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Standpunkt


AKW-Chaos von morgen verhindern – heute geordnet aussteigen


Von Nils Epprecht, Projektleiter Strom & Atom, Schweizerische Energie-Stiftung


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Die Schweizer Atomkraftwerke gehören zu den ältesten der Welt, und ein Unfall könnte katastrophale Folgen haben. Dank der Entwicklung im Bereich erneuerbarer Energien kann die Schweiz aus dem Atomstrom aussteigen, ohne dass es deshalb zu Versorgungsproblemen kommt. Das schreibt Nils Epprecht, Energieexperte bei der Schweizerischen Energie-Stiftung.

Von Nils Epprecht

Tschernobyl und Fukushima zeigten: Atomunfälle geschehen. In der dicht besiedelten Schweiz wäre dies katastrophal. Bis zu eine Million Menschen wären betroffen, und weite Teile des Mittellandes würden unbewohnbar. Die Schweiz, wie wir sie heute kennen, würde nicht mehr existieren.

Doch ausgerechnet wir sitzen auf dem ältesten AKW-Park der Welt. Je länger AKW weiterlaufen, desto unsicherer werden sie: Zentrale Reaktorteile altern und können nicht ersetzt werden. Sogar die Schweizer Atomaufsicht ENSI warnt inzwischen davor, dies zu unterschätzen. Keine Versicherung der Welt trägt die Risiken eines atomaren Unfalls. So wäre beispielsweise das Anlagevermögen betroffener Haus- und Landeigentümer ohne Schadenersatz für immer verloren.

Die Stromschwemme in Europa hat die teuren AKW längst defizitär werden lassen. Die AKW-Betreiber sind nahe am Ruin. Trotzdem schalten sie nicht ab, hoffen stattdessen auf unrealistische Preise und auf Subventionen des rettenden Staats und der Steuerzahlenden. Derweil produzieren die AKW weiter hochgefährlichen Atommüll. Wie dessen Entsorgung dereinst finanziert werden soll, ist angesichts der viel zu tiefen Beiträge der Betreiber mehr als fraglich.

Weltweit werden AKW-Neubauten gestoppt oder verzögert, weil sie zu teuer sind. Einzig Atommächte sind noch bereit, AKW als Nebenprodukt der Atomwaffenproduktion zu finanzieren.

Es braucht einen Plan

Umfragen der vergangenen Jahre zeigen: Der Atomausstieg ist bei der Bevölkerung von links bis rechts mehrheitsfähig. Doch das Parlament legt keinen verbindlichen Plan vor. Hier setzt die Initiative an. Sie legt die schrittweise Abschaltung der fünf Reaktoren fest: Die drei überalterten in Beznau und Mühleberg 2017, jener in Gösgen 2024, das AKW Leibstadt 2029. Beznau I ist aus Sicherheitsgründen bereits seit März 2015 temporär ausser Betrieb.

Der Plan schafft Klarheit in der Politik, Platz im Netz und Investitionssicherheit für die Wirtschaft für die erforderlichen Ersatzkraftwerke. Der rechtzeitige AKW-Ersatz bringt die erneuerbaren Energien voran und fördert die Energieeffizienz.

"Standpunkt"

swissinfo.ch öffnet seine Spalten für ausgewählte Gastbeiträge. Wir werden regelmässig Texte von Experten, Entscheidungsträgern und Beobachtern publizieren.

Ziel ist es, eigenständige Standpunkte zu Schweizer Themen oder zu Themen, die die Schweiz interessieren, zu publizieren und so zu einer lebendigen Debatte beizutragen.

Die altersschwachen AKW werden immer unzuverlässiger und zum Klumpenrisiko für die Versorgungssicherheit. Der Anteil Atomstrom im Strommix ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Er beträgt heute noch 33%. Ersetzen wir diesen durch erneuerbare Energien wie Sonne, Biomasse (Holz, Abfälle) und Wind, wird unsere Stromversorgung unabhängiger und aufgrund der dezentralen Produktion zuverlässiger.

Alternativen stehen bereit

In den letzten Jahren wurden genügend erneuerbare Energien zugebaut, um die drei ältesten AKW abschalten zu können. Bis 2029 ist auch der weitere Ausbau gut machbar, was Länder wie Dänemark, Portugal und Deutschland in den letzten Jahren vorgemacht haben.

Vom Ausbau profitiert auch die heimische Wasserkraft: Ihr Wert steigt, da sie überschüssige erneuerbare Energie speichert. Auch der Netzbetreiber Swissgrid bestätigt: Die Schweiz ist damit hervorragend für die Energiewende positioniert. Die von den Gegnern verlautbarte Stromlücke ist schlicht falsch: Kaum ein Land ist so hervorragend ins europäische Stromnetz integriert wie die Schweiz. Die tiefen Preise zeigen an: Es gibt zu viel Strom auf dem Markt, nicht zu wenig!

Viele Unternehmen bauen bereits an der Energiezukunft. Gemeinden und Private stehen bereit, ihren Beitrag zu leisten. Zusammen schaffen sie Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie Einkommen in allen Landesregionen. Unabhängige Studien schätzen das Potenzial der Energiewende auf 85'000 neue Arbeitsplätze. Doch solange quersubventionierte AKW den Markt mit Strom schwemmen, ist niemand bereit, die erneuerbaren Ersatzkraftwerke ernsthaft auszubauen.

Wer auch in Zukunft eine sichere und zuverlässige Stromversorgung will, löst die Handbremse und sagt am 27. November Ja. Der Atomausstieg gehört verbindlich in unsere Verfassung.



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