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Wintersport-Hersteller in Tunesien Snowboards aus der Wüste

Eine Angestellte mit Kopftuch und Ohrenschutz bohrt Löcher für die Bindungen eines Snowboards

Eine Angestellte der tunesischen Snowboardfabrik Meditec bohrt Löcher für die Bindungen.

(Antoine Harari)

Das tunesische Unternehmen Meditec, das früher der Schweizer Snowboardmarke Nidecker gehörte, arbeitet heute mit mehr als 20 Marken zusammen. Darunter die Schweizer Snowboard-Marke West.

Abrupt stoppt unser Taxifahrer am Rand eines Industriegebiets ein Dutzend Kilometer ausserhalb von Tunis. "Meditec, das ist hier", sagt er. Hinter uns erhebt sich ein blaues Blechgebäude, umgeben von einer Mauer. Der Projektleiter des Unternehmens, Rami Oueslati, kommt uns entgegen.

Der dynamische Mann in seinen Dreissigern beeilt sich, uns die verschiedenen Werkstätten zu zeigen, in denen Snowboards entworfen und zusammengebaut werden. Dann führt er uns ins Büro des Direktors Ali Kouki.

"Bis 2011 gehörte dieses Unternehmen Nidecker. Im Jahr darauf hatte ich die Idee, es gemeinsam mit anderen Partnern wieder zu übernehmen. Die Fabrik existiert seit 1993, und wir haben die meisten der langjährigen Mitarbeiter behalten", sagt Kouki, ein ehemaliger Kitesurf-Champion in Tunesien.

Know-how ohne Schnee

Hier arbeiten rund 70 Angestellte an Holzbrettern, die mit jedem Arbeitsschritt immer mehr einem Snowboard ähneln. "Auch wenn wir hier über Maschinen verfügen, werden die meisten Arbeitsschritte von Hand ausgeführt", erklärt Oueslati. "Am Anfang waren unsere Kunden etwas misstrauisch, weil es in Tunesien praktisch nie schneit. Doch sehr bald schon bemerkten sie unser Know-how und unsere Sorgfalt."

Und die Angestellten würden regelmässig darüber informiert, was sie hier eigentlich zusammenbauen. "Wir zeigen ihnen oft Videos der Snowboards, die sie gebaut haben. Auch wenn sie selber noch nie gefahren sind, sind sie doch sehr stolz darauf, ihre Werke im Fernsehen zu sehen", so Oueslati.

In der Zwischenzeit sind wir bei der Presse angelangt, die dem Snowboard seine endgültige Form gibt. "Wir produzieren fast 30'000 Stück pro Jahr. Auch wenn 70% der Bestellungen für unseren langjährigen Kunden Nidecker sind, benützen wir den Rest, um mit kleinen Marken zusammenzuarbeiten. So können wir diesen etwas helfen."

Eine dieser kleinen Firmen ist West. Diese Westschweizer Snowboard-Marke war aus dem Traum vierer Freunde entstanden. David Lambert, ehemaliger Profi-Snowboarder, Michel Kropf, Ferdinand Muraglia und Matthieu Rouiller. Alle hatten sie Erfahrung mit der Skifirma Movement und dem Skimarkt gemacht. Und der Zufall will es, dass die Fabrik von Movement nur einige hundert Meter von Meditec entfernt ist. Weil sie aber gerade renoviert wird, ist ein Besuch leider nicht möglich.

Mehr Kreativität

Wir erreichen David Lambert am Telefon: "Unsere Firma entstand aus Gesprächen über die Snowboard-Szene und deren Mangel an Kreativität. Und wir fanden es schade, dass es ausser Nidecker keine andere Schweizer Snowboard-Firma gab."

Von etwa 120 Boards im Jahr 2014 hat die Westschweizer Firma ihre Produktion unterdessen auf mehr als 1000 Stück pro Jahr hochgefahren. "Wir haben überprüft, was in den letzten 30 Jahren gemacht wurde. Wir haben die neusten Techniken und das hochwertigste Material beigefügt, um ein Qualitätsprodukt zu erhalten. Wir bleiben schweizerisch, also sehr pedantisch", ergänzt Lambert. Man sei "sehr anspruchsvoll gewesen zu Beginn der Produktion".

Er ist sich des Paradoxons bewusst, in der afrikanischen Wüste ein reines Wintersport-Produkt herzustellen. "Das ist immer die erste Bemerkung, die unsere Deutschschweizer Kunden machen", sagt er grinsend. "Wir stellen auch Snowboards in der Schweiz her, aber die kosten 2000 statt 600 Franken pro Stück! Bei uns gibt es keine Industrie für solche Produkte, nur Handwerker, die aber nie die Menge an Boards liefern könnten, die wir benötigen", sagt Lambert.

Zuerst hatten die vier Romands daran gedacht, in der Schweiz eine Produktionsstätte zu eröffnen, doch die Kosten dafür waren zu hoch. "Wir hatten ungefähr vier Lösungen im Kopf, zuerst eher in Europa. Doch Tunesien hat uns gefallen, und dass sie Französisch sprechen, war ein echter Pluspunkt."

Auch wenn Lambert noch nicht voll vom Verkauf der West-Snowboards leben kann, ist er doch mit ihrem Wachstum zufrieden. "Dieses Jahr produzieren wir etwa 1000 Boards. Um hundertprozentig arbeiten zu können, müssten es etwa 5000 sein. Das aber ist nicht unbedingt das Ziel. Wir lassen uns Zeit."

Vertrauen entwickeln

So befindet sich die Schweizer Niederlassung des Unternehmens derzeit in einem kleinen Büro in Lamberts Wohnhaus. Und die Snowboards werden im Verkaufsgeschäft Lévitation in Martigny zwischengelagert, das Matthieu Rouiller gehört, einem der vier Gründer von West.

"Im Jahr 2018 braucht man zur Eröffnung eines Geschäfts nur ein Telefon und einen Computer. Den Rest kann man aus der Ferne machen", sagt Lambert. Und weil ein immer stärkeres Vertrauensverhältnis mit Meditec bestehe, reist der gebürtige Einwohner von Châtel-Saint-Denis, Kanton Freiburg, im Normalfall lediglich zwei bis drei Mal pro Jahr nach Tunesien.

Dennoch wird West international immer bekannter. Im letzten Frühling erhielten sie Besuch der Schweizer Botschaft in Tunis. Und Schweiz Tourismus, die nationale Tourismus-Marketingorganisation der Schweiz, lud West diesen September nach Peking an die World Winter Sports Expo ein, wo sie im Schweizer Pavillon das Land vertreten durfte.

Zudem benützen immer mehr professionelle Fahrerinnen und Fahrer ihre Boards bei Wettbewerben. Darunter die Schweizerin Elena Koenz, die im letzten Januar bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyongchang auf einem West ins internationale Rampenlicht fuhr.


(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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