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Kriegsdokument


Das IKRK und die Gefangenen im 1. Weltkrieg


Von Clare O'Dea in Geneva


Ende 1914 waren in der Zentralstelle für Kriegsgefangene im Museum Rath bereits 1200 Personen tätig. (Keystone)

Ende 1914 waren in der Zentralstelle für Kriegsgefangene im Museum Rath bereits 1200 Personen tätig.

(Keystone)

Genf im September 1914: Eine Schreibkraft der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene (IPWA), die eine Liste mit Namen von inhaftierten Soldaten vor sich hat, fixiert eine Karteikarte und beginnt zu schreiben. Am Ende des 1. Weltkriegs gehörte dieses Dokument zu einer Sammlung von fast 7 Millionen Karteikarten.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat die IPWA, die zwischen 1914 und 1919 im Rath Museum in Genf untergebracht war, innert Wochen nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs auf die Beine gestellt. Dort gab es sofort alle Hände voll zu tun und Ende 1914 waren bereits rund 1200 Personen – vor allem Frauen – beschäftigt.

In den folgenden vier Jahren erstellten das Personal und viele Freiwillige rund 7 Millionen Karteikarten, die Spuren des Schicksals von zweieinhalb Millionen Kriegsgefangenen festhielten. Die Kartei war ein wichtiger Bestandteile eines umfassenden Referenzsystems, das entwickelt wurde, um mit der Flut von Informationsanfragen umzugehen.

Das IKRK half Kontakte mit Personen herzustellen, die durch den Krieg getrennt worden waren, es organisierte Inspektionen der Gefangenenlager und den Austausch von Gefangenen und setzte sich für den Schutz von Kriegsopfern ein.

Einige gute Menschen

Zu Beginn dieses Jahrzehnts gab es in Genf neben dem IKRK 280 wohltätige Organisationen. Das Komitee bestand aus einer 10-köpfigen Gruppe wohlgesinnter und gutvernetzter Leute aus bürgerlichen Familien der Calvinstadt, die sich während der Freizeit trafen.

"Sie beschäftigten sich mit administrativen Aufgaben. Sie schrieben Briefe, erhielten Korrespondenz und setzten sich gedanklich mit dem Kriegsrecht und Opfern des Kriegs auseinander", sagt IKRK-Historiker Daniel Palmieri, gegenüber swissinfo.ch.

Aber in den 50 Jahren nach der Gründung im Jahr 1863 hatte die Institution bereits das Vertrauen der Regierungen gewonnen und spielte bei der Einrichtung von mehr als 50 Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften auf der ganzen Welt eine wichtige Rolle.

Der 1. Weltkrieg, der sich vor seiner Tür abspielte, beförderte das IKRK noch vermehrt in eine internationale und einflussreiche Organisation. Im Februar 1918 lancierte das Komitee einen Appell gegen den Einsatz von Giftgas bei der Kriegsführung. Ein Verbot folgte 1925 mit der Unterzeichnung des Genfer Protokolls.

In den ersten Tagen des Konflikts beschäftigte sich das IKRK hauptsächlich um das Wohlergehen der Kriegsgefangenen. Anfänglich konzentrierten sich die Kämpfe auf Deutschland, Frankreich und Belgien, und die kriegführenden Staaten hatten innerhalb von kurzer Zeit hunderttausende Soldaten festgenommen.

IPWA-Archiv

Während des 1. Weltkriegs analysierte und klassifizierte die Internationale Zentralstelle für Kriegsgefangene (IPWA) Informationen über Kriegsgefangene und zivile Internierte, die ihr aus Gefangenlager und von nationalen Agenturen zugespielt wurden.

Die IPWA verglich die Informationen mit den Anfragen von Angehörigen von vermissten Soldaten oder Zivilisten, um Kontakte herzustellen. Die Archive der Zentralstelle enthalten auch diplomatische Korrespondenz zwischen dem IKRK und den kriegführenden Ländern über den Schutz der Gefangenen und Berichte über Besuche von IKRK-Delegierten in Gefangenenlagern.

Die Sammlung besteht aus Listen im Umfang von 500'000 Seiten und 6 Mio. Karteikarten.

Die Archivaren des IKRK arbeiten an einem Projekt zur Instandstellung und elektronischen Erfassung der Karteikarten. Ab August 2014 soll das Archiv über eine Internet-Applikation öffentlich zugänglich sein.   

Informationsflut

Das Kriegsausmass war gigantisch. Die Mitglieder des IKRK verlangten Gefangenenlisten von allen kriegführenden Ländern. Zuerst wurde die Zentralstelle für Kriegsgefangene von Freunden und Bekannten der IKRK-Mitglieder geführt. Aber weil sie bald täglich bis zu 16'500 Briefe erhielten, mussten sie im weiteren Umfeld Unterstützung suchen.

