Kontroverse um Brandplatz Schweizerhalle dauert an

Grosseinsatz der Feuerwehr im Kampf gegen den Schweizerhalle-Brand.

Grosseinsatz der Feuerwehr im Kampf gegen den Schweizerhalle-Brand.

(Keystone)

25 Jahre ist es her seit dem Schweizerhalle-Brand bei Basel. Löschwasser hatte damals den Rhein verseucht, Tonnen von Fisch waren verendet. Der Rhein hat sich wieder erholt, doch bleibt umstritten, wie stark der Brandort heute noch kontaminiert ist.

Die Umweltbehörde des Kantons Basel-Landschaft betrachtet den Brandplatz heute als "belasteten Standort mit Überwachungsbedarf". Weitere Sanierungsarbeiten brauche es nach geltendem Gesetz nicht mehr. Ganz anders sieht dies ein Altlastenexperte.

Kurz nach Mitternacht am 1. November 1986 geriet eine Lagerhalle des damaligen Chemieunternehmens Sandoz in Schweizerhalle in Brand. Rund 1351 Tonnen Chemikalien wie Insektizide und Herbizide gingen in Flammen auf.

Löschwasser färbte den Rhein blutrot, Tausende von Fischen verendeten. Es war eine der schlimmsten Umweltkatastrophen Europas, die weltweit Schlagzeilen machte.

Die Katastrophe rüttelte die Öffentlichkeit auf, erschütterte das Vertrauen in die Selbstkontrolle der Chemie-Industrie und führte zu Demonstrationen.

Verurteilt wurden in der Folge nur zwei Feuerwehr-Leute: Dafür, dass sie Löschwasser in den Rhein geleitet hatten. Von der Sandoz-Firmenleitung wurde gerichtlich niemand zur Verantwortung gezogen.

Das Unternehmen, das 1996 mit der Ciba-Geigy zur Novartis fusionierte, leistete Schadenersatzzahlungen von 43 Millionen Franken in der Schweiz, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Zudem unterstützte Sandoz einen Rheinfonds, der Forschungsprojekte zum Ökosystem des Rheins finanziert, mit 10 Mio. Franken.

Bereits nach einem Jahr waren im Rhein die ersten Zeichen einer Erholung zu sehen. 2006 erklärte die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins diesen wieder zu einem 'lebendigen Fluss".

Brandplatz

Sandoz musste auch den Brandplatz räumen und sanieren, der mit Asphaltbeton-Platten versehen wurde. Heute gehört das Areal dem Chemieunternehmen Clariant.

Doch 25 Jahre nach der Katastrophe bleibt umstritten, wie stark das Areal noch belastet ist und welche Gefahren davon ausgehen.

Am 21. Oktober dieses Jahres veröffentlichten die Behörden des Kantons Basel-Landschaft eine Erklärung, in der es heisst, das Amt für Umweltschutz und Energie betrachte den "Brandplatz Sandoz" in Schweizerhalle nach heutiger Gesetzgebung als "belasteten Standort mit Überwachungsbedarf".

Weitere Sanierungsarbeiten seien "somit nach Gesetz nicht mehr vorgeschrieben". Clariant muss dem Amt bis Februar 2012 ein angepasstes Überwachungskonzept vorlegen.

"Wir haben festgestelt, dass im Grundwasser am Standort nur das Pflanzenschutzmittel Oxadixyl zu finden ist", sagt Alberto Isenburg, der Leiter des Amts für Umweltschutz und Energie, gegenüber swissinfo.ch. Die Konzentrationen lägen im Mikrogramm-Bereich.

Da die Altlasten-Verordnung keinen Konzentrations-Grenzwert für Oxadixyl enthielt, wurde dieser von externen Experten festgelegt, bei vier Milligramm pro Liter. Das Bundesamt für Umwelt habe diesen Wert bestätigt. Die festgestellten Konzentrationen lägen damit um den Faktor 500 unter den Werten der Altlasten-Verordnung, sagt Isenburg.

In der Erklärung des Umweltamts wurde auch auf die "wenigen hundert Kilogramm Oxadixyl" hingewiesen, mit denen der Boden noch belastet ist. Der Abbau werde noch einige Jahrzehnte dauern, da sich Oxadixyl auf natürlichem Weg nur sehr langsam abbaut.

Kritik

Für den Basler Altlasten-Experten Martin Forter, Autor eines vor kurzem erschienenen und bereits viel zitierten Buches über die Umweltkatastrophe, ist der Schweizerhalle-Entscheid der Behörden schlicht inakzeptabel.

Die Sanierungsziele der ursprünglichen Vereinbarung zwischen Sandoz und den Behörden hätten 1994 erreicht werden sollen. Also schon vor 17 Jahren, unterstreicht Forter. Der neue Entscheid der Behörden ignoriere nun diese Ziele einfach, statt Druck zu machen, dass die Vereinbarung von damals endlich umgesetzt werde.

