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Schweizer Engagement in Burkina Faso


Der Markt als Drehscheibe des ländlichen Raums


Von Jean-Michel Berthoud


Eine Frau verkauft auf dem Markt in Fada N'Gourma, Burkina Faso, Gemüse. (Keystone)

Eine Frau verkauft auf dem Markt in Fada N'Gourma, Burkina Faso, Gemüse.

(Keystone)

Die Schweizer Entwicklungs-Zusammenarbeit in Burkina Faso zeigt, wie wichtig die Eigenverantwortlichkeit der einheimischen Akteure ist. Die Erfolge allein nur mit Zahlen zu messen, genügt nicht. Vielmehr zählt auch die Stimme der Bevölkerung.

"Nach der Periode der Expertenberatung haben wir rasch erkannt, dass es darum geht, die Bevölkerung zu befähigen, ihre Entwicklungsziele in die eigenen Hände zu nehmen", sagt Philippe Fayet gegenüber swissinfo.ch.

Der Koordinator des Kooperationsbüros der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, kommt auf die mittelgrosse Stadt Fada N'Gourma (ca. 130'000 Einwohner) zu sprechen.

In dieser 220 km östlich der Hauptstadt gelegenen Gemeinde habe sich der Viehmarkt zu einer eigentlichen Wirtschaftsdrehscheibe entwickelt. "Jede Woche versammeln sich dort Hunderte von Vieh- und anderen Händlern. Das von der Schweiz finanzierte und unterstützte Projekt im Bereich der lokalen Entwicklung hat Auswirkungen, die weit über den lokalen Kontext hinausgehen. Der Markt trägt massgebend zur Entwicklung der ganzen Region bei", so Fayet.

Misstrauen gegenüber dem Wort "Erfolg"

Die mit Schweizer Unterstützung an die Gemeinde Fada N'Gourma entstehende Handelsinfrastruktur, die einen zentralen Markt, einen Viehmarkt und einen Busbahnhof umfasst, scheint also ein Erfolg zu sein. "Ich misstraue dem Wort Erfolg", relativiert der Deza-Koordinator. "Einen Markt geschaffen und ihn zum Funktionieren gebracht zu haben, ist nicht so wichtig wie die Frage, was die Bevölkerung künftig daraus machen wird."

Was andere Leute aus dieser Idee entwickeln würden, um ihre eigenen Probleme zu lösen, sei entscheidend. "Diese unabhängige Wahl von Aktivitäten der Leute, das ist wichtig. Und da müssen wir sie unterstützen. In diesem Sinn ist unsere Tätigkeit im Moment erfolgreich. Unser Engagement muss solche Erfolge weiterführen", sagt Fayet, der für die Jahreskonferenz der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit von der Deza und dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) nach Bern kam.

Eigenverantwortlichkeit und Infrastruktur

Joséphine Ouedraogo, Soziologin, Ex-Ministerin von Burkina Faso und Ex-Generalsekretärin der internationalen Nichtregierungs-Organisation Enda Tiers Monde, hat die Arbeit der Deza in der ländlichen Entwicklung in ihrem Land während der Phase der Entstehung der Bauernbewegung begleitet.

"Es gab eine Deza-Studie über die ländliche Entwicklung, die unter den Bauern von Burkina Faso diskutiert wurde und diese zur Eigenverantwortlichkeit animierte. Damit kamen die Bauern einen wichtigen Schritt vorwärts", sagt sie gegenüber swissinfo.ch.

"Man sieht diese Eigenverantwortlichkeit der lokalen Akteure heute auch an Orten wie dem Markt von Fada: die Aktivitäten der Gemeindebehörden, der Geschäftsleute, der Viehhändler, der Banken, der lokalen Komitees. Da wird man sehen, welchen Erfolg diese Bewegung haben wird."

Jedenfalls sei jetzt eine nützliche Infrastruktur errichtet worden, betont Joséphine Ouedraogo. "Eine Infrastruktur, die sogar traditionelle Kreise wie die Viehhändler mobilisiert. Und auf diesem Viehmarkt in Fada gibt es noch viele andere Aktivitäten und Austauschmöglichkeiten, auch mit Händlern aus anderen Nachbarländern." Die Einkünfte dieses Marktes erlaubten es den Gemeindebehörden, in anderen Sektoren zu investieren, so die Soziologin.

Noch weiter Weg zum Demokratieaufbau

Burkina Faso also auf gutem Weg in die Zukunft? "Das würde ich so nicht sagen", antwortet Joséphine Ouedraogo. "Wir haben eine Marktwirtschaft, die sich erst entwickeln muss, ebenso die Bauernbewegung. Wir müssen noch einen weiten Weg zum Aufbau einer Demokratie gehen, das ist ein sehr langer Prozess."

Was jetzt passiere sei, "dass die Bevölkerung – ob mit oder ohne Entwicklungshilfe – sich bewusst geworden ist, dass sie vom Staat oder auch von den lokalen Behörden die Verwirklichung von Versprechungen fordern kann".

Die Soziologin erwähnt ein Beispiel: In einem ländlichen Dorf hätten die Schülerinnen und Schüler ein Sit-in gemacht – und nicht die Eltern der Schüler –, um die Entlassung eines Lehrers zu fordern. Dieser war schlecht und gewalttätig. Die Behörden mussten ihn entlassen und durch einen anderen Lehrer ersetzen.

"Das geschah ohne Hilfe einer Entwicklungsorganisation" (lacht). Diese Wahrnehmung der Eigenverantwortlichkeit, dieses Selbstbewusstsein – das seien wichtige Mittel auf dem Weg zu einem Rechtsstaat.

Lösungskultur entwickeln

In Projekten gebe es auch immer Fehler, räumt Deza-Koordinator Philippe Fayet ein.

"Wir haben einen Busbahnhof in Fada N'Gourma, der schlecht funktioniert, wegen der Verhandlungen mit den Gewerkschaften. Ein Problem, das nicht eines der Deza ist, sondern eines der Behörden, weil sie es heruntergespielt haben."

Wichtig sei da eine Lösungskultur: "Ich glaube, solche Probleme gibt es auch in der Schweiz. Die Frage stellt sich überall gleich: Wie sind solche Schwierigkeiten zu überwinden?"

Stimme der lokalen Bevölkerung

Für Fayet ist klar, dass die Wirksamkeit der Entwicklungshilfe nicht allein mit Zahlen gemessen werden kann. Vielmehr müsse man die Stimme der lokalen Bevölkerung mit anhören.

Die Deza bleibt noch bis 2016 aktiv in Burkina Faso. Und dann? "Die ausländischen Hilfsorganisationen müssen weggehen. Sonst fühlen wir uns immer unter deren Schirmherrschaft, unselbständig, hilfsbedürftig", betont Joséphine Ouedraogo.

"Ich sage nicht, dass es keine Hilfe von aussen braucht, aber es muss eine andere Hilfe sein. Länder wie Burkina Faso müssen fähig sein, mit ihren eigenen Ressourcen vorwärts zu gehen. Wir müssen selber unsere Partner auswählen und ihnen sagen, wir brauchen jetzt dies oder das. Vielleicht wird es dann wieder die Deza sein…"

Der Alphabetisierungs-Fonds FONAENF

In Burkina Faso gründete die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) mit Hilfe der Regierung und weiterer Partner den nationalen Alphabetisierungsfonds FONAENF (Fonds pour l’Alphabétisation et l’Education Non Formelle).

Der Fonds hat das Ziel, mehr Menschen den Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen und die Qualität des Bildungssystems zu verbessern.

Zudem können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Kursen fundamentale Kenntnisse und Kompetenzen erwerben, die zur Verbesserung ihrer Lebenssituation beitragen.

Das Schweizer Engagement für den FONAENF hat seit dessen Gründung im Jahr 2002 zur Alphabetisierung von rund 500’000 Menschen – davon 60% Frauen – und damit zur direkten Verbesserung der Alphabetisierungsrate beigetragen.

(Quelle: Deza)

swissinfo.ch



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