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Standpunkt Ein Boykott von Gold aus Kleinbergwerken ist keine Lösung

Women pan for gold along the Dagua River in Zaragoza, Colombia

Kolumbien: Frauen suchen am Dagua-Fluss in Saragossa nach Gold.

(Keystone )

Der Schweizer Edelmetallverarbeiter Metalor verzichtet künftig auf die Verarbeitung von Gold aus dem handwerklichen Bergbau. Er will nur noch Gold aus dem Industriebergbau kaufen und reagiert damit auf anhaltende Kritik an seiner Beschaffung von Gold. Strafrechtsprofessor Mark Pieth kritisiert diesen Entscheid als "vorsätzlich blind".

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Die plötzliche Entscheidung des Schweizer Raffinerie-Giganten Metalor, ein pauschales Verbot von Gold aus Kleinbergwerken in Kolumbien und Peru zu verhängen, ist eine verständliche Kurzschlussreaktion auf das wachsende öffentliche Entsetzen über die mit dem handwerklichen Bergbau verbundenen Fragen der Menschenrechte, der Umwelt und der organisierten Kriminalität.

Doch handelt es sich dabei um eine kurzsichtige Geschäftsentscheidung, oder besser gesagt, sie ist vorsätzlich blind.

Unhaltbare Arbeitsbedingungen

Tatsächlich sind die Bedingungen, wie von der Nachrichtenagentur Reuters berichtet, in vielen handwerklichen Minen und den umliegenden Gemeinden oft entsetzlich und gefährlich – insbesondere in den illegalen Minen, die von organisierten Kriminellen und nicht von traditionellen Minengesellschaften betrieben werden.

Standpunkt

swissinfo.ch öffnet seine Spalten für ausgewählte Gastbeiträge. Wir werden regelmässig Texte von Experten, Entscheidungsträgern und Beobachtern publizieren. Ziel ist es, eigenständige Standpunkte zu Schweizer Themen oder zu Themen, welche die Schweiz interessieren, zu publizieren und so zu einer lebendigen Debatte beizutragen.

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Mit eigenen Augen habe ich gesehen, wie Frauen mit blossen Händen Quecksilber benutzen und Männer in 28 Tage dauernden Schichten unter sklavenähnlichen Bedingungen in unsicheren, in die Felswand gehauenen Tunnels arbeiteten. Dabei überleben sie in Barackenstädten, die für ihre Waffengewalt, Zwangsprostitution und ihre Entführungen berüchtigt sind, wie etwa in La Rinconada in Peru.

100 Millionen Menschen betroffen

Aber – und diesen Einwand möchte ich betonen –, wenn weitere Raffinerien dem Beispiel Metalors folgen, anstatt sich vielmehr mit den Problemen zu befassen und nach Lösungen zu suchen, hätte dies für die 100 Millionen Menschen weltweit, die für ihren Lebensunterhalt auf den handwerklichen Goldabbau angewiesen sind, katastrophale Folgen.

80 Prozent der Bergleute arbeiten in Kleinbergwerken, erwirtschaften aber nur 20 Prozent der 3200 Tonnen neu abgebauten Goldes, das jedes Jahr weltweit raffiniert wird. Die verbleibenden 80 Prozent unseres Goldes stammen aus wuchernden Industrieminen, die sich im Besitz mächtiger Konzerne wie Newmont Mining in den USA oder dem multinationalen, in Kanada ansässigen Barrick Gold befinden.

Erstens ist es wirtschaftlich schlicht nicht haltbar, 20 Prozent der weltweiten Goldproduktion zu ignorieren. Wenn verantwortungsbewusste Raffinerien handwerklich abgebautes Gold ablehnen, landet es stattdessen in den Kesseln schlecht regulierter Raffinerien, die Sorgfaltspflichten systematisch missachten, etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder in Indien.

Zweitens ist es ein grundlegender Fehler anzunehmen, dass Gold aus grossen Industriebergwerken sauberer sei als Gold aus dem handwerklichen Bergbau.

Umweltschäden und Vertreibung

Mark Pieth ist Professor für Strafrecht an der Universität Basel. Er ist bekannt für seine Vorreiterrolle bei Initiativen zur Bekämpfung von Korruption und Geldwäscherei in all ihren Formen.

(Universität Basel)

Toxische Stoffe gelangen mit fatalen Folgen in die Trinkwasserversorgung und in wichtige Flussadern, etwa durch die Beschädigung von Cyanidbecken – wie bei der Katastrophe des Dammbruchs von Baia Mare – oder durch giftige Minenentwässerung nach der Aufgabe der Minen. Riesige Halden von kontaminiertem Müll verwandeln ganze Landschaften in unbetretbare Industriebrachen.

Gewalttätige Vertreibung durch Korruption ist weit verbreitet: In Ghana gibt es sogar einen eigenen Begriff – galamsey – für traditionelle Minenarbeiter, die durch Zwangsvertreibung ohne Entschädigung in die Illegalität gedrängt werden.

Wie handeln?

Was also sollten Metalor und andere verantwortungsvolle Goldraffinerien mit ihrer gebündelten Macht tun, um die Branche zu verändern?

Zunächst: Das Ausmass der Probleme anerkennen und ihre Bereitschaft darlegen, sich einzulassen – sowohl auf die Probleme als auch auf Akteure, die versuchen, sie zu lösen.

Zweitens: Die offensichtlichen Tabus präzise benennen, wie etwa Gold aus Krisengebieten (z.B. dem Sudan) oder aus Kinderarbeit (wie sie in den Minen vieler Länder weit verbreitet ist, darunter in Burkina Faso, Niger und der Elfenbeinküste).

Und drittens: Mit den anderen Raffinerien zusammenarbeiten, die Probleme des handwerklichen Bergbaus gemeinsam angehen und so helfen, den Standard für jene 100 Millionen verarmten Menschen zu heben, die auf den Goldbergbau angewiesen sind.

Tragbare Kosten

Metalor benennt die "Mittel zur Sicherstellung der Compliance" als Grund für sein pauschales Verbot von handwerklich gewonnenem Gold. Doch die Kosten für ordnungsgemässe, transparente Audits der gesamten Goldlieferkette sind für eine Raffinerie dieser Grössenordnung nicht mehr als ein Taschengeld – und würden die Raffinerien gemeinsame Anstrengungen unternehmen, wäre es für sie nur mehr Goldstaub.

Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten sind ausschliesslich jene des Autors und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken.

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Mark Pieths Buch "Goldwäsche – Die schmutzigen Geheimnisse des Goldhandelsexterner Link" bietet umfassenden Einblick in den globalen Goldhandel, seine Geschichte und seinen Einfluss auf unser tägliches Leben sowie die Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen, die er bis heute verursacht. Das Buch erscheint am 19. Juni im Schweizer Salis Verlag in deutscher Sprache und am 28. Juni auf Englisch.

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