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Rückgang chinesischer Gäste


Schweizer Tourismus vor neuen Herausforderungen


Von Dahai Shao


Die Schweizer Tourismusbranche sieht sich mit einem neuen Problem konfrontiert: Neue Visabestimmungen erschweren Reisen von Chinesen nach Europa. Die chinesischsprachige Redaktion von swissinfo.ch berichtet über die neuen Herausforderungen für den Schweizer Tourismus.

Chinesiche Besucherinnen und Besucher geniessen die Aussicht vom Pilatus auf Alpen und Vierwaldstättersee. (Keystone)

Chinesiche Besucherinnen und Besucher geniessen die Aussicht vom Pilatus auf Alpen und Vierwaldstättersee.

(Keystone)

Vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichte Zahlen zeigen einen Strukturwandel bei der Herkunft der Touristen, welche die Schweiz besuchen. Die Zahl der Reisenden aus Europa, dem traditionellen Auslandmarkt des Schweizer Tourismus, sind stark gesunken. Im Gegenzug sind die Zahlen der Gäste aus China, den Golfstaaten und aus Ländern in Südostasien auf dem Vormarsch. Im letzten Winter jedoch zeigte sich bei Touristen aus China zum ersten Mal ein rückläufiger Trend.

Wie sieht es bei Gästen aus anderen Ländern aus?

Russen: Die erhebliche Abwertung des Rubels und die interne Instabilität des Landes sind die hauptsächlichen Gründe für den Einbruch bei den Besucherzahlen aus Russland. Die russische Regierung rief ihre Landsleute auf, innerhalb Russlands oder in Asien zu reisen. Die neue Visumsvorschrift zur Erfassung der Fingerabdrücke spielte beim Rückgang nur eine kleine Rolle.

Brasilianer: Touristen aus Brasilien brauchen kein Schengen-Visum, aber die schwächelnde Schweizer Wirtschaft und Ängste bei den Touristen betreffend Europa haben die Begeisterung potentieller Besucher gedämpft. Trotzdem wurde eine leichte Zunahme der Anzahl Touristen aus Brasilien (+1,4%) verzeichnet.

Vereinigte Arabische Emirate: Staatsangehörige aus den Emiraten können seit Mai 2015 ohne Visum in die Schweiz einreisen. Einwohner anderer Golfstaaten haben Zugang zu verschiedenen Visumsantragszentren in ihren Ländern. Die grosse Zahl dieser Zentren trug dazu bei, dass Touristen aus diesen Ländern nach wie vor in die Schweiz kommen, trotz der vor zwei Jahren neu eingeführten Visumsbedingungen.  

Inder: Obschon Reisende aus Indien wie die aus China ihre Fingerabdrücke für einen Visumsantrag erfassen lassen müssen, wirkte sich die neue Politik nicht auf Touristen aus Indien aus. Unerwarteterweise stiegen deren Zahlen weiter an.

(Quelle: André Aschwanden, PR-Projektleiter, Schweiz Tourismus)

Schweiz Tourismus, die nationale Tourismusorganisation, erklärt, einer der wichtigsten Faktoren für diese Entwicklung sei die neue Vorschrift, dass für das neue biometrische Schengen-Visum die Fingerabdrücke erfasst werden müssen. Diese Vorschrift gilt seit November 2015 für alle Reisenden, die ein Visum für Länder im Schengen-Raum beantragen. Das bedeutet nichts anderes, als dass alle Reisenden aus China für ihren Visumsantrag persönlich bei einem Schweizer Konsulat oder Visazentrum erscheinen müssen.

In der letzten Wintersaison zeigte sich bei Touristen aus China in der Schweiz ein Rückgang. Simon Bosshart, Direktor für die Region Asien-Pazifik bei Schweiz Tourismus, erklärte gegenüber swissinfo.ch, die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus China sei zwar bisher real kaum gesunken, auch wenn es im Januar zu einem kleinen Rückgang gekommen sei. Die Wachstumsrate habe sich jedoch verlangsamt. Bosshart sieht dafür drei Gründe.

Fragile Wirtschaft, Terrorismus und Visaprobleme

Die fragile Konjunkturlage der Schweiz, die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China sowie ein im Vergleich zum Schweizer Franken schwächerer Renminbi sind nach Angaben der chinesischen Tourismusbehörden ein Teil der Gründe für die sinkende Zahl von Reisenden aus China in die Schweiz.

Touristen aus Asien

2015 betrug die Zahl der Logiernächte in Schweizer Hotels insgesamt 35,6 Millionen: 19,6 Millionen entfielen auf Gäste aus dem Ausland, davon 11,8 Millionen aus Europa. Gegenüber 2014 war dies ein Rückgang um respektive 0,8%, 1,7% und 9,3%. Die Zahl der Logiernächte von Gästen aus Europa (ohne Schweiz) war mit 11,8 Millionen so tief wie nie mehr seit 1958. Dieser Rückgang an Gästen gefährdete Arbeitsplätze in der Tourismusbranche und in anderen mit der Branche verbundenen Sektoren.

Deutlich sanken die Logiernächte von Gästen aus folgenden Ländern: Deutschland (-12,3% auf 541'000), Niederlande (-14,4%), Frankreich (-6.2%), Italien (-7,6%) und Belgien (-9,5%). Die Zahl der Logiernächte russischer Touristen sackte um 30,7% ab. Einen Rückgang gab es auch bei den Logiernächten von Touristen aus Grossbritannien (-1,6%).

Kompensiert wurden diese Rückgänge teilweise durch die Logiernächte von Gästen aus Asien, die mit einer Zunahme um 18,6% erstmals die Schwelle von vier Millionen Nächten überstieg.

