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Kosten des Gesundheitswesens


Schweizer Spitäler – zu viel des Guten?


Von Clare O’Dea, Saanen


Seit 2012 geschlossen: Dass die Tourismusdestination Saanen-Gstaad kein Spital mehr hat, sorgt immer noch für Unmut im Dorf.  (swissinfo.ch)

Seit 2012 geschlossen: Dass die Tourismusdestination Saanen-Gstaad kein Spital mehr hat, sorgt immer noch für Unmut im Dorf. 

(swissinfo.ch)

Es ist ein offenes Geheimnis, dass es in der Schweiz zu viele Spitäler gibt, doch es hat sich als schwierig erwiesen, das Problem anzugehen. Während die Leute an ihren lokalen Spitälern festhalten, was es auch koste, ist ein schmerzhafter Konsolidierungsprozess im Gange.

Während mehr als einem Jahrhundert konnten Patientinnen und Patienten im Spital von Saanen eine idyllische Aussicht auf das Berner Oberland geniessen. Einige konnten aus dem Spital sogar ihr eigenes Zuhause sehen. Das Spital gehörte zum festen Inventar des Bezirks, und niemand konnte sich ein Leben ohne diese Institution vorstellen.

Doch vor zwei Jahren wurde das Spital geschlossen, nachdem es  nach rund zehn Jahren Einsatz und politischem Gerangel im Kampf gegen das Spital im benachbarten Simmental den Kürzeren gezogen hatte. (Siehe Zum Thema)

Heute macht der veraltet aussehende Gebäudekomplex im Westen von Saanen einen verlassenen Eindruck, der Parkplatz ist leer, die grünen Ränder ungepflegt. Auf Aushängen, die auf der Innenseite des früheren Haupteingangs kleben, werden Leute, die eine Spitalbehandlung suchen, auf das 17 Kilometer entfernte Spital in Zweisimmen verwiesen.

Der Verlust des Spitals wurmt die Menschen in Saanen bis heute. Das Thema aufzubringen, führt unter Stammgästen in Doris's Kaffeestube im Dorfzentrum zu heftigen Reaktionen.

"Es ist eine Schande, dass man in einer Tourismusregion wie dem Saanenland mit dem Tourismusort Gstaad das Spital schliesst", beklagt sich einer der Mittagsgäste. "Es hat der Region immer gut gedient, hat immer gut gearbeitet, das Defizit hat sich im Rahmen gehalten. "Ich habe mein Leben lang im Saanenland gelebt, und es ist für mich eigentlich unerträglich, dass so etwas geschehen konnte."

Es gibt Ängste, dass es schwierig sein könnte, bei einem medizinischen Notfall rechtzeitig ein Spital erreichen zu können, vor allem mit der nun geplanten Schliessung der Geburtenabteilung in Zweisimmen.

"Was nützt uns ein Spital in Zweisimmen oder Château-d'Œx, wenn wirklich etwas passiert. Vor allem im Winter, wenn wir so viel Verkehr haben, kann man von hier nicht schnell genug wegkommen", erklärt eine ältere Frau.

Grösseneffekte

Insgesamt entfallen etwa 44% der Kosten im Gesundheitswesen auf die Spitäler. 2012 hatten die Kosten im Schweizer Gesundheitswesen rund 68 Mrd. Franken betragen.

Saanen war eines von 65 Akutspitälern, die zwischen 2002 und 2012 geschlossen oder mit einer anderen Institution zusammengelegt wurden, womit die Zahl der Spitäler in der Schweiz von 363 auf 298 sank.

"Es ist nicht ganz korrekt, all dies als Spitalschliessungen zu betrachten", erklärt Nicole Fivaz vom Spitaldachverband H+ gegenüber swissinfo.ch. Es gab verschiedene Fusionen und Fälle von Zusammenarbeit unter Spitälern. So werden zum Beispiel fünf früher eigenständige Spitäler neu als eine Einheit unter dem Namen Solothurner Spitäler AG betrieben", sagt Fivaz.

