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Schweizer Hilfswerke "Die unbeschwerten Jahre der Entwicklungsorganisationen sind vorbei"

Männer tragen Säcke in ein schmales Boot.

HEKS-Reissäcke für notleidende Menschen auf den Philippinen nach dem Taifun "Haiyan" 2013. Das Schweizer Hilfswerk gab kürzlich seine Fusion mit Brot für alle bekannt.

(Keystone / Mark Demayo)

Innenpolitischer Druck, Konkurrenz aus dem Ausland, Streichung der EU-Gelder: Schweizer Hilfswerken bläst zurzeit ein steifer Wind entgegen, es kommt zu Entlassungen und Fusionen. Ein Gespräch über eine Branche im Wandel mit Daniel Hitzig von Alliance Sud.

Schweizer Hilfswerke sorgten zuletzt für wenig erfreuliche Schlagzeilen. Jüngstes Beispiel ist die Terre des hommes Fondation in Lausanneexterner Link. Das Kinderhilfswerk steckt in finanziellen Schwierigkeiten und muss über 60 Stellen streichen.

Nebst Terre des hommes baut auch das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweizexterner Link (HEKS) Stellen ab. Bis 2021 werden das HEKS und Brot für alleexterner Link zudem fusionieren.

swissinfo.ch hat mit Daniel Hitzig über die Situation auf dem "Markt der Entwicklungsorganisationen" gesprochen. Hitzig ist seit 2013 Kommunikationsverantwortlicher bei Alliance Sudexterner Link, der entwicklungspolitischen Denkfabrik mehrere Schweizer Hilfswerke.

Daniel Hitzig von Alliance Sud.

(Daniel Rihs/Alliance Sud)

swissinfo.ch: Wo drückt der Schuh?

Daniel Hitzig: Es gibt viele Gründe für die schwierige Situation, in der sich die Schweizer Entwicklungsorganisationen befinden. Die Welt verändert sich schnell und das Klima gegenüber der Arbeit von nicht profitorientierten NGOs hat sich verschlechtert.

swissinfo.ch: Bitte nennen Sie ein paar Beispiele.

Da ist etwa der Streit zwischen Bern und Brüssel um ein Rahmenabkommen. Dieser führte anfangs Jahr zu Budget-Kürzungen bei Schweizer Hilfswerken und deren Benachteiligung im Vergleich zu ihrer ausländischen Konkurrenz.

Schon länger her ist die sogenannte Migrationskrise. Sie verlieh dem populistischen Diskurs Rückenwind, wonach kein Geld mehr in den Süden zu schicken sei, wenn es nicht einmal für die Rentnerinnen und Rentner in der Schweiz reiche. Obwohl die beiden Sachverhalte nichts miteinander zu tun haben.

Ein weiterer Faktor ist der neue Aussenminister Ignazio Cassis mit seiner Switzerland-first-Rhetorik und der Ausrichtung der Entwicklungshilfe auf Migration. Auch die Ansicht, wonach die Zukunft der Entwicklungszusammenarbeit in der Zusammenarbeit mit privatem Kapital liege, gewinnt immer mehr an Boden.

Tagesschaubericht Entwicklungszusammenarbeit

Tagesschaubeitrag zu den Plänen von Cassis mit Blick auf die Entwicklungshilfe

SRF Tagesschau vom 2.5.2019

swissinfo.ch: Vieles davon hat sich in den letzten Jahren abgezeichnet. Dennoch scheinen die Hilfswerke nun aus allen Wolken zu fallen. Haben sie es verpasst, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen?

D. H.: Die Organisationen sind sich dieser Dynamik durchaus bewusst. Stark variiert die Art und Weise, wie die einzelnen Werke auf den Wandel reagieren. Einige Organisationen haben in ihren Strategien bereits Anpassungen vorgenommen – ob und wann diese fruchten, ist eine andere Frage.

swissinfo.ch: Dennoch ist die Branche nicht gerade bekannt für Flexibilität. Hilfswerke sind aber der Konkurrenz ausgesetzt wie andere Unternehmen auch. Agilität und Antizipation gelten in einem kompetitiven Umfeld als überlebenswichtig.

D. H.: Klar sind Entwicklungsorganisationen auch Unternehmen. Im Unterscheid zu anderen erhalten sie jedoch Spendengelder. Das exponiert die Hilfswerke natürlich, die Öffentlichkeit schaut bei ihnen genauer hin und das ist auch richtig so.

"Viele ausländische Hilfswerke kommen nur der Spenden wegen in die Schweiz."

Ende des Zitats

swissinfo.ch: Wie steht es um die Akzeptanz der Hilfswerke in der Schweizer Bevölkerung?

D. H.: Die ist immer noch sehr gross. Dieses Vertrauen ist ein kostbares Gut und die Hilfswerke überlegen sich in diesem sich schnell verändernden Umfeld, was sie dazu beitragen können, damit das so bleibt. Stichwort: Glaubwürdigkeit. Es besteht jedoch die Gefahr einer gewissen Ermüdung seitens der Spendenden: Diese werden von immer mehr Organisationen zu immer mehr Spenden aufgefordert.

swissinfo.ch: Gibt es also zu viele Hilfswerke in der Schweiz?

D. H.: Der Spendenmarkt Schweiz ist nach wie vor sehr attraktivexterner Link: Erstens geht es uns wirtschaftlich sehr gut und zweitens gibt es – neben der Steueroase Schweiz – doch auch eine humanitäre Tradition in diesem Land. Viele ausländische Hilfswerke kommen nur der Spenden wegen in die Schweiz. Sie eröffnen ein kleines Büro mit zwei, drei Angestellten, die äusserst professionelle Spendenkommunikation betreiben.

swissinfo.ch: Medien berichten, einige Hilfswerke seien zu schnell gewachsen. Haben sie aufgrund des Konkurrenzkampfes Projekte angerissen, ohne deren Finanzierung sicherzustellen?

D. H.: Eine NGO zu steuern ist eine komplexe Managementaufgabe. Ich schliesse nicht aus, dass sich hier die einen oder anderen verkalkuliert haben. Manager machen Fehler, auch in der Entwicklungszusammenarbeit.

swissinfo.ch: Wie sieht die Schweizer Entwicklungs-Branche in zehn Jahren aus?

D. H.: Ich gehe davon aus, dass das Umfeld schwierig bleibt. Die Jahre, in denen Hilfswerke wachsen konnten, in denen sie kaum in Frage gestellt wurden, sind vorbei. Ich kann mir gut vorstellen, dass es in ein paar Jahren nicht mehr gleich viele Organisationen geben wird wie heute. Die eine oder andere wird möglicherweise die Segel streichen müssen und weitere Zusammenschlüsse schliesse ich nicht aus.

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