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Zyklon Idai Mosambik "Der Ruf der Schweiz hat gelitten"

Jorge Lampião

 "Es hat immer Zyklone und Fluten gegeben. Aber ihre Stärke und ihre Zerstörungskraft, das ist neu", sagt Jorge Lampião, Mitarbeiter von Solidar Suisse.

(Florian Spring)

Jorge Lampião, Landeskoordinator der schweizerischen NGO Solidar Suisse in Mosambik, hat den Zyklon Idai miterlebt. Im Interview spricht er über die Versäumnisse der Regierung, die Bedeutung des Klimawandels und darüber, was die Katastrophe mit der Schweizer Grossbank Credit Suisse zu tun hat.

swissinfo.ch: Was sind knapp zwei Monate nach dem Zyklon die grössten Risiken für die Menschen in Ihrer Region?

Jorge Lampião: Eine grosse Gefahr ist, dass die Betroffenen stark kontaminiertes Wasser trinken. Dadurch kann es zu einem Ausbruch von Cholera oder anderen Krankheiten kommen, was vor allem in den Flüchtlingslagern zu vielen Toten führen könnte. Mit der Unterstützung der Schweiz konnten wir das verhindern.  

swissinfo.ch: Wie ist aus Ihrer Sicht die internationale Reaktion auf die Folgen des Zyklons ausgefallen?

J.L.: Die Reaktion war positiv. Wir sind dankbar für das viele Wissen, das Geld und die Güter, die Mosambik erreicht haben. Nicht nur im Bereich Wasser, sondern auch, was Gesundheit und Ernährungssicherheit angeht.

Was man hingegen verbessern könnte, ist die Koordination zwischen den Hilfsorganisationen und den lokalen Institutionen.

swissinfo.ch: Hätte man auch etwas tun können, um die Folgen des Zyklons abzuschwächen?

Zyklon Idai Mosambik Ein Tag zwischen zwei Katastrophen

Idai hinterlässt ein verwüstetes Mosambik. Die Schweiz hat Soforthelfende im Einsatz. Reportage aus dem Krisengebiet.

J.L.: Solche Desaster sind nicht neu für uns. Mosambik ist anfällig für Zyklone und Fluten. Aber Idai war viel stärker, als die Menschen erwartet hatten. Niemand hat mit dieser Dimension gerechnet. Es liegt in der Verantwortung des nationalen Instituts für Katastrophenschutz, die Menschen vorzubereiten und so die Folgen auf das Minimum zu reduzieren.

Sie wurden aber nicht so informiert, dass sie die Gefahr ernst genommen hätten. Daher sind viele zu Hause geblieben, statt sich in Sicherheit zu bringen. Zumindest ein Teil der über 600 Toten hätte man vielleicht verhindern können.  

swissinfo.ch: Hat man denn Lehren aus der Katastrophe gezogen?

J.L.: Ich denke ja. Es scheint, als wären bereits die Vorbereitungen auf den nächsten Zyklon, Kenneth, besser gewesen. Zudem war Idai auch eine Lehre in Bezug auf den Klimawandel. Viele Menschen hier hatten vorher nicht verstanden, was das für sie bedeutet. Jetzt sehen sie, dass der Klimawandel ihr Leben und ihr Umfeld beeinflussen kann. Orte, die einst als sicher galten, sind es heute nicht mehr.  

swissinfo.ch: Inwiefern?

J.L.: In Dombe zum Beispiel gab es schon vor fünf Jahren eine Flut. Danach mussten Menschen an einen Ort umgesiedelt werden, der als sicher galt. Doch der Zyklon Idai hat gezeigt, dass auch dieser Ort nicht mehr sicher ist. Die Leute sagen, sie hätten seit 75 oder 80 Jahren nichts Vergleichbares erlebt. Wer weiss also, ob die sicheren Orte von heute in Zukunft noch sicher sind?

swissinfo.ch: Es gibt für Sie also einen direkten Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den aktuellen Katastrophen?

J.L.: Ja. Natürlich hat es in Mosambik schon immer Zyklone und Fluten gegeben. Aber ihre Stärke und ihre Zerstörungskraft, das ist neu.

swissinfo.ch: Erschwert wird der Wiederaufbau auch durch die wirtschaftliche Krise, in der sich Mosambik befindet. Mitverantwortlich dafür sind Kredite, welche die Credit Suisse möglicherweise illegal an staatsnahe Firmen vergeben hat. Wie erleben Sie die Folgen dieser Machenschaften?

J.L.: Die Leute leiden doppelt. Wir bräuchten mehr Schulen, Gesundheitszentren, eine bessere Wasserversorgung, bessere Transportmöglichkeiten und einen besseren Schutz gegen solche Naturkatastrophen. Wir zahlen mit unseren Steuern für die Schulden, die unsere Regierung aufgenommen hat.

Aber das Geld wurde nicht benutzt, um die nötige Infrastruktur aufzubauen. Die Menschen haben nicht profitiert. Im Gegenteil: Die Leistungen wurden sogar reduziert.

swissinfo.ch: Können Sie Beispiele nennen?

J.L.: In Mosambik gehen noch immer über 30 Prozent der Menschen nicht zur Schule. Über 50 Prozent haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die meisten haben kein Gesundheitszentrum in ihrer Nähe – manche müssen mehr als 20 Kilometer gehen für eine einfach Behandlung.

Wir arbeiten hart, um diese Bedingungen zu verbessern, aber es fehlt noch immer an allen Ecken und Enden. Deshalb fragen sich die Menschen, wie es jetzt weitergeht. Wird es irgendwann Gerechtigkeit geben?

swissinfo.ch: Sind Sie optimistisch?

J.L.: Diejenigen, die Falsches getan haben, müssen dafür bezahlen. Die Regierung soll ihnen das Geld, das sie genommen haben, wieder nehmen und damit die Schulden abzahlen. Nicht, dass die normalen Bürger dafür zahlen müssen.

swissinfo.ch: Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?

J.L.: Viele Menschen sind wütend. Dazu muss man sagen, dass wegen der hohen Analphabetismus-Rate der Zugang zu Informationen für viele Menschen limitiert ist. Gewöhnliche Leute in ländlichen Gebieten sind nicht gut informiert. Aber diejenigen, die verstehen, was passiert ist, sind sehr wütend über die Situation.

swissinfo.ch: Hat das auch Folgen für die Arbeit von Solidar Suisse?

J.L.: Für uns als NGO nicht. Aber der Ruf der Schweiz hat darunter gelitten. Normalerweise assoziieren wir das Land mit vielen guten Dingen. Aber jetzt fragen sich die Leute: Wie seriös kann ein Land sein, in dem solche Sachen passieren. Niemand hat von einer Schweizer Institution erwartet, dass sie ohne genügend Abklärung ein solches Geschäft abwickelt.

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