Andere ehemalige Spitäler finden ein neues Leben als Zentren für medizinische Grundversorgung. Das ist auch der Plan für das Spital in Saanen.

Doch trotz der Konsolidierung in einigen Kantonen sind die meisten der Spitäler der Schweiz noch immer sehr klein, eine Tatsache, die sich auf Qualität und Kosten auswirkt.

"Damit man in einem Spital grössenbedingte Kostenersparnisse nutzen kann, braucht es eine gewisse Grösse – 300 bis 400 Betten. Und die Schweiz ist voller Spitäler, die viel kleiner sind. Das ist ein Hauptgrund, wieso sie so teuer sind", erklärte Stefan Felder, Gesundheitsökonom an der Universität Basel, gegenüber swissinfo.ch.

Nach seinem Rücktritt 2009 hatte der frühere Gesundheitsminister Pascal Couchepin bekannterweise erklärt, dass ein Drittel der Schweizer Spitäler geschlossen werden sollte, um die Gesundheitskosten unter Kontrolle zu bringen; der Rest der Kliniken sollte sich spezialisieren. Ähnlich hatte sich auch der damals ebenfalls aus dem Amt scheidende Direktor des Bundesamts für Gesundheit (BAG) geäussert.

Eine solche Analyse ist von amtierenden Politikern kaum zu hören, vor allem nicht auf kantonaler Entscheidungsebene, da solche Botschaften von der Wählerschaft nicht gern gehört werden. In einer jüngst vom Meinungsforschungsinstitut gfs.ch durchgeführten Umfrage erklärten vier von fünf Befragten, dass es in "jeder Region" ein Spital geben sollte, das die wichtigsten spezialisierten Behandlungen anbietet. Je nach Grösse kann ein Kanton mehrere Regionen haben.

"Die Leute sind glücklich mit dem, was wir haben. Sie wollen Zugang zu medizinischen Dienstleistungen in der näheren Umgebung haben", sagt Fivaz.

An einem toten Punkt

In Basel ist die Diskussion zwischen den beiden Kantonen – Basel-Landschaft und Basel-Stadt – darüber, welches der beiden grössten Spitäler geschlossen werden soll, zurzeit festgefahren. Beide Seiten sind sich einig, dass das Spitalangebot für die lokale Bevölkerung zu gross ist, aber keiner der Kantone will eines seiner Spitäler schliessen.

Isaac Reber, Präsident der Regierung des Kantons Basel-Landschaft, erklärte gegenüber Schweizer Radio SRF: "Wir wissen, dass wir in der Region zu viele Spitäler haben." Die Prämien der Krankenkassen, die sich von Kanton zu Kanton unterscheiden, werden im nächsten Jahr in der ganzen Schweiz steigen, am stärksten in den zwei Basler Kantonen.

Auch der Direktor des Kantonsspitals Bruderholz im Kanton Basel-Landschaft hat eingeräumt, dass es in der Region zu viele Spitäler gebe. Dennoch kündigte er im September Expansionspläne an.

"Wenn bereits eine Überkapazität besteht und keine wirkliche Notwendigkeit für die Existenz eines Spitals, sollten nicht noch mehr Finanzen dafür aufgewendet werden", erklärt Paul Rhyn von Santésuisse, dem Branchenverband der Schweizer Krankenkassen, gegenüber swissinfo.ch.

"Es ist eine politische Frage. Es gibt mehrere Spitäler, von denen wir wissen, dass sie in Sachen Qualität oder Kosteneffizienz unterhalb des Niveaus liegen. Könnten wir die Spitallandschaft heute komplett neu gestalten, so wäre alles anders, aufgrund der politischen Restriktionen und der Erwartungen der Öffentlichkeit können wir jedoch nicht mit einem völlig unbeschriebenen Blatt beginnen", fügt Rhyn hinzu.

Listensystem

Die Kantone sind für ihre Gesundheitskosten-Budgets verantwortlich und erstellen auch die Liste jener Spitäler, die Bestandteil des obligatorischen Krankenkassen-Versicherungssystems sind.

