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Weltausstellung


Expo Milano 2015 schliesst Tore: Viele Besucher und verpasste Chancen


Von Michele Novaga, Mailand


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Das Ende der Weltausstellung von Mailand ist gekommen. Und es kann Bilanz gezogen werden. Die Veranstaltung war zweifellos ein Publikumserfolg, doch die inhaltliche Dimension liess zu wünschen übrig. Kritiker sind überzeugt, dass die der Beitrag der Expo zum Thema Welternährung nicht in Erinnerung bleiben wird. Immerhin schnitt der Schweizer Pavillon gut ab.

Auch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga trug sich in das Besucherbuch der Expo Milano 2015 ein. (Keystone)

Auch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga trug sich in das Besucherbuch der Expo Milano 2015 ein.

(Keystone)

Menschenmassen an den Eingängen zum Areal und vor den Länderpavillons, bunte Paraden auf der Hauptstrasse Decumanus, unzählige Debatten, etliche Besuche von Staatsoberhäuptern, bilaterale Treffen, und natürlich viel zu Essen: All dies zeichnete die Weltausstellung Expo Milano 2015 aus, die am 31.Oktober nach sechs Monaten ihre Tore schliesst.

Zuletzt gab es vor allem hitzige Diskussionen über das stundenlange Schlange stehen vor den Pavillons. Doch jetzt verlagert sich die Diskussion auf die Frage, was die Weltausstellung von Mailand wirklich gebracht hat. Was wird ihr Erbe sein?

Unbestrittener Publikumserfolg

Sicher ist: Angesichts der erreichten Besucherzahlen können die Organisatoren frohlocken. Anfänglich hatte niemand an die Expo geglaubt, insbesondere die Italiener selbst waren skeptisch. Die Kritiker hatten vorausgesagt, dass die Expo ein Fehlschlag werden wird. Doch dann kam die Wende. Mehr als 21 Millionen Tickets wurden verkauft. Auf dem Expo-Gelände fanden Tausenden von Events statt. Es handelt sich zweifellos um beeindruckende Zahlen.

Zudem besuchten etliche internationale Staatsoberhäupter und Regierungsmitglieder die Expo Milano: Wladimir Putin, Angela Merkel, David Cameron, Benjamin Netanyahu und John Kerry, um nur einige zu nennen. Der Besuch von UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verlieh dem Anlass ebenfalls internationalen Touch.

Auch die wirtschaftliche Bilanz fällt offenbar positiv aus: Erste Schätzungen einer Studie der Wirtschaftsuniversität SDA Bocconi in Mailand, die von der Expo selbst in Auftrag gegeben wurde, sprechen von einem erwirtschafteten Mehrwert in Höhe von 10 Milliarden Euro. Das Ergebnis trägt damit zu einer graduellen Erhöhung des Bruttoinlandprodukts Italiens bei. Und die positiven finanziellen Auswirkungen dürften bis 2020 spürbar bleiben.

"Die Expo in Mailand hat aufzeigt, wie man Attraktivität schaffen kann; sie hat zu einer Aufwertung der Metropole Mailand in der ganzen Welt beigetragen. Organisation und Promotion vereinen sich in diesem Modell", erklärte Expo-Generalkommissar Giuseppe Sala.

Die Expo Milano 2015 in Zahlen

Mehr als 21 Millionen Besucher (50 Prozent besuchten die Expo ein einziges Mal, 35 Prozent zwei Mal, 11 Prozent drei Mal und 2 Prozent vier Mal).

Durchschnittliches Besucheraufkommen pro Tag: 116'000.

2  Millionen Besucher im Schweizer Pavillon.

Teilnahme von mehr als 15'000 Unternehmungen aus aller Welt.

700 Konzerte oder Shows.

1100 Food-Shows.

1000 Zeremonien und Konferenzen (inkl. Nationentage).

330 Kultur- und Kunstevents.

60 Besuche von Staatsoberhäuptern und Regierungschefs.

270 offizielle Delegationen.

