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"Auch die Schweizer Armee arbeitet international"


Von Etienne Strebel


Frankreich und Grossbritannien wollen im Nuklear- und U-Boot-Bereich näher zusammenarbeiten. (Reuters)

Frankreich und Grossbritannien wollen im Nuklear- und U-Boot-Bereich näher zusammenarbeiten.

(Reuters)

Frankreich und Grossbritannien haben eine Zusammenarbeit im militärischen Bereich beschlossen. Der Schweizer Militärstratege Albert A. Stahel über die Hintergründe dieser Strategie und die Zukunft der Schweizer Armee.

swissinfo.ch: Grossbritannien und Frankreich wollen ihre militärische Zusammenarbeit intensivieren, aus Kostengründen, wie es heisst. Wie beurteilen Sie das?

Albert Stahel: Die Kosten sind sicher ein Argument. Ich sehe da aber noch anderes: Die beiden Staaten sind die einzigen Atommächte in Europa. Da liegt es nahe, dass man zusammenarbeitet.

Vielleicht wollen Frankreich und Grossbritannien mit dieser militärischen Zusammenarbeit ein Gegengewicht zu Deutschland bilden, die grösste Wirtschaftsmacht Europas. Deutschland ist politisch sehr aktiv, sehr einflussreich und zunehmend an guten Beziehungen zu Russland interessiert.

Das Land orientiert sich in letzter Zeit vermehrt Richtung Osten, auch nach China. Es handelt sich um eine Neuorientierung, die man bei uns noch gar nicht richtig mitbekommen hat.

swissinfo.ch: Die Atomwaffen der beiden Länder sind heilige Kühe. Dies sieht man daran, wie stolz Frankreich auf seine "Force de frappe" ist. Ist unter diesen Vorzeichen ein intensiver, fruchtbarer Austausch mit England möglich?

A.S. Einerseits geht es ja um die Entwicklung neuer nuklearer Gefechtsköpfe, andererseits auch um die Entwicklung neuer U-Boot-gestützter Lenkwaffen und von U-Booten. Eine Zusammenarbeit auf technologischem Gebiet macht Sinn.

Immer noch strikte getrennt werden die Einsatzbefugnisse sein. Bei den Franzosen entscheidet der Präsident, bei den Briten der Premierminister.

swissinfo.ch: Könnten Sie sich eine solche Art militärischer Zusammenarbeit auch für die Schweiz vorstellen?

A.S.: Nicht heute. Da steht einerseits die poltische Ausrichtung, die Neutralität, im Weg und andererseits unser Heerwesen, die Milizarmee. Das sind Faktoren, die es schwierig machen, mit anderen Staaten so eng zusammenzuarbeiten, wie es Frankreich und Grossbritannien vorhaben.

swissinfo.ch: Könnte die Schweiz mit anderen neutralen Ländern wie Österreich oder Schweden zusammengehen?

A.S.: Auch die Schweizer Armee arbeitet international. Sie betreibt mit Österreich und Schweden Truppenübungsplätze. Das sind Beziehungen, die wir schon zur Zeit des Kalten Krieges gepflegt hatten. Sie sind in den letzten Jahrzehnten sogar intensiviert worden.

Aber dass wir Einsatztruppen bilden, die wir irgendwo in die Welt hinausschicken, ist zurzeit undenkbar.

swissinfo.ch: Auch in der Schweiz steht die Armee unter einem enormen Kostendruck. Könnte man im Verbund mit anderen Staaten nicht Geld sparen?

A.S.: Die Schweizer Armee muss vor allem bezüglich Infrastruktur, Gebäude, Logistik usw. sparen. Dazu können ausländische Staaten wenig beitragen.

In den letzten Jahren sind zum Beispiel unsere Kasernen ziemlich vernachlässigt worden. Aber im Rüstungsbereich haben wir schon einiges gemacht. Ich denke da an Kampfschützenpanzer oder Kampfpanzer. Das sind ausländische Produkte, die wir in Zusammenarbeit in Lizenz hergestellt und weiterentwickelt haben.