"Die lokalen Behörden haben damit kurz vor dem 25. Jahrestag des Schweizerhalle-Brandes ein verheerendes Zeichen gesetzt: Für die Industrie zahlt es sich aus, sich nicht an die Vereinbarungen mit den Behörden zu halten", sagt Forter gegenüber swissinfo.ch.

Seinen Nachforschungen zufolge besteht noch immer die Gefahr der Verschmutzung von Trinkwasser. Die nächste Quelle liege nur etwa 200 Meter vom Brandplatz entfernt.

"Es ist Zeit, dass die Nachfolge-Unternehmen der Sandoz, vor allem Novartis, endlich ernst machen mit den Aufräumarbeiten und das Kapitel abschliessen", so Forter.

Verantwortlichkeiten

Isenburg sagt, als Kontrollbehörde habe sich sein Amt an die aktuelle Gesetzgebung zu halten. Der Brandort sei nach geltendem Altlastenrecht neu beurteilt worden.

"Falls sich morgen, am Tag darauf oder in den nächsten Jahren etwas Neues ergibt, werden wir die Situation neu beurteilen müssen", so Isenburg weiter.

Clariant, Novartis und Syngenta begrüssten ihrerseits in einer gemeinsamen Erklärung den jüngsten Schweizerhalle-Entscheid der Behörden.

"Die zuständigen Unternehmen der Basler chemisch-pharmazeutischen Industrie stehen auch weiterhin zu ihrer Verantwortung im Sinne der umfassenden Nachhaltigkeit", heisst es in der Erklärung. Zudem würden sie "geeignete Massnahmen eingehend prüfen, welche die nachfolgenden Generationen von der Verantwortung für den Unfallstandort befreien".

Der Brand

Die Brandursache wurde nie restlos geklärt, doch wahrscheinlich wurde das Feuer beim Verpacken von Paletten mit dem Pigment "Berliner Blau" ausgelöst, weil die Plastikfolie mit einem Gasbrenner geschrumpft worden war. Das hatte wahrscheinlich dazu geführt, dass das Pigment zu glimmen begann und sich entzündete.

Rund 1351 Tonnen Chemikalien, darunter Insektizide, Herbizide, Quecksilber gingen in Flammen auf, nachdem kurz nach Mitternacht ein Brand ausgebrochen war.

Die Behörden lösten Katastrophenalarm aus, Sirenen heulten, die Menschen wurden angewiesen, in ihren Häusern zu bleiben. Ein fürchterlicher Gestank lag über der Region. Nach etwa fünf Stunden war der Grossbrand unter Kontrolle.

Mit dem Löschwasser gelangten auch Chemikalien in den Rhein, der sich blutrot verfärbte. Das Gift trieb flussabwärts, Tausende von Fischen und anderen Lebewesen im Fluss verendeten, ganze Ökosysteme wurden zerstört.

Mehr als 1200 Leute meldeten sich vor allem wegen Reizungen der Atemwege und der Augen, aber auch wegen Erbrechen oder Übelkeit bei Ärzten.

In der lokalen Bevölkerung, von der ein Grossteil bei der Chemie-Industrie ihren Lebensunterhalt verdiente, herrschten Angst, Wut und Empörung. Eine Woche nach dem Brand nahmen rund 10'000 Menschen an einer Demonstration teil. Vertreter von Sandoz und der Behörden wurden bei einer öffentlichen Veranstaltung mit toten Aalen beworfen.

Konsequenzen aus dem Brand

Der Schweizerhalle-Brand hatte auf politischer Ebene erhebliche Auswirkungen, Vorschriften für die Lagerung und den Umgang mit gefährlichen Gütern wurden verschärft, Lücken im Umweltrecht gestopft.

Zu den Konsequenzen, die nach Schweizerhalle gezogen wurden, gehören Störfallverordnung, Risikokataster und Rückhaltebecken-Pflicht. Zudem wurden behördliche Kontrollstellen und Umweltämer ausgebaut. Auf lokaler und internationaler Ebene wurde die Zusammenarbeit zu Kontrolle, Schutz und Sanierung des Rheins verbessert.

Die Störfallverordnung trat am 1. April 1991 in Kraft, mit dem Ziel, Bevölkerung und Umwelt vor "nachteiligen Auswirkungen" ernsthafter chemischer oder biologischer Risiken zu schützen.

Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins verabschiedete 1987 das Aktionsprogramm Rhein, mit dem Ziel, den Fluss zu sanieren, ähnliche Katastrophe in Zukunft zu verhindern und die ständige Belastung des Rheins weiter zu senken.

Die Industrie musste ihre betrieblichen Sicherheits- und Überwachungs-Massnahmen verbessern.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch



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