2 Stunden und 45 Minuten: Mittlere Wartezeit für die Pavillons.

Gemäss einer von Coldiretti/IXE durchgeführten Umfrage halten 74 Prozent der Italiener die Weltausstellung für einen Erfolg. 88 Prozent der Besucherinnen und Besucher bezeichneten den Expo-Besuch als positiv. Die Besucher haben rund 2,3 Milliarden Euro ausgegeben (Fahrtkosten, Eintritt und Konsumation).

"Das Programm der Expo ist aufgegangen, denn heute hat Italien einen Wiedererkennungswert in Bezug auf Themen wie Kooperation im Landwirtschafts- und Lebensmittelbereich, der weitaus grösser ist als vor sechs Monaten. Wir haben der Weltausstellung eine Seele gegeben. Wir haben geholfen, den Sinn und Zweck einer Weltausstellung neu zu interpretieren und modernen Zeiten anzupassen", hielt ihrerseits die italienische Landwirtschaftsministerin Maurizio Martina fest.

Ohne "schöne Filmchen"

Auch die Schweiz kann eine hervorragende Bilanz ihres Expo-Auftritts ziehen. Der Schweizer Pavillon gehörte zu denjenigen, die das Thema "Den Planeten ernähren, Energie für das Leben" am besten umgesetzt haben. Die vier Türme der "Confooderatio Helvetica" waren mit Lebensmitteln gefüllt. Je mehr Apfelringe, Kaffee, Salz und Wasser die Besucher mitnahmen, umso schneller schwanden die Vorräte, die nicht aufgefüllt wurden.

Dieses Konzept gefiel dem Publikum, aber auch Medienleuten aus aller Welt, die dem Schweizer Pavillon zahlreiche Artikel widmeten. Die internationale Messe-Publikation "Exhibitor Magazine" zeichnet den Schweizer Pavillon sogar mit einem Preis in der Kategorie Beste Interpretation aus.

"Wir waren das erste Land, das seine Teilnahme an der Expo Milano vertraglich zugesichert hat. Wir waren auch die ersten, die in Italien eine Gastro-Roadshow wie den 'Giro del Gusto' durchgeführt haben - schon lange vor dem eigentlichen Beginn der Expo. In unserem Pavillon haben wir keine schönen Filmchen über unser Land gezeigt, und auch nicht unsere Agrar- und Nahrungsmittelindustrie beleuchtet, sondern eine Reflexion über nachhaltigen Konsum angeregt. Die Besucher wurden ermuntert, ihr eigenes Konsumverhalten zu überdenken", sagt Nicolas Bideau, Direktor von Präsenz Schweiz, gegenüber swissinfo.ch. Die Silos waren eine Veranschaulichung des sorgfältigen Umgangs mit beschränkten Ressourcen.

"Die Türme konnten ein neues Bild der Schweiz zeigen, als einem Land der Solidarität und des Teilens. Auch unsere Anstrengungen im Bereich der Kooperationshilfe für einen Zugang zu Wasser und Nahrung sowie im Bereich der Biodiversität kamen zum Ausdruck. Im Grundsatz ging es darum, ein Land zu zeigen, das nicht nur Lösungen für sich selbst, sondern für die ganze Welt anbietet. Das war eine Herausforderung", betont Bideau. Zugleich unterstreicht er, dass die Expo auch nützlich war, die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien auf unterschiedlichen Ebenen – Bund, Kantone, Regionen - zu intensivieren.

Schweizerisch-italienische Beziehungen gestärkt

Bundesrat Didier Burkhalter teilt die Eindrücke von Bideau. Plattformen wie Expo 2015 Milano hätten auch dazu gedient, mit dem Nachbarn bilaterale Fragen zu diskutieren, sagte der Schweizer Aussenminister bei seinem Besuch des Schweizer Pavillons am Vorabend von dessen Schliessung. Aus diesem Grund "war die Schweiz sofort vom Engagement für die Expo 2015 überzeugt".