"Bemerkenswert ist, dass es dem Komitee gelungen war, Leute mit ausgeprägtem Organisationstalent zu finden. Einige wurden Abteilungsleiter, unter ihnen eine Bibliothekarin namens Renée-Marguerite Cramer, welche die Idee hatte, für die Erfassung der Informationen Karteikarten mit Bezug zu Katalogen zu erstellen", sagt Palmieri.

1918 wurde Cramer das erste weibliche Mitglied des IKRK. Zu diesem Zeitpunkt waren auf allen Organisationsebenen Stellen für Frauen etabliert worden.

Stimmen der Vergangenheit

swissinfo.ch hat das IKRK-Kriegsarchiv in Genf besucht, um die Korrespondenz, die Kriegsgefangenenlisten und die Karteikarten – je eine pro Anfrage und pro gefangenen Soldaten - zu sichten, die auch 100 Jahre später ergreifende Zeugenberichte von Einzelschicksalen enthalten. Die Archive sind digitalisiert worden und werden ab August 2014 auf einer Online-Applikation dem Publikum zugänglich gemacht (Vgl. rechte Spalte).

Eine Sektion der Zentralstelle kümmerte sich um Zivilisten, die im Konflikt in Gefangenschaft geraten waren und manchmal als Geiseln gehalten oder deportiert und interniert worden waren. Es war das erste Mal, dass das IKRK Zivilisten in seine Aktivitäten einbezog. Viele Zivilisten, die damals in einem "falschen" Land oder in einer besetzten Zone lebten, waren interniert worden. Deshalb wurde die IPWA zu Hilfe gerufen, um den Kontakt zwischen Internierten und ihren Angehörigen herzustellen.

Im Archiv stiessen wir auf einen Brief, der von einer Frau in Paris an den Präsidenten des IKRK gerichtet war. Es ging um einen französischen Professor der Universität Lille, der von den deutschen in einer besetzten Zone festgenommen worden war.

"Er hat unter grauenhaften Repressalien in drei Lagern gelitten, zuletzt in Heidelberg, wo er seit anfangs Monat interniert wurde ….und an Hunger, Erschöpfung und Demütigung gestorben ist", schrieb sie.

Interniert in der Schweiz

Das IKRK konnte während des I. Weltkriegs den Gefangenen-Austausch von rund 10'000 Soldaten organisieren. Die Schweiz war am Transfer von schwer erkrankten und verletzten Gefangenen, beispielsweise erblindete Soldaten und solchen mit Amputationen, zwischen Lyon und Konstanz beteiligt.

Ab 1915 waren auch Männer dabei, deren Verletzung allein keine Evakuierung rechtfertigte, die Lager aber vor Probleme stellten, weil sie medizinische Betreuung brauchten.

Man kam überein, dass solche Gefangene in einem neutralen Land zur Erholung interniert werden könnten, ohne vom Feind gleich wieder eingezogen zu werden.

Zwischen Januar 1916 und November 1918 waren in der Schweiz rund 68'000 Soldaten aus allen am Krieg beteiligten Nationen interniert, zumeist in Bergurlaubsorten, die während des Kriegs keine Touristen hatten. In einigen Fällen durften Familienangehörige die Internierten besuchen kommen.

Straflager

Die Bedingungen in den Straflagern waren auch von Gerüchten und Vergeltungsmassnahmen beeinflusst. Wenn ein Land davon hörte, dass seine in Gefangenschaft geratenen Soldaten schlecht behandelt wurden, übte es Vergeltung, indem es den eigenen Lagern schlechte Bedingungen aufzwängte. So wurden Gefangene zu Arbeitseinsätzen in der Nähe der Front geschickt, zum Beispiel um Schützengräben zu errichten, obwohl damit die Haager und Genfer Konventionen verletzt wurden.

Ein Brief von 1917, unterzeichnet von Horace Rumbold, Britischer Botschafter in Bern, macht das Problem deutlich. "Man informierte mich, dass das Zitat im Wolff-Telegramm [deutsche Presseagentur], das an diesem Datum in den Zeitungen erschien und in dem behauptet wurde, dass England dem Beispiel Frankreichs gefolgt sei und deutsche Gefangene in den Schusslinien beschäftigt habe, sei absolut unwahr …Arbeitseinsätze  können bei Eisenbahnstrecken oder Strassen vorkommen aber nicht in Reichweite der gegnerischen Artillerie."

"Verleugnungen gehörten zum Standard aber zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten waren Verletzungen des Gesetzes häufig und bedingungslos", sagt Palmieri.

In diesem Klima hatte das IKRK damit begonnen, Vertreter in die Gefangenenlager zu schicken, um die Bedingungen vor Ort zu inspizieren. In 54 Missionen wurden mehr als 500 Lager inspiziert, und die Berichte der Delegierten wurden publiziert, um der Propaganda entgegen zu wirken und die Unparteilichkeit zu demonstrieren.

Diese Pionierarbeit wurde zu einem Kernbereich des IKRK, als Teil der humanitären Strukturen sollte es von diesem Zeitpunkt an automatisch eingesetzt werden, um Opfern von Konflikten auf der ganzen Welt zu helfen.


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch

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