit den zwei Hackfleisch-Scheiben in der Schweiz teurer ist als anderswo.

Dies erst recht nach dem 15. Januar 2015, als die Nationalbank die zuvor garantierte Euro-Mindestgrenze von 1,20 Franken aufhob. Danach öffnete sich die Schere zwischen dem Preisniveau der Schweiz und jenem des Auslands gleich noch einmal (siehe Grafik Nr. 2).

Zu kämpfen haben vor allem Detailhandel und Exportwirtschaft. Preisbewusste Schweizer Konsumenten kaufen vermehrt im grenznahen Ausland ein, wo sie für dieselben Produkte bis zu 30% weniger bezahlen.Beim Shoppingcenter Praz du Léman im französischen Annemasse ennet der Grenze drängt eine lange Schlange von Autos auf den Parkplatz; rund jedes vierte davon mit Schweizer Kennzeichen. Tim aus Genf will hier vor allem Fleisch, Fisch, Windeln und andere Sachen für seine junge Familie einkaufen. Er kommt regelmässig hierher und kann so bei seinen Einkäufen rund 40% einsparen.

"Obwohl die Preise einiger Produkte in der Schweiz seit Januar etwas gesunken sind, ist das meiste in Frankreich immer noch viel billiger", sagt Tim. "Wenn du in der Schweiz für dieselben Windeln doppelt so viel bezahlst wie in Frankreich, kommst du dir schon abgezockt vor."

Der Schweizer Handel beklagt sich indessen, dass ihn der Einkaufs-Tourismus ins grenznahe Ausland im letzten Jahr rund 13 Milliarden Franken Einnahmen kostete. 2015 wird mit einem noch höheren Ausfall gerechnet.

Die Konjunkturforscher von "BAK Basel" rechnen dieses Jahr mit einem Rückgang des Einzelhandelsumsatzes von 2,1% – das wäre die grösste Einbusse seit 35 Jahren.

Die Händler in der Schweiz reagierten mit "Euro-Rabatten" und ähnlichem. Doch Höhere Löhne und Mietkosten schmälern auch so immer noch die Gewinnmarge.

Coop und Migros, die beiden Detailhandelsriesen der Schweiz, sagen beide, dass sie hart mit den Lieferanten aus der Eurozone verhandelt hätten, um die Preise von tausenden Produkten in ihren Regalen senken zu können. Die Preisreduktion auf 14'000 Produkten würde 170 Mio. Franken ausmachen, so Coop-Sprecher Ramon Gander.

Einkaufstourismus boomt

Tatsächlich sind die Konsumentenpreise leicht gesunken. Seit Juli 2014 um 1,3%, so das Bundesamt für Statistik. Die Angst vor einer Deflation ist da. BAK Basel sagt für die kommenden Monate weitere Preissenkungen voraus. Ebenso die Schweizerische Nationalbank.

Aber sind diese tieferen Preise bei den Schweizer Konsumenten auch angekommen? "Überhaupt nicht", sagt Barbara, eine ältere Frau vor dem Migros Supermarkt in der Genfer Innenstadt. "Am Anfang gingen die Preise von ein paar wenigen Produkten runter, aber das ist jetzt vorbei." Genauso tönt es auch von zahlreichen anderen Genferinnen und Genfern.

Mit ihren höheren Löhnen haben die Einheimischen aber auch weniger Preissorgen als viele andere Europäer. Dazu kommt, dass der überbewertete Franken die Schweizer potenziell reicher macht; dann nämlich, wenn sie im Ausland einkaufen oder reisen.

"Ich habe meine Konsumgewohnheiten nicht geändert, aber es ist leichter geworden, Ferien zu machen", sagt Sylvan, der ein Architektur-Praktikum absolviert. "300 Franken sind jetzt rund 300 Euro, das macht es viel leichter, einzukaufen, ohne auf den Preis zu achten."

Höhere Löhne

Der Medianlohn im Privatsektor betrug 2012 im Kanton Genf 7042 Franken. Dies zeigt die offizielle Statistik des Kantons Genf, die Anfang dieses Jahres publiziert wurde. Das liegt über dem Medianlohn der Schweiz, der 6118 Franken beträgt.

Innerhalb von zehn Jahren ist der Schweizer Medianlohn um 13% gestiegen, jener des Kantons Genf um 16%.

Im öffentlichen Sektor war das Niveau noch höher: Der Medianlohn 2012 betrug im Kanton Genf 8666 Franken, während es schweizweit 7750 Franken waren.

Vertrauen schmilzt

Auf längere Sicht gesehen aber nagen die wirtschaftliche Situation, Arbeitslosigkeit und die hohen Lebenskosten am Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten. Denn deren Stimmung nähert sich dem tiefsten Stand seit vier Jahren, wie eine Untersuchung zeigt, die das Staatssekretariat für Wirtschaft soeben veröffentlicht hat.

Menschen mit tieferen Einkommen, besonders Rentner, Studierende und Migranten, die nicht einfach so schnell in Frankreich einkaufen gehen können, haben weniger Spielraum. "Ich habe kein Auto, ich bin klar ein Opfer der hohen Preise", sagt ein älterer Mann vor dem Migros-Eingang.

Esswaren, Krankenversicherung, Miete und Transport fressen einen beträchtlichen Teil des Budgets eines Mittelstands-Haushaltes. Umfasst dieser mehrere Personen, bleibt Ende des Monats oft nicht mehr viel übrig.

Die meisten Schweizerinnen und Schweizer scheinen sich jedoch mit den hohen Preisen abgefunden zu haben. In einer Umfrage, welche die Sonntagszeitung und der Tages-Anzeiger kürzlich publiziert haben, waren drei Viertel der Befragten gegen die Wiedereinführung des Euro-Mindestkurses von 1,20 Franken.

Vor den Geschäften in Genf gaben einige Leute tatsächlich auch an, dass sie nichts gegen die etwas höheren Preise hätten, da die Produkte auch von besserer Qualität seien und sie somit die heimische Produktion unterstützten. "Ich achte darauf, lokale Produkte einzukaufen und so die Wirtschaft in der Region zu unterstützen. Darum kaufe ich auch so wenig wie möglich in Frankreich ein", sagt Hélène, die in der Genfer Innenstadt wohnt.

Trotz auch verbreitetem Verständnis überwiegt dennoch die Kritik an "unvernünftigen" und "ungerechtfertigten" Preisen. "Ich war schon in vielen Ländern", sagt Tim, "aber in der Schweiz haben sie es punkto Qualität voll im Griff. Einige Produkte sind tatsächlich von viel besserer Qualität. Aber rechtfertigt dies die hohen Preise? Ich denke nicht. Wenn du in anderen Ländern unterwegs bist, gibt es auch dort gute Sachen, die aber günstiger sind. Die Schweizer haben den Mythos der hervorragenden Qualität geschaffen, damit sie die Preise anheben können."

Starker Franken als Hypothek

Der starke Schweizer Franken, der die Exporte und Preise belaste, sei eine Herausforderung für das ganze Land. Dies sagte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann jüngst in einem Interview mit Bloomberg.

Laut Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) dürfte das Bruttoinlandprodukt dieses Jahr nur um 0,8% wachsen, 2016 um 1,6%.

Das Seco rechnet für 2016 mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit von 3,3% auf 3,5%.

Nach Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1,20 Franken pegelte sich die Schweizer Währung leicht über der Parität ein, was einigen Branchen der Wirtschaft grosse Probleme einbrachte. Schneider-Ammann hofft deshalb auf eine Abschwächung auf 1,10 Franken pro Euro in der kommenden Zeit.


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi)

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