Es ist denkbar, dass das nächste Kampfflugzeug, sofern denn überhaupt eines kommt, in Zusammenarbeit mit anderen Staaten in der Schweiz gefertigt wird.

Früher haben wir uns bei der Zusammenarbeit einseitig gegen Westen, zur Nato hin, orientiert. Das könnte sich vielleicht in Zukunft ändern.

swissinfo.ch: Mit welcher Bedrohungslage müssen wir uns auseinandersetzen?

A.S.: Der klassische Bereich, den man nicht vernachlässigen darf, sind Katastrophen im Inland. Dazu gehört die Unterstützung der zivilen Behörden. Dann kommt der Schutz der Infrastruktur vor möglichen terroristischen Anschlägen.

swissinfo.ch: Terrorismus ist eine Herausforderung, der man sich heute stellen muss. Aktuell sind beispielsweise die Bombenpakete aus Griechenland an europäische Regierungen.

A.S.: Ja, das ist sehr interessant. Man spricht vom Terrorismus, der aus islamischen Bewegungen wie Al Kaida kommt. Aber es hat in der Vergangenheit auch einen anderen Terrorismus gegeben in Europa: IRA, ETA, Rote Brigaden, die Baader-Meinhof-Gruppe RAF.

Und jetzt werden wir damit konfrontiert, dass sich Bewegungen manifestieren, die eigentlich nichts mit dem Islam zu tun haben, sondern, wie in Griechenland, wirtschaftliche Ursachen haben.

swissinfo.ch: Ist die Schweiz weniger gefährdet, weil sie sich nicht in der Nato befindet, weil sie nicht in Afghanistan oder Irak im Einsatz ist?

A.S.: Die Schweiz hat sich glücklicherweise aus der ganzen Problematik Afghanistan herausgehalten. Sie ist damit nicht direkt involviert und damit weniger ein direktes Ziel von Organisationen wie Al Kaida. Denn diese konzentrieren sich auf Staaten, die direkt in Afghanistan im Einsatz sind.

Bei uns herrscht das Prinzip der Nichtintervention in anderen Staaten, nicht das Führen von Kriegen. Wir haben über Jahrhunderte die Erfahrung gemacht, dass diese fremden Dienste für uns eine Belastung waren, auch was die Gesellschaft und die Politik der Schweiz betrifft. Deshalb haben wir uns aus diesen Sachen herausgehalten - seit 1848.

Albert A. Stahel

Der 1943 geborene Albert A. Stahel habilitierte 1979 in Politischer Wissenschaft mit besonderer Berücksichtigung strategischer Studien.

2006 – Heute: Leiter des Institut für Strategische Studien, Wädenswil

2006 – Heute: Geschäftsführer und Vizepräsident Forum "Humanitäre Schweiz"

2004 – 2006: Lehrbeauftragter an der ETH Zürich

1989 – 1992: Professeur suppléant, Internationale Beziehungen, Département des sciences politiques, Université de Genève

1989 – 1990: Berater, Farner PR, Zürich

1986 – Heute: Titularprofessor, Universität Zürich

1980 – 1993: Lehrbeauftragter, ETH Zürich

1980 – 2006: Hauptamtlicher Dozent für Strategische Studien an der Militärakademie an der ETH Zürich

1979 - Heute: Privatdozent und Lehrbeauftragter, Philosophische Fakultät I, Universität Zürich

1973 – 1979: Leiter der Forschungsstelle für sicherheitspolitische Grundlagenstudien, Zentralstelle für Gesamtverteidigung, Bern

Wissenschaftliche Betätigungsfelder
Strategische Theorien
Nation-Building
Humanitäre Interventionen
Konfliktlösungsstrategien
Zeitgenössische Konflikte und Kriege
Asymmetrische Konflikte und Kriege
Guerilla-, Bürger- und Stammeskriege
Terrorismus
Organisierte Kriminalität
Afghanistan
Airpower
ABC-Waffen

Verschiedene Forschungsaufenthalte in Afghanistan, China, Pakistan, Russland und
den USA.

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