Die Zahl der Logiernächte von Touristen aus China (ohne Hongkong) erreichte einen neuen Höchstpunkt, nachdem sie 2014 zum ersten Mal die Schwelle von einer Million überschritten hatte. Das absolut stärkste Wachstum lag damit bei 33,3%, ein Plus von 344'000 Nächten; die Gesamtzahl der Übernachtungen lag 2015 bei 1,378 Millionen. China wurde damit für die Schweiz nach Deutschland, den USA und Grossbritannien zur viertgrössten Quelle von Touristen.

Auch die Zahl der Logiernächte von Touristen aus den Golfstaaten nahm zu: um 20,6% gegenüber 2014. Ebenfalls einen Anstieg gab es bei den Logiernächten von Gästen aus Indien (+22%) und Südkorea (+20,5%), während die Übernachtungen von Touristen aus Japan um 10,3% sanken.

Eine Zunahme der Logiernächte gab es auch bei den Gästen aus dem amerikanischen Kontinent (+4,7%) und aus Afrika (+7,5%).

Auch die Zunahme von Terroranschlägen und die andauernde Flüchtlingskrise schreckten viele potentielle Touristen ab. Obschon kurzfristige Spannungen normalerweise keine nachhaltige Wirkung zeigen, tragen die zunehmenden Warnungen vor Anschlägen und die Unberechenbarkeit des Terrorismus sicher zum Risiko eines weiteren Rückgangs beim Tourismus bei.

Zudem machten die neuen Vorschriften zur Erfassung der Fingerabdrücke für das biometrische Schengen-Visum es für gewisse Touristen komplizierter, ein Visum zu beantragen. Die Schengen-Mitglieder setzen alles daran, für Touristen aus China eine mögliche Lösung zu finden. Die Schweiz, die nicht EU-Mitglied ist, bemühte sich aktiv um bilaterale Konsultationen.

Die Tourismus-Destination Schweiz hatte schon zuvor mit verschiedenen ungünstigen Faktoren zu kämpfen. Durch die neue Visums-Politik verschärfte sich die Situation zusätzlich.

Schweiz sondiert Erleichterungen

"Um ihre Fingerabdrücke abzugeben, müssen chinesische Touristen durch die Weite ihres eigenen Landes stapfen, was nichts anderes ist als eine zusätzliche Barriere", erklärte Jürg Schmid, der Direktor von Schweiz Tourismus, in einem Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRF.

Bosshart erklärte seinerseits weiter, dass Tourismusbüro sei mit den Schweizer Behörden im Gespräch, um abzuklären, wie der Prozess zur Beantragung eines Visums vereinfacht werden könnte, zum Beispiel mit dem Einsatz von mobilen Biometrie-Stationen oder von temporären Stellen, an denen Fingerabdrücke erhoben werden könnten, als Alternative zu den bisher existierenden Orten.

Auch sollte festgehalten werden, dass die biometrischen Daten, sind sie einmal erhoben, während fünf Jahren für weitere Visumsanträge genutzt werden können. Die Antragszentren aller Schengen-Staaten haben Zugriff auf die erfassten Daten. Nur zur ersten Erfassung der biometrischen Daten muss man persönlich im Konsulat erscheinen.

Bosshart sagte, sein Büro sein optimistisch, was die Einführung des biometrischen Schengen-Visums betreffe. Falls die von ihm oben erwähnten Massnahmen eingeführt würden, könnten die negativen Auswirkungen der neuen Bestimmungen im Grossen und Ganzen beseitigt werden.

Hassliebe

Schweiz Tourismus antwortete auf die neuen Herausforderungen, indem mehr Geld in Personal und Ressourcen zur Förderung des Wintertourismus gesteckt wurde, im Visier der Werbekampagnen standen neben einheimischen Touristen vor allem Reisende aus aufstrebenden Volkswirtschaften wie China, Indien und Brasilien.

Touristen aus Asien haben jedoch nur eine begrenzte Kenntnis der Schweiz, und ihre Ferienvorlieben unterscheiden sich von jenen der Touristen aus Europa. Verschiedene Schweizer Zeitungen veröffentlichten auch schon Beiträge, in denen über unzivilisiertes Verhalten chinesischer Touristen berichtet wurde, aber auch über die Bedeutung der Chinesen für die Tourismusbranche und deren Einfluss auf lokale Gemeinschaften.

Besucher aus China haben heute in vielen Ländern einen Ruf wegen schlechtem Benehmen – es heisst, sie würden spucken, laut sprechen oder beim Besuch von Toiletten oder beim Essen im Restaurant ein Chaos hinterlassen. Solches Verhalten wird von vielen Leuten in der Schweiz gar nicht gern gesehen.

Stimmungsmache?

So erschienen in Schweizer Zeitungen Artikel wie "Die Situation ist untragbar", "China-Town in Ebikon sorgt für Ärger" oder "Zu laut, zu frech. Schweiz führt Extra-Züge für Chinesen ein!". Die Beziehung der Schweizer zu Touristen aus China kann als eine Art Hassliebe bezeichnet werden.

Die Tourismusbranche ist einer der wichtigsten Pfeiler der Schweizer Wirtschaft. Wird es dem Sektor gelingen, dem labilen Markt zu trotzen und den Wünschen der Touristen zu entsprechen?

Die Entwicklung einer bewussten Marktstrategie ist von entscheidender Bedeutung, um die Schweiz zu einem Magneten für Touristen zu machen und die mit dem Tourismus verbundenen anderen Branchen in Schwung zu halten.


(Übersetzt aus dem Chinesischen von Yi Dong)

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