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Stimmen von Schweizer Juden


Bedingung für Frieden: Anerkennung Israels und Palästinas als Staaten




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Keine Steine und keine Bomben mehr: Schweizer Juden verlangen die Schaffung von zwei Staaten für Israelis und Palästinenser. (Keystone)

Keine Steine und keine Bomben mehr: Schweizer Juden verlangen die Schaffung von zwei Staaten für Israelis und Palästinenser.

(Keystone)

Jochi Weil, Erich Bloch und Victor Weiss sind in der Schweiz geboren und in jüdischen und vom Horror der Naziherrschaft und der Begeisterung für den neuen Staat Israel geprägten Familien aufgewachsen. Die drei diskutieren über die letzte israelisch-palästinensische Krise. Der Waffenstillstand vom 26.8. lässt einen Hoffnungsschimmer erblicken.

"Die Angriffe auf Gaza und Israel müssen sofort aufhören und man muss sich an den Verhandlungstisch setzen", meint Weil. "Sprechen ist besser, als Bomben und Raketen abzuschiessen. Wir müssen die Palästinenser anerkennen und sie uns", entgegnet Bloch. "Ich sehe nicht gerne so viele Tote und so viele unschuldige Opfer", erwidert Weiss.

Erich Bloch und Victor Weiss leben in Israel und vertreten im Auslandschweizerrat die 18`000 in Israel lebenden Auslandschweizer. Jochi Weil wohnt in der Schweiz und betreute während 30 Jahren medizinische Hilfsprojekte in Israel und Gaza.

Bloch ist Mitglied der sozialdemokratischen Partei der Schweiz und Israels und Weiss ist stellvertretender Direktor der Wissenschaftsabteilung des Ministeriums für Wissenschaft, Technologie und Raumfahrt. Beide machten in der zionistischen Jugendbewegung mit.

Alternative zum Antisemitismus

"Als Jude fühlte ich mich motiviert, denn 1976 war Israel ein sehr junger Staat und die einzige Heimat für das jüdische Volk auf der Welt. Ich war sehr begeistert und wollte mich an seinem Aufbau beteiligen. 1970 fuhr ich zum ersten Mal nach Israel und 1983 zum zweiten Mal, um zu bleiben", erzählt der aus Bern stammende Wissenschaftler mit einem Doktortitel am Weizman Institute of Science in Israel.

Erich Bloch sah im Zionismus und dem Staat Israel eine Alternative zum Antisemitismus in Europa. Er teilte seine Arbeit als Parlamentarier in der Schweiz mit seiner Mitgliedschaft in der zionistischen Bewegung.

Er ist bereits pensioniert, aber weiterhin politisch aktiv. So gründete er vor kurzem die israelische Sektion der internationalen Abteilung der Schweizer Sozialdemokraten.

Immer gibt es eine Lösung

Jochi Weil wurde 1942 in Zürich geboren und ist ebenfalls pensioniert. Seine Mutter kam in Hamburg zur Welt und konnte der Nazi-Herrschaft entfliehen. Zwei Schwestern hatten nicht dasselbe Glück und starben im KZ.

"Ich kenne die Erfahrungen des Holocaust meiner Familie. Ich bin in einer ziemlich liberalen Familie, vor allem mütterlicherseits, aufgewachsen. Meine Mutter sagte immer, man müsse gegenüber allen Menschen offen sein. Das ist für mich wie ein Erbe."

Für ihn ist es immer möglich, eine Lösung zu finden und nie mehr in eine Situation wie während des 2.Weltkriegs zu erleben: "Als Juden haben wir die grosse Verantwortung, dies nicht nur für uns, sondern für alle Menschen auf der Welt, zu verhindern."

"Es ist unumgänglich, von gleich zu gleich zu verhandeln, um eine gerechte Lösung zu finden. Für mich besteht sie in der Gründung eines palästinensischen Staates mit den Grenzen vor dem Krieg von 1967", unterstreicht Weil.

Die gegenwärtige Situation ist weder für Israel noch für das palästinensische Volk gut. Ich bin für die Gründung von zwei Staaten: Israel und Palästina. Zwei Staaten, die in Sicherheit und Freiheit koexistieren", beteuert Bloch. "Zwei Staaten, die zusammenleben und zwar mit denselben Rechten", fügt Weiss hinzu.

Schweizer Schutzstrategie im Falle eines Angriffs

Das Aufheulen der Sirenen warnt die Bewohner von Rohovot im Süden Tel Avivs in der Nähe der Grenze zum Gaza-Streifen, wo Victor Weiss wohnt, in die Schutzräumen zu rennen. Erich Bloch musste ein halbes Dutzend Mal in Unterschlüpfen in der Nähe seines Hauses in Netanya Zuflucht suchen. "Das ist wirklich stressig", sagt er.

Die Schweizer Kolonie bemüht sich um die Sicherheit ihrer Mitglieder. Bloch erzählt, dass sie dank der finanziellen Hilfe der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz für den Fall einer Evakuierung in der Stadt ein Hotel gemietet haben.

Weiss und Bloch sind Mitglied der Auslandschweizer-Organisation (ASO) und reisten Mitte August an den Jahreskongress der Organisation in Baden. Sie verlangten die Aufrechterhaltung der obligatorischen Registrierung der Auslandschweizer. "Aus Sicherheitsgründen ist dies für uns sehr wichtig", betont Bloch.