Dies habe sich ausbezahlt, denn sowohl die Schweiz wie auch Italien "gehen als "Gewinner aus der Weltausstellung hervor", so Burkhalter weiter. Die Schweiz habe ihre ökonomischen, kulturellen und politischen Verbindungen mit Italien gestärkt. Nach der Expo sei man sich nähergerückt.

Schweizer Pavillon in Zahlen (1. Mai bis 30. Oktober 2015)

2,1 Millionen Besucher (11'400 pro Tag). Darunter waren auch fünf Mitglieder der Schweizer Regierung.

Knapp 40'000 Fans auf Facebook,

An 921 Events nahmen über 100'000 Besucher teil.

Empfang von 1800 Journalistinnen und Journalisten. Medienecho: 1650 Presseartikel in Italien, in der Schweiz und in anderen Ländern mit einem Marktwert von 5,5 Mio. Franken.

Die drei beliebtesten Menüs: Pizzoccheri aus dem Puschlav, Fondue sowie

Kalbsgeschnetzeltes nach Zürcher Art mit Rösti.

Die 365 Schokolade-Workshop zogen 9125 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an.

Verpasste Gelegenheit

Der guten Zahlenbilanz zum Trotz sind aber auch die kritischen Stimmen nicht verstummt, welche der Weltausstellung von Mailand vorwerfen, das Thema der Ernährung nicht wirklich tiefschürfend bearbeitet zu haben.

"Bei der Expo wurde die Technologie in den Mittelpunkt gestellt, um Hunger und Armut zu bekämpfen. Doch die Überzeugung, dass der Mensch die Natur beherrschen muss, ist eigentlich überholt und stellt höchstens eine unter vielen möglichen Lösungsansätzen dar", sagt Giosuè De Salvo, Koordinator der "Expo dei Popoli ("Expo der Völker"), ein italienisches Forum der Zivilgesellschaft und von Bauernvereinigungen, dem rund 50 Nicht-Regierungsorganisationen und Vereine angehören.

"Wir sind überzeugt, dass die Ernährungssouveränität in den Mittelpunkt eines politisch-kulturellen Projekts rücken muss, bei dem die Beziehung zwischen Mensch und Natur entscheidend ist", hält De Salvo fest. Die ganze Nahrungsmittelkette müsse zu diesem Zweck überdacht werden.

Auch Nino Pascale von Slow Food Italia bleibt kritisch: "Wir werden wohl erst in einigen Jahren Bilanz ziehen können, ob die Expo in Bezug auf Ernährungssicherheit neue Modelle und Alternativen zur jetzigen Situation hat entwickeln können." Slow Food als Non-Profit-Organisation engagiert sich in 150 Ländern für gute, saubere und fair produzierte Lebensmittel. "Unserer Meinung nach wurde genau denjenigen an der Expo zu viel Platz eingeräumt, die neue Modelle in der Nahrungsmittelversorgung verhindern, das heisst insbesondere die grossen, multinationalen Unternehmen", fügt Nino Pascale an.

"Carta di Milano" mit Wirkung?   

Anlässlich der Weltausstellung wurde auch die "Carta di Milano" verabschiedet, welche eine gemeinsame Verpflichtung für das Recht auf Nahrung beinhaltet. Es handelt sich um eine Charta, die von mehr als einer Million Menschen unterschrieben wurde und am 16. Oktober dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, anlässlich seines Expo-Besuches überreicht wurde.

Für Nino Pascale von Slow Food Italia hat diese Charta tatsächlich gute Seiten, "weil erstmals gewichtige Probleme in Bezug auf das Recht auf Nahrung thematisiert werden." Doch sie sei auch mit Mängeln behaftet. "Es wird nicht erklärt, wie wir zu Nahrungsmittel-Modellen kommen, deren Produktionssysteme auf viele Schultern verteilt sind. Gegenwärtig liegen diese in der Hand weniger Grosskonzerne."

(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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