Felder beschreibt das System als "kartellähnlich". "Jeder Kanton hat eine Spitalliste, und ist ein Spital einmal auf dieser Liste, kann es Patienten behandeln und die Rechnung an die Versicherer schicken, die rechtlich verpflichtet sind zu zahlen."

"Die Versicherer sind nicht frei bei der Wahl von Partnerspitälern. Wenn die versicherte Bevölkerung dafür belohnt werden könnte, bestimmte Spitäler zu besuchen, hätten wir ein völlig anderes System", erklärt der Gesundheitsökonom. 

Einige Kantone, wie Bern, überdenken ihre Spitallandschaft und bewegen sich in Richtung einer Spezialisierung, doch dort, wo sich das Einzugsgebiet eines Spitals theoretisch über Kantonsgrenzen hinaus erstreckt, wird es schwieriger mit der Planung.

Und hier kommt die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) ins Spiel. Von swissinfo.ch kontaktiert, erklärte die GDK, die Kostensteigerung im Spitalbereich sei vor allem durch den medizinischen Fortschritt und die demographisch bedingte Zunahme von älteren und chronisch kranken Patientinnen und Patienten bedingt.

Die GDK erklärte weiter, egal wie viele Rationalisierungs- oder Reformbemühungen es auch gebe, diese Realität könne nicht kompensiert werden.

"Es gibt verschiedenste Konsolidierungsbemühungen im Rahmen der GDK, diese beziehen sich jedoch nicht direkt auf die Frage der Spitaldichte, sondern auf die Instrumente der leistungsbezogenen Spitalplanung", erklärt die GDK in einer schriftlichen Antwort auf Fragen von swissinfo.ch.

Sie nennt drei Beispiele für gemeinsame Empfehlungen der GDK und ein kantonsübergreifendes Abkommen über hoch-spezialisierte Medizin.

Denkbar sind auch die Aufgabe von bestehenden Spitalstandorten, weniger als politischer Akt denn als Folge unternehmerischer Entscheide von Seiten der Spitäler", heisst es in der Stellungnahme weiter.

Wie die Geschichte von Saanen zeigt, wird dies nicht ohne Widerstand vor Ort geschehen. Saanen war einfach eines dieser Spitäler, das geschlossen werden "sollte" – es lag in der Nähe eines anderen Spitals, hatte Defizite eingefahren, war unterbelegt und für Kosteneinsparungen aufgrund seiner Grösse zu klein, auch was die Qualitätsgarantie anging. Doch auch all dies macht es nicht leichter, den Entscheid zu ertragen.

Sicherheit in der Menge

Viele Schweizer Spitäler, erklären Experten, erbrächten nicht die notwendige Zahl von Operationen, die es brauche, um Qualität und Sicherheit zu garantieren.

Ein Beispiel ist die Entfernung der Bauchspeicheldrüse, eine grössere Operation, die nach einer Krebsdiagnose oder einer ernsthaften Infektion erfolgt. 2010 waren in mehr als 50 Schweizer Spitälern etwa 740 solche Operationen durchgeführt worden.

Dieser chirurgische Eingriff kann lebensbedrohlich sein und ernsthafte post-operative Komplikationen nach sich ziehen. Er sollte daher in einer Klinik erfolgen, in der pro Jahr mindestens 20 bis 30 solche Operationen durchgeführt werden.

2010 jedoch wurden gemäss dem Bundesamt für Gesundheit, das umfassende Daten zu chirurgischen Eingriffen zusammenstellt, in der Schweiz 38 Bauchspeicheldrüsen in Spitälern entfernt, in denen es pro Jahr weniger als 10 solche Eingriffe gab; 18 dieser Spitäler waren in der Deutschschweiz, 16 in der Romandie und 4 im Tessin. 20 weitere solche Operationen erfolgten in Spitälern mit mehr als 20 solchen Eingriffen pro Jahr.

Analyse: Santésuisse


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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