"Fast wie im Frieden"

Jochi Weil lebt in Zürich, aber pflegt weiter sein seit 1981 aufgebautes Beziehungsnetz, als er während 30 Jahren als Betreuer medizinischer Hilfsprojekte zwischen Gaza, Cisjordanien und Israel hin- und herreiste. "Zusammen haben wir Patienten während vieler Stunden behandelt und es bestand ein angenehmes Arbeitsklima. Wir haben uns fast wie zu Friedenszeiten gefühlt." Heute sei die Situation davon weit entfernt.

Rabin-Platz Tel Aviv, 14. August 2014: Tausende von Israelis fordern einen besseren Schutz für die Grenzstädte zum Gazastreifen. (Keystone)

Rabin-Platz Tel Aviv, 14. August 2014: Tausende von Israelis fordern einen besseren Schutz für die Grenzstädte zum Gazastreifen.

(Keystone)

Unsere Gesprächspartner sind sich einig, dass die Schweiz als Uno-Mitglied und Depositarstaat der Genfer Konventionen dringend eine internationale Konferenz einberufen müsse, um der Gewalt Einhalt zu gebieten. "Wir können nicht 10, 20, 30 Jahre so weitermachen. Die Lage ist festgefahren und wir müssen verhandeln. Es braucht neue Ideen und mehr Mut. Ich hoffe, es sei möglich", sagt Bloch.

"Es wurden viele Verbrechen, vor allem seitens Israels, aber auch seitens der Palästinenser, begangen. Es ist äusserst wichtig, an den Internationalen Strafgerichtshof zu gelangen, um diese Verbrechen juristisch aufzuklären", betont Weil.

Seit dem Ausbruch der Gewalteskalation am 8.Juli sind mehr als 2100 Palästinenser, zum Grossteil Zivilisten und davon 500 Kinder, ums Leben gekommen. In Israel gab es 70 Todesopfer, inbegriffen 4 Zivilisten und ein 4-jähriges Kind.

Weiss gibt zu, dass es viele Tote gab: "Ich sehe das nicht gern. Ich sehe nicht gern so viele Tote und so viele unschuldige Opfer", besteht aber darauf, dass Israel seine Bevölkerung gegen die ständigen Angriffen verteidigen müsse. "Diese waren intensiv mit Tausenden von Raketen in den vergangenen Monaten" und fügt hinzu, dass Hamas die Zivilbevölkerung und deren Infrastruktur zum eigenen Schutz benütze.

Nada Towers, in der Nähe von Beit Lahiya: Die Zerstörungen in Gaza sind enorm. (Keystone)

Nada Towers, in der Nähe von Beit Lahiya: Die Zerstörungen in Gaza sind enorm.

(Keystone)

Recht auf Widerstand

Weil fragte seine Kontakte in Gaza, ob Hamas Menschen als Schutzschilder benütze. "Eine ´nicht dogmatische´ Palästinenserin und Mutter von fünf Kindern antwortete mir: ´Ich unterstütze Hamas nicht, doch sie kämpfen für unsere Freiheit´."

"Mir gefällt Hamas auch nicht", betont er, "doch es ist eine Widerstandsbewegung. Vor allem die Palästinenser im Gaza-Streifen wurden so stark unter Druck gesetzt, dass sie ein Recht auf Widerstand haben."

Für Jochi Weil, der während 30 Jahren im Auftrag der ehemaligen Ärztevereinigung Central Sanitaire Suisse (CSS) zwischen israelischen und palästinensischen Gemeinschaften Brücken baute, ist die Aufhebung der Blockade Gazas und so den Palästinensern "die Möglichkeit zu geben, sich das Leben, ein würdiges Leben, zu verdienen", eine dringende Notwendigkeit.

Bloch sieht dies alles sehr schwierig: "Ich glaube auch, dass die Blockade beendigt werden muss, doch zuerst muss es für Israel Sicherheit geben. Diese ist vorrangig."

Laut Weiss muss es ein Abkommen geben und Gaza sich verpflichten, keine Raketen mehr gegen Israel abzuschiessen. Dann werden wir mit der Lösung von zwei Staaten Frieden haben und Israel wird die Blockade vollständig aufheben können."

Aus seiner Sicht kann nach dem Abschluss eines umfassenden Friedensabkommens auch das Problem der Siedlungen gelöst werden. Schon die Auflösung israelischer Siedlungen im Sinai und im Gazastreifen waren eher eine Lösung als ein Problem.

Bloch ist ein überzeugter Gegner dieser Siedlungen und verlangt als minimales Zugeständnis ein Moratorium, während sich Weil an die Worte einer befreundeten Historikerin erinnert: "Die Siedlungen zerstören unsere jüdische Seele."

Auch Weiss ist überzeugt, dass Israel wirklich Frieden will und bereit ist, Zugeständnisse zu machen. Laut Bloch braucht es für einen Verhandlungsfrieden "eine intelligente Politik, ein wenig Psychologie und Vertrauen zwischen den Konfliktparteien." Weil bittet auch um Verständnis: "Mit unserer Geschichte haben wir Juden grosse Angst. Man muss auch unsere Gefühle verstehen, doch dies ist keine Entschuldigung für die Bekämpfung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes."


(Übersetzt aus dem Spanischen: Regula Ochsenbein), swissinfo

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