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Schweizer Film "Die Kontrolle der weiblichen Sexualität ist ein globales Thema"

 Rokudenashiko unterwegs in Tokio

Sie machte einen 3D-Abdruck ihrer Vagina, baute daraus ein Kanu und paddelte durch Tokio: Rokudenashiko, Manga-Künstlerin und Bloggerin aus Japan

(Mons Veneris Films GmbH, Jason Ashwood)

In der Schweiz ist #Female Pleasure der meistgesehene Dokumentarfilm 2018. Im Film geht es weniger um die weibliche Lust als um deren Unterdrückung. Fünf Frauen erzählen über sexuelle Gewalt. Weshalb der Film für alle Frauen und Männer gedacht ist, erklärt die Schweizer Regisseurin Barbara Miller.

Es ist eine Szene aus dem Erfolgsfilm "Female Pleasure": Männer, Frauen und Kinder lutschen an bunten Eisstengeln, die anatomisch korrekt dem Penis nachempfunden sind. Im Hintergrund tragen festlich gekleidete Männer eine meterhohe Penisskulptur vorbei. Darüber die Stimme der Japanerin Rokudenashiko.

Barbara Miller, Schweizer Regisseurin

(Jason Ashwood)

"Die Verehrung des Penis ist akzeptiert. Ich entschied, einen 3D-Abdruck meiner Vagina zu machen", sagt sie.  Die Künstlerin baute daraus ein Kanu und paddelte durch Tokio – und wurde wegen "Obszönität" und "Erregung öffentlichen Ärgernisses" angeklagt und einen Monat in Untersuchungshaft gesteckt.

Nicht nur in Japan ist die weibliche Sexualität ein Tabu, wie der Film #Female Pleasureexterner Link zeigt. Rokudenashiko, die japanische Manga-Künstlerin und Bloggerin, Vithika Yadav, die indische Gründerin eines Sexualaufklärungs-Projektsexterner Link, die Deutsche Doris Wagner, die in einem katholischen Orden sexuell missbraucht wurde, Leyla Husseinexterner Link, die britisch-somalische Kämpferin gegen Genitalverstümmelung, die Jüdin Deborah Feldmanexterner Link, die aus einer chassidischen Gemeinschaft in New York floh.

Sie alle vereint der Kampf gegen Gewalt an Frauen und für das Recht, ihre Sexualität frei zu leben. Hussein bringt das Thema des Films für das Publikum auf den Punkt: "Es geht um die Kontrolle der weiblichen Sexualität, und das ist ein globales Thema."

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Im Schlaglicht von #MeToo

Obwohl der Film aufzeigt, wie in jeder Weltreligion der Frauenkörper als schamvoll und unrein gilt, die weibliche Sexualität unterjocht wird, geht es in #Female Pleasure nicht um das Thema "Frau und Religion". Für die Regisseurin Barbara Miller standen universelle Fragen im Vordergrund: "Wie geht es Frauen auf der ganzen Welt in Bezug auf ihre Sexualität und was sagt das über ihre Stellung in der Gesellschaft aus? Welches System, welche Strukturen stecken dahinter, dass Frauen auf der ganzen Welt, ihre Sexualität nicht frei leben können oder wenn sie es tun, verfolgt, geächtet oder diffamiert werden?"

Die #MeToo-Bewegung hat durch die Veröffentlichung von Fällen sexueller Übergriffe und Machtmissbrauch ein Schlaglicht auf die Rechte und die Sexualität von Frauen geworfen. #Female Pleasure zeigt, dass es in der Genderdebatte nicht nur um die Gleichstellung von Mann und Frau am Arbeitsplatz geht, sondern auch in der Sexualität. Gerade deshalb geht der Film alle Frauen an, weltweit und in jedem Alter, sagt Miller.

Bewusst hat sie für ihren Film fünf bekannte Aktivistinnen gewählt. Die Frauen haben sich durch ihre öffentlichen Aussagen, in denen sie Traditionen hinterfragt und patriarchale Strukturen angriffen, Gefahren ausgesetzt. Alle wurden beschimpft und angepöbelt, einige von ihnen erhielten Morddrohungen.

Die Jüdin Deborah Feldman floh aus einer chassidischen Gemeinschaft in New York.

(Benyamin Reich)

Die Wahl dieser Frauen, die alle in Grossstädten leben, soll auch zeigen, dass ihre Erfahrungen keine Randerscheinungen aus einer abgeschiedenen Gesellschaft seien, sagt Miller. "Es ging mir darum, die Strukturen und Mechanismen aufzuzeigen, die dahinterstecken. Und die sind auf der ganzen Welt genau gleich. Anhand starker Beispiele werden sie erkennbar. Man kann nicht mehr wegschauen."

Vor allem aber hofft sie, "dass diese Beispiele Frauen Mut machen. Der Film soll ihnen zeigen, dass Frauen etwas verändern können." Auch Frauen in der Schweiz.

"Das ist tief in Frauen eingepflanzt"

Barbara Miller ist 1970 in der Schweiz geboren. Sie glaubt, dass ihre Generation sowohl durch die 1968er-Bewegung, die ihre Eltern miterlebt hätten, geprägt sei, aber auch durch die Generation ihrer Grosseltern. "Meine Grossmutter ging nie ohne Kopftuch aus dem Haus, sie war sehr religiös erzogen. In allen fünf Weltreligionen herrscht dieses Bild vor, dass Frauenkörper weniger wert sind, dass ihre Sexualität das Böse ist," sagt sie. "Frauen in der Schweiz ist oft gar nicht bewusst, dass wir immer noch davon geprägt sind."

Schweizer Frauen teilen mit vielen Frauen weltweit zwar "dieses Gefühl, dass sie immer wahnsinnig nett, schön, gut sein müssen, damit sie dieselben Rechte wie die Männer haben". Miller ist aber überzeugt, dass Schweizerinnen entgegen ihrem Ruf nicht verklemmt oder prüde seien. Während ihrer Arbeit an Dokumentarfilmen über die Klitoris und Internetpornographie hat sie Frauen in Strassenumfragen interviewt. "Schweizer Frauen sind sehr offen. Wenn sie auf diese Themen angesprochen werden, reden sie sehr viel," sagt sie.

"Wenn aber Leyla Hussein im Film sagt, es gehe ein Chor von 'fake orgasms' durch die Welt, bedeutet das, dass viele Frauen sich etwas anderes wünschten und sich nicht getrauten, ihre Bedürfnisse zu äussern. Zu glauben, wir müssten den Männern gefallen, ist tief in uns Frauen weltweit eingepflanzt," sagt Miller. "Es ist wichtig, dass Frauen selbstbewusst ihre Sexualität einfordern."

Männer, die "schweigende Mehrheit"

Dazu braucht es bereitwillige Männer. Sie sind im Publikum von #Female Pleasure in der Minderheit. Miller hat jedoch viele Zuschriften von männlichen Zuschauern bekommen und erhielt an Veranstaltungen positive Reaktionen von beiden Geschlechtern. "Die Männer sagen mir, sie könnten nun besser verstehen, was es heisst, eine Frau zu sein."

Miller ist überzeugt, "es gibt in unserem Kulturkreis die grosse schweigende Mehrheit von Männern, die mit Frauen eine respektvolle, lustvolle Partnerschaft auf Augenhöhe haben möchten". Wie die Jüdin und Autorin Deborah Feldman im Film, die sagt: "Die Frage ist nicht, welches Geschlecht sich zuerst ändert. Wir alle müssen uns